Miami Vice

Basierend auf der inzwischen zu Kultstatus verklärten Fernsehserie aus den 80er Jahren, begibt sich Michael Mann einmal mehr in die Welt des organisierten Verbrechens. Im Gegensatz zu Genreklassikern wie Thief und vor allem Heat, bleibt Miami Vice jedoch pure, fraglos glänzend inszenierte Oberfläche und schafft es nur allzu selten ein Interesse an seinen Figuren zu entwickeln.

Webseite: www.miamivice-film.de

Regie: Michael Mann
Buch: Michael Mann
Kamera: Dion Beebe
Schnitt: William Goldenberg, Paul Rubell
Darsteller: Colin Farrell, Jamie Foxx, Gong Li, Naomie Harris, Luis Tosar, John Ortiz
USA 2006, 132 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: UIP
Kinostart: 24. August

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit der gleichnamigen Fernsehserie, die pastellfarbene Jacketts, Slipper und Speed-Boote berühmt machte, hat dieser 130 Millionen Dollar teure Hollywood-Produktion kaum etwas gemein. Badete die Serie in der Art Deco-Ästhetik Miamis, tauchen Mann und sein großartiger Kameramann Dion Beebe die kubanisch geprägte Stadt im Süden Floridas in die Schatten der Nacht. Gefilmt auf modernstem digitalem Filmmaterial entstehen so extrem grobkörnige Bilder, die durchaus gewöhnungsbedürftig sind. Doch wie schon in seinem vorletzten Film Collateral, nutzt Mann auch hier die Lichtempfindlichkeit des digitalen Materials zu außerordentlich stimmungsvollen Nachtaufnahmen, in denen einzelne Wolken zu erkennen sind und dem düsteren Szenario ein zusätzliches Maß an Atmosphäre verleihen. Von Anfang an erleben wir die Detektive Sonny Crockett (Colin Farrell) und Ricardo Tubbs (Jamie Foxx) in ihrem Element. Und das ist die Undercoverarbeit in Nachtclubs, schmierigen Bars und den Drogenumschlagplätzen Südamerikas. Bis nach Kuba, Paraguay und Kolumbien führt sie der Versuch einen Drogenboss zu schnappen, der allen ernstes Arcángel de Jesús Montoya (Luis Tosar) heißt. Dazu kommen noch ein Maulwurf im FBI, eine Gruppe rassistischer weißer Nazi-Rocker und etliche der üblichen südamerikanischen Schergen. So realistisch Michael Manns Filme auch immer aussehen, so penibel, geradezu pedantisch er das Prozedere von Polizeioperationen beobachtet, so hanebüchen wirken oft seine Szenarien. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fängt Crockett eine Affäre mit Isabella (Gong Li) der Frau des Drogenbosses an, die natürlich nicht auf gewöhnliche Weise beginnt. Nein, in Manns Welt, brettert das Paar mit einem Schnellboot über das Meer, umkreist von atemberaubenden Kamerafahrten, legt in Kuba an und trinkt in einer Bar, die direkt aus einer Bacardi-Werbung zu stammen scheint, einen Mojito. Dieses Flair für operettenhaft übersteigerte Geschichten und Dialoge kultivierte Mann schon in seinen Arbeiten fürs Fernsehen. Im Kino erreichte dieser Stil seinen Höhepunkt in Heat, wo Robert de Niro einen unvergesslich bizarren Satz von fluoreszierenden Algen auf Fiji zum Besten gab während er einer Frau hoch über den nächtlichen Lichtern von L.A. den Hof machte.

Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Filmen ist nun, dass es Heat trotz aller Extravaganz immer schaffte faszinierende Charaktere zu präsentieren, deren brütende Wesen gleichzeitig Fluch und Segen waren. In Miami Vice aber gelingt es Mann nur sehr selten hinter die betont coolen Fassaden Crocketts und Tubbs zu werfen. Sie bleiben genau das: Fassaden, Projektionen ohne jegliche Substanz. Was sie bei ihrer Arbeit denken und fühlen, ob sie sich zur kriminellen Seite hingezogen fühlen, wie man bei großzügiger Auslegung, vermuten könnte, all das bleibt offen. Dass ist zu Schade, denn die Bilder die Mann entwirft sind oft umwerfend. Durch die wenig involvierende Handlung wird die abstrakte, fast expressionistische Qualität mancher Momente noch gesteigert, aber auf Dauer ermüdet auch die schönste Oberfläche.

Michael Meyns