Naokos Lächeln

Mit „Naokos Lächeln“ feiert der vietnamesische Regisseur Tran Anh Hung ein verdientes Comeback. Seine elegische Leinwandadaptation des Bestsellers von Kult-Romancier Haruki Murakami erfasst sensibel die Essenz dieser bittersüß-melancholischen Geschichte über erste Liebe, Sexualität, tödlichen Verlust und Erwachsenwerden. Einzigartig beherrscht der Macher von „Der Duft der grünen Papaya“ und „Cyclo“ die Kunst, in erlesenen poetisch-sinnlichen Bildern einen ungewöhnlich intensiven Gefühlskosmos zu schaffen.

Webseite: naoko.pandorafilm.de

Japan 2010
Regie: Anh Hung Tran
Darsteller: Rinko Kikuchi, Kenichi Mazuyama, Kiko Mizuhara, Kengo Kora, Tetsuji Tamayama, Reika Kirishima.
Drehbuch: Anh Hung Tran, Haruki Murakami,
Länge: 110 Minuten
Verleih: Pandora Filmverleih
Kinostart: 30.06.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Tokio, in den späten 60er Jahren. Auch in Japan bricht sich ein neues Lebensgefühl Bahn. Studentenrevolte, Beatles und Hippiekultur. Schweigend streift der 20jährige Toru Watanabe (Kenichi Mazuyama) stundenlang mit seiner wiedergetroffenen Schulfreundin Naoko (Rinko Kikuchi) durch die unruhige Stadt. Beide verbindet eine traumatische Erfahrung: Der unerwartete Selbstmord ihres gemeinsamen Freundes Kizuki. Dabei wird sich der Student der Theaterwissenschaft seiner Liebe zu ihr bewusst. Doch nach einer zärtlichen Liebesnacht verliert die verletzliche junge Frau ihr seelisches Gleichgewicht und verschwindet zunächst aus seinem Leben. Verzweifelt schuftet Toru in der Fabrik, um sich von seiner Sehnsucht nach Naoko abzulenken.

Immer wieder schreibt er an die Adresse ihrer Eltern. Monatelang erhält er keine Antwort. Als Naoko ihm endlich antwortet, schreibt sie nur, dass sie in einem Sanatorium in den Bergen ist. Im Moment sei sie freilich nicht stark genug ihn zu sehen. Aber irgendwann würde sie sich freuen, wenn er sie besuchen käme. Währenddessen lernt Toru die lebensfrohe und temperamentvolle Midori (Kiko Mizuhara) kennen. Ihre selbstbewusste und offene Art fasziniert ihn. Und so scheint es, als müsste sich Toru nicht nur zwischen den beiden jungen Frauen, sondern auch zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft entscheiden. Lebendig und berührend erzählt die romantische Ballade vom Aufruhr der Gefühle in einer schmerzvollen und schicksalhaften Jugend und den verborgenen Qualen der scheinbaren sexuellen Befreiung.

„Ich lege sehr großen Wert auf Behutsamkeit“, verrät Regisseur Tran Anh Hung, „bei den Gesten und Bewegungen meiner Schauspieler“. Nicht zuletzt damit gelingt es dem 48jährigen Ästheten, für seine Literaturverfilmung einen eigenen Ton zu finden, mit dem die sechziger Jahre liebevoll nachgestellt werden. Gleichzeitig spiegelt sein melancholisches Jugendportrait die eigentümlich mäandernde Erzählweise des japanischen Bestsellerautors Murakami perfekt wider. Auf der Leinwand entfalten sich so erlesene Bildsequenzen. Schließlich ist der in Frankreich lebende Vietnamese nicht umsonst für einfühlsame und poetische Filme wie sein Regiedebüt „Der Duft der grünen Papaya und „Cylo“, für den er in Venedig den goldenen Löwen bekam, bekannt. In Zusammenarbeit mit dem brillanten, taiwanesischen Kameramann Mark Lee Ping Bin, der sich bereits bei Kultregisseur Won Kar Wei bewährte, stellt er diese Sanftheit ganz in den Dienst der tragisch-romantischen Liebesgeschichte.

Fast meditativ folgt seine schwebende Kamera den Protagonisten. In ruhigen Einstellungen schwelgt sie in traumhaft fließenden Übergängen von kargen Innenräumen zu idyllischen Landschaften mit wogenden Grasähren auf tief grün leuchtenden, regenfeuchten hügeligen Wiesen unter eisblauem Himmel. Zudem kongenial vertont mit einem Soundtrack des britischen Radiohead-Mitglied Jonny Greenwood und Stücken der Kölner Krautrockband CAN wirkt das Zusammenspiel von Film und Musik erstaunlich authentisch. Vor allem die schauspielerische Leistung von Rinku Kikuchi als introvierte Naoko überzeugt. Glaubwürdig verkörpert die 30jährige Japanerin, die ihren internationalen Durchbruch in Alejandro Gonzales Innaritus „Babel“ feierte, die Seelentiefe ihrer mädchenhaften Protagonistin. Erneut entstand so ein Stück schlichte, reine Kinopoesie, das seine Faszination aus einem ungeheuren Bilderreichtum und einer feinen Zeichnung seiner Charaktere bezieht.

Luitgard Koch

Naoko, Watanabe und Kizuki sind Freunde, Naoko und Kizuki ein Paar. Als letzterer sich das Leben nimmt, gerät Naoko aus der psychischen, gefühlsmäßigen und alltäglichen Lebensbahn. Ihre Freundin Reiko versucht manchmal wenigstens, ihr zur Seite zu stehen.

Watanabe sucht zwar Naokos Nähe, wird aber immer wieder abgeblockt. Manchmal gelingt es der jungen temperamentvollen und selbstbewussten Midori, ihn abzulenken. Die „Wahlverwandtschaft“ allerdings besteht mit Naoko. Irgendwann muss Watanabe eine Entscheidung treffen.

Watanabes Kumpel Nagasawa erweist sich rasch als falsche Gesellschaft. Er hat einen ziemlich verwilderten Charakter, führt ein total freizügiges Leben und behandelt seine Geliebte Hatsumi derart schlecht, dass diese sich schließlich das Leben nimmt.

Alle sind nicht viel älter als 20, kaum der Pubertät entwachsen.

Fußend auf dem gleichnamigen Bestsellerroman von Haruki Murakami geht es den Machern darum, die altersbedingte Unsicherheit der Protagonisten, den durch den Tod Kizukis erlittenen Schmerz, die belastete Gefühlswelt aller Beteiligten, die durch das Nicht-zusammenkommen-Können Watanabes und Naokos bedingte Wehmut, die durch Nagasawas Verhalten symbolisierte revoltierende Zeit (1960), das durch Naokos fortschreitende seelische Krankheit bedingte Leid oder die mühsame Suche nach einem gültigen Lebensweg filmisch aufzuzeigen.

Das ist in einem ruhigen Rhythmus, mit verständlich gemachten psychischen Regungen, durch eine diskrete Regie und mit ästhetisch beachtlichen Bildern und Szenen in beträchtlicher Weise gelungen.

Die bewegte Gefühlswelt einer Gruppe junger Japaner.

Thomas Engel