Nebenrolle

In der verfallenden georgischen Hauptstadt Tbilisi inszeniert Ana Urushadze eine zunehmend ins surreale abdriftende Geschichte, in der ein alternder Schauspieler nur langsam realisiert, dass sich die Zeiten verändert haben. Der georgische Filmstar Dato Bakhtadze spielt dabei eine Version seiner Selbst und wirkt bald ebenso verfallen wie die Stadt. Ein mäandernder, ambitionierter Film, der Geduld verlangt und belohnt.

 

Über den Film

Originaltitel

Meorekhariskhovani Roli

Deutscher Titel

Nebenrolle

Produktionsland

EE, GE, TR, US, CH

Filmdauer

139 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Eleonora Granata-Jenkinson, Андрей Епифанов, Ivo Felt, დათო ბახტ

Regisseur

ანა ურუშაძე

Verleih

déjà-vu film

Starttermin

19.11.2026

 

Einst war Niaz (Dato Bakhtadze) ein Star des georgischen Kinos, doch diese Zeiten sind lange vorbei, auch wenn er selbst das noch nicht realisiert hat. Nach Jahren der Abwesenheit ist Niaz nun nach Tbilisi zurückgekehrt und spricht für eine Rolle vor, etwas, das er, der sich früher die Rollen aussuchen konnte, lange nicht getan hat.

Und die Rolle, die die junge Regisseurin Aza (Elene Mausuradze) für Niaz vorgesehen hat, ist noch nicht einmal groß, sondern nur eine Nebenrolle. Zu allem Überfluss gibt es kein richtiges Drehbuch, nur auf gezeichneten Storyboards hat Aza den Film skizziert, schließlich sei Film ein visuelles Medium, erklärt sie dem etwas irritierten Niaz. Eine Art Schlange soll er spielen, einen Mann, der sich häutet, der sein altes Ich abstreift.

Drei Tage Bedenkzeit bittet sich Niaz aus und streift anschließend im Sinne dieser Allegorie durch die Straßen der Hauptstadt, geprägt von grauen Häusern, die seit Jahren, um nicht zu sagen Jahrzehnten langsam verfallen, die so wirken, als wären sie seit Sowjetzeiten nicht renoviert worden.

Auf seinen Wegen begegnet Niaz alten Bekannten, Fans, die ihn für seine früheren Filme bewundern, ihn einladen, aber auch vereinnahmen und hinter seinem Rücken über ihn lästern. Vor allem über Niaz gescheiterte Ehe mit Liza Nato Murvanidze, die inzwischen mit einem viel jüngeren Mann zusammen ist. Und über den Sohn, den Niaz kaum zu sehen bekommt und der vielleicht die Ursache für die Krise seines Lebens, für die Krise seiner Karriere ist.

Vor neun Jahren gewann  Ana Urushadze in Locarno mit ihrem ersten Spielfilm „Scary Mother“ den Preis für den Besten Debütfilm. Damals erzählte sie von einer älteren Frau, die ein Buch schreibt und sich langsam in ein Monster verwandelt, die eine Welt imaginiert, die zwischen Realität und Fiktion changiert.

In ihrem zweiten Film „Nebenrolle“ variiert sie nun das Muster, fügt biographische Elemente ein – nicht umsonst ist der Name der Regisseurin im Film nur einen Buchstaben von ihrem eigenen entfernt – beschreibt jedoch vor allem den langsamen gesellschaftlichen Wandel ihres Heimatlandes.

Dabei nutzt sie auf geschickte Weise die Persona ihres Hauptdarstellers Dato Bakhtadze, der in der georgischen Filmwelt ein Star ist, der es sogar bis nach Hollywood schaffte. Zumindest in einigen Nebenrollen (!) war Bakhtadze in Actionfilmen wie „Wanted“, „Ben Hur“ oder „Extraction 2“ zu sehen, meist als Bösewicht besetzt, irgendwie osteuropäisch konnotiert, mit kräftigem Körper, wildem Bart und langen Haaren.

Wie eine Gestalt aus fernen Zeiten wirkt dann auch Dato/ Niza, wie er im langen, dunklen Mantel durch Tbilisi streift, sich mal in eine antik anmutende Badeanstalt verirrt, immer wieder isst und trinkt, schließlich erfährt, dass ihm ein verstorbener Filmkritiker sein letztes Buch gewidmet hat. Der vergangene Ruhm ist noch nicht ganz verblasst, allzu sehr strahlt er jedoch nicht mehr, das muss Niza langsam realisieren.

In losen Sequenzen, die zunehmend wie ein Traum wirken, in denen Niza jedes Gefühl für die Realität und den Fortgang der Zeit verliert, beschreibt Ana Urushadze den langsamen Prozess einer Häutung. Ein wenig Geduld fordert der fast 140 Minuten lange Film, doch gerade die langsame, mäandernde Erzählweise lässt einen Sog entstehen, der wunderbar zum verfallenden Charme der georgischen Hauptstadt passt.

 

Michael Meyns

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