Morgen das Leben

Drei Menschen um die 40, in unklaren, prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen. Darum geht es in „Morgen das Leben“, den Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmers Alexander Riedel. Wie etliche andere Filme der letzten Zeit, versucht auch dieser, dokumentarische Beobachtung mit fiktiven Personen zu verbinden und dadurch ein besonderes Maß an Authentizität zu erlangen. Das Ergebnis ist im engen Rahmen seines bedächtigen und letztlich doch konventionellen Ansatzes durchaus sehenswert.

Webseite: www.morgendasleben.de

Deutschland 2010
Regie: Alexander Riedel
Drehbuch: Bettina Timm, Alexander Riedel
Darsteller: Judith Al Bakri, Ulrike Arnold, Jochen Strodthoff, Gottfried Michl, Kathrin Höhne
Länge: 92 Min.
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 2. Juni 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dem Klischeebild folgend ist München eine wohlhabende, glamouröse Stadt, in der fesche Pärchen im Sportwagen den Stachus entlangfahren, mittags bei Käfer essen und abends ins P1 gehen. Das München-Bild, das Alexander Riedel in seinem Film entwirft, könnte anders nicht sein. Er zeigt drei Personen um die 40, die die Mitte ihres Lebens erreicht haben, aber dennoch nichts Wirkliches erreicht zu haben scheinen. Zumindest nichts, das den zeitgemäßen Insignien eines erfolgreichen Lebens entsprechen würde. Die ehemalige Stewardess Judith (Judith Al Bakri) lebt als allein erziehende Mutter mit ihrem kleinen Sohn in einer anonymen Wohnsiedlung am Rand der Stadt und verdient mit Heimarbeit wie Telefonmarketing ihr Geld. Ulrike (Ulrike Arnold) wurde gerade von ihrem Freund verlassen, hat ihren sicheren Beamtenjob aufgegeben und beginnt nun eine Ausbildung zur Masseurin. Der einzige Mann im Bund ist Jochen (Jochen Strodthoff), der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, in einer Art Wohnheim lebt und nun beschlossen hat, als Versicherungsvertreter zu arbeiten, um ein geregelteres Leben zu führen.

In ruhigen, klaren Einstellungen zeigt der Film das Leben seiner drei Protagonisten, die sich nur einmal gegen Ende begegnen. Viel bleibt unbestimmt, Hintergründe werden meist nur angedeutet, die genaueren Umstände, wie es zu den aktuellen Situationen gekommen ist, kann sich der Zuschauer selbst ausmalen. Die Figuren würden so nur Chiffren bleiben, Typen, die für viele andere ähnliche Leben stehen würden, würden die drei Hauptdarsteller nicht so überzeugend in ihre Rollen schlüpfen. Dass die drei Figuren die Vornamen der sie verkörpernden Schauspieler tragen, deutet schon an, wie viel Raum Regie und Buch hier zur Interpretation gelassen haben, wie sehr die Schauspieler ihre Rollen – denn letztlich sind die gespielten Figuren natürlich weit weg vom realen Leben der drei Akteure – mit eigenen Erfahrungen füllen konnten. So sieht man im Aktenkoffer von Jochen etwa einmal kurz einen Wimpel von Werder Bremen, passend zum Geburtsort Jochen Strodthoffs.

90 Minuten beobachtet man das Leben dieser drei Menschen, ihre Versuche, sich eine verheißungsvollere Zukunft zu erarbeiten. Das ist fast immer so undramatisch, wie das Leben selbst. Emotionale Ausbrüche, Konflikte, wirkliche Probleme haben die Figuren nicht zu bestehen, was einerseits fraglos eine realistische Darstellung ganz gewöhnlicher Leben ist, den Film als Ganzes aber andererseits arg undramatisch macht. Immer wieder kann man sich an fein beobachteten Momenten erfreuen, wirklich aufregend ist „Morgen das Leben“ allerdings nicht. In seinem eng gesteckten Rahmen ein sehenswerter Film, dem ein wenig mehr filmisches Wagnis gut gestanden hätte.

Michael Meyns

Mit etwa 40 Jahren, so der Autor und Regisseur Alexander Riedel, sollte man seinen beruflichen Weg, eine einigermaßen zufriedenstellende Familiensituation und eine gestandene persönliche Verfassung gefunden haben. Wem dies nicht gelang, für den gilt: „Morgen das Leben“.

Letzteres trifft für Judith zu, die ehemalige Stewardess, die jetzt in einer Münchner Stadtrandsiedlung als Alleinerziehende lebt und sich mit Heimarbeit und Telefon-Marktforschung über die Runden bringt. Sie sieht gut aus, leidet aber offensichtlich unter Einsamkeit. Zu den vereinbarten Zeitpunkten holt der Vater ihren Jungen ab. Offenbar ist das Sorgerecht so geregelt. Vielleicht kann Judith sich einmal Jochen angeln. Sie braucht ein neues Leben – nicht erst morgen, sondern sofort.

So geht es auch Ulrike. Sie hatte einen sicheren Beamtenjob beim Jugendamt. Ihr Freund ist abgehauen. Jetzt will sie wieder von vorn anfangen. Kosmetik und Massage soll es sein. Möglicherweise einmal als Selbständige. Vorerst muss sie wieder in die Ausbildung.

Jochen ist eigentlich Graphiker. Doch Aufträge gibt es nicht genug. Er sieht schon ziemlich heruntergekommen aus. Als Versicherungsvertreter wäre doch Kohle zu machen. Also lässt er sich von einem gewieften Fuchs anlernen. Die Kunden müssen wenn schon nicht übers Ohr gehauen so doch gehörig übertölpelt werden.

Such is live. Auf unüberstürzte, realistische und dokumentarische Art beobachtet Riedel die Menschen, die Zustände, das Münchner Stadtrandtreiben, die kritische Phase im Leben von Jochen, Ulrike und Judith, die ganz gewöhnliche Alltäglichkeit. Ein Dokuspielfilm, der letztlich überzeugen kann und sogar einigermaßen unterhält. Die drei Protagonisten (Ulrika Arnold als Ulrike, Judith al Bakria als Judith und Jochen Strodthoff als Jochen) machen ihre Sache bestens. Sie kommen deshalb gut an, weil sie normale Halbverlierer ohne großes Aufsehen, ohne große Dramatik spielen. Und genau so „normal“ läuft auch die Riedelsche Inszenierung ab.

Wie Halbverlierer „morgen“ ein zweites Leben wagen.

Thomas Engel