Nightcrawler

Tief in den moralischen Verfall des amerikanischen Traums und der exzessiven Medienkultur der Gegenwart taucht Dan Gilroy in seiner konsequenten, bösen Satire „Nightcrawler“ ein. Jake Gyllenhaal brilliert in der Rolle eines latent manischen, hageren Einzelgängers, der Freelance Journalist ohne Skrupel auf der Karriereleiter nach oben steigt. Einer der besten Filme des Jahres.

Webseite: www.nightcrawler-film.de

USA 2014
Regie, Buch: Dan Gilroy
Darsteller: Jaka Gyllenhaal, Rene Russo, Bill Paxton, Riz Ahmed, Ann Cusack, Kevin Rahm, Eric Lange
Länge: 118 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 30. Oktober 2014
 

FILMKRITIK:

Mit kleinen Diebstählen hält sich der Nachtschwärmer Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) über Wasser und treibt sich ansonsten viel im Internet herum, die Möglichkeiten des Mediums zur Selbst- und Weiterbildung nutzend. Ein schneller Lerner ist er nach eigener Aussage, was sich bald bestätigt: Zufällig kommt Lou an einem Unfall vorbei und beobachtet, wie ein Kamerateam die Rettung einer schwer verwundeten Frau filmt und das Video für hunderte Dollars verkauft. Dies ist die Initialzündung für Lous Einstieg und vor allem Aufstieg in der von jeglicher Moral befreiten Welt des Freelance Journalismus.
 
Mit einem Polizeifunkscanner und einer billigen Videokamera ausgestattet macht er sich auf die Jagd – im wahrsten Sinne des Wortes: Während andere Reporter zurück bleiben, geht Lou dahin, wo es weh tut, denn dort gibt es die besten Bilder: blutige Verwundete, Einschusslöcher, Drama. In der alternden Fernsehjournalistin Nina (Rene Russo) findet Lou eine ideale Verbündete, die angesichts der Aufsehen erregenden Bilder, die Lou liefert, geradezu körperlich erregt wird. Denn ihr Job hängt von den Einschaltquoten ab, und je dramatischer die Nachrichten sind, je mehr das weiße Zielpublikum von gegen Weiße verübter Gewalt, Raub und Mord zu sehen bekommt, desto besser die Quote. Lou hat keine Scheu, Nina das zu liefern, was sie braucht, und scheut auch nicht davor zurück, vor der Polizei in Häuser einzudringen, in denen Mordopfer noch in ihrem Blut liegen.
 
Oft wurden im Kino die zynischen, skrupellosen Aspekte des Journalismus herausgestellt: Von Howard Hawks „His Girl Friday“ über Billy Wilders „Ace in the Hole“ bis hin zu zeitgenösssichen Filmen wie „The Paper“ oder „Shatterd Glass“ standen immer wieder Journalisten im Mittelpunkt, die für eine gute Story fast über Leichen gehen. Mit seinem Regiedebüt geht Dan Gilroy noch einen Schritt weiter und stellt eine Figur in den Mittelpunkt, die eher an den „Taxi Driver“ Travis Bickle erinnert als an auch nur annährend normale Menschen.
 
Hager wirkt Jake Gyllenhaal in seiner gewagtesten Rolle, von immenser Selbstüberzeugung geleitet, die keine Hindernisse gelten lässt und den amerikanischen Mythos der Selbstverwirklichung ins Absurde übersteigert. Dass er dabei nie ins wirklich Manische abdriftet, das Brodelnde, Exzessive seines Charakters immer nur angedeutet bleibt, ist eine der großen Stärken des Films. Ebenso wie der zurückhaltende Blick, der es schafft, einen voyeuristischen Blick auf Unfall- und Verbrechensopfer zu vermeiden: Fast nie sieht man diese Opfer direkt, bleibt die Kamera auf Lou, zeigt ihn beim Filmen, bei der kaum verhohlenen Begeisterung für Blut und Zerstörung.
Was „Nightcrawler“ aber letztlich zu einem großen Film macht, ist die Konsequenz, mit der er seine Geschichte zu Ende erzählt. Man kann noch nicht einmal von moralischem Verfall sprechen, denn sowohl Lou als auch Nina besitzen keine Moral. Nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht agiert dieses Duo, das sich verachtet, aber doch angezogen ist und im Gegenüber das eigene Selbst erkennt, die eigene, geradezu erotische Faszination für Exzess.
 
Schön anzusehen ist das nicht, in seiner Bösartigkeit erschreckend, aber durch seine Konsequenz und Schonungslosigkeit auch eine präzise Darstellung der modernen Medienwelt. Ein herausragender Film.
 
Michael Meyns