Nach der Musik

Ein filmischer Versuch, sich dem berühmten Vater zu nähern, ist Igor Heitzmanns „Nach der Musik.“ Er schildert das Leben des Dirigenten Otmar Suitner, der lange die Berliner Staatskapelle leitete und während seiner Zeit in der geteilten Hauptstadt zwei Familien hatte: Im Osten war er mit seiner Frau Marita verheiratet, am Wochenende fuhr er in den Westen zu seiner Geliebten und dem gemeinsamen Sohn Igor. Eine filmische Nabelschau, sehr intim und persönlich.

Webseite: www.nachdermusik.de

Deutschland 2007 – Dokumentation
Regie und Buch: Igor Heitzmann
 Musik: Wagner, Strauss, Brahms u.a.
105 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Weltecho
Kinostart: 14. Mai 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ob ein Film wie dieser vor zehn, fünfzehn Jahren entstanden wäre? Als Filmkameras klobig und Rohfilmmaterial teuer war? Kaum vorstellbar, dass es möglich gewesen wäre mit einem früher notwendigen größeren Filmteam jene Nähe zu erzeugen, die Igor Heitzmanns Film seine besondere Qualität gibt. Bisweilen ist man als Zuschauer Zeuge von solche intimen Familienmomenten, dass man sich nur als Voyeur fühlen kann, der Unterhaltungen lauscht, Situationen beobachtet, bei denen die Beteiligten lieber allein geblieben wären. Besonders die Szenen, in denen Heitzmann beide Frauen seines Vaters zusammenbringt, sie zu einem gemeinsamen Essen nötigt und versucht, ihre Sicht auf diese, nun ja, ungewöhnliche Konstellation einzufangen, sind voller Ambivalenz. Besonders Suitners Frau Marita ist dabei sichtlich unwohl und wortkarg, sie bleibt die verschlossenste Figur des Films, der hier eine deutliche Lücke hat. Heitzmanns Mutter Renate wiederum ist auskunftsfreudig und blickt gerne auf das Kennenlernen in Bayreuth zurück, wo der damals 43jährige, schon berühmte Dirigent, die 24jährige Studentin 1965 sah und sie, in seinen eigenen Worten „unbedingt haben wollte.“ Das Ergebnis der nie geheimen Liaison – beide Frauen waren von Anfang an über ihre Rivalin informiert – war ein Sohn, der seinen Vater nur am Wochenende sah und ihn erst kurz vor dem Fall der Mauer das erste und einzige Mal an seinem Arbeitsplatz, dem Dirigentenpult erlebte.

Der Wunsch, dieses Erlebnis zu wiederholen, ist der rote Faden des Films, erschwert durch die Parkinson-Erkrankung des Vaters. Seine Position als Kapellmeister der Berliner Staatskapelle hatte der in Österreich geborene Suitner 1990, nach 26 Jahren in Berlin, aufgegeben. Igor Heitzmann war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt und begann erst später, den Vater besser kennen zu lernen. Lange Passagen seiner Dokumentation füllen Gespräche mit dem Vater aus, Fragen nach Werdegang, vor allem aber nach der ungewöhnlichen Familienkonstruktion. Wirkliche Antworten gibt der Vater aber nicht und auch die Frauen entziehen sich jeglicher Bewertung. So droht der Film immer wieder, sich in der Beliebigkeit zu verlieren, in der eine auf den ersten Blick besondere Konstellation von allen Beteiligten als wenig bemerkenswert betrachtet wird. Das besonders Heitzmann und seine Mutter mit einem gewissen Phlegma sprechen, trägt darüber hinaus nicht dazu bei, ihre Fragen und Antworten lebhafter zu machen.

Immer wieder ist es die Musik, die den Film zurück auf Kurs bringt, Die Musik, die fraglos auch das Wichtigste im Leben Suitners war, wichtiger als Frau, Geliebte oder Sohn, die vor allem nicht dabei stören sollten mit zunächst der Dresdner, dann der Berliner Staatskapelle musikalischen Höhepunkten entgegen zu streben. Auch als älterer Herr, immer stärker vom Zittern der Hand geplagt, lebt Suitner spürbar auf, wenn er den Taktstock in der Hand hält, das Dirigentenpult betritt und Brahms oder Strauss dirigiert. Igor Heitzmann ist dem Vater während der Arbeiten an „Nach der Musik“ augenscheinlich näher gekommen und hat sich am Ende sogar den großen Wunsch erfüllt, den Vater noch einmal dirigieren zu sehen. Als Zuschauer hat man diese Reise gerne mitgemacht und einen interessanten, bisweilen sehr intimen Blick in eine ungewöhnliche Familienkonstellation werfen können.

Michael Meyns

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