No Place On Earth

In einem riesigen Höhlensystem in der Ukraine stieß der erfahrene Höhlenforscher Christopher Nicola auf Zeugnisse einer den meisten von uns bislang vermutlich unbekannten Geschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Dort unten, meist in Dunkelheit und Kälte suchten mehrere jüdische Familien über mehr als ein Jahr Zuflucht vor den Nazis. Mit großem Aufwand, renommierten Kameraleuten und Schauspielern erzählt die Dokumentarfilmerin Janet Tobias diese Episode nun nach. Dabei sind vor allem ihre Interviews mit den Überlebenden ein beeindruckendes Zeugnis.

Webseite: wwww.noplaceonearth.senator.de

No Place on Earth
UK/USA/D 2012
Regie: Janet Tobias
Drehbuch: Paul Laikin, Janet Tobias
Kamera: Eduard Grau, Peter Simonite, César Charlone, Sean Kirby
Laufzeit: 84 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 2.5.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auch über sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges kommen noch immer neue, unglaubliche und mitunter geradezu groteske Geschichten ans Licht. Im Fall von „No Place on Earth“ ist dieser Vergleich sogar wortwörtlich zu verstehen, denn das, wovon der Film erzählt, spielte sich zum größten Teil tief unter der Erde in völliger Dunkelheit ab. Was zunächst wie eine Naturdokumentation über ein weit verzweigtes Höhlensystem beginnt, wandelt sich schon bald zu einem kompromisslosen, für uns heute nur schwer begreifbaren Überlebenskampf in finsteren Zeiten. Wir befinden uns in der Ukraine, genauer im Westen des Landes im kleinen Dorf Korolowka, wo bis in die 1930er Jahre eine multiethnische Gemeinschaft aus Ukrainern, Polen und osteuropäischen Juden lebte. Doch dann kamen die Nazis und mit ihnen Tod und Vertreibung.

Eigentlich wollte der in New York lebende Höhlenforscher Christopher Nicola etwas über seine orthodoxen Vorfahren in Erfahrung bringen, als er kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion in die Ukraine reiste. Stattdessen fand er die Geschichte einer anderen Familie, die ihn wohl nie mehr loslassen wird. Bei einem Ausflug in die 123 Kilometer lange, in der Nähe von Korolowka gelegene Höhle, die unter den Einheimischen als die „Priestergrotte“ bekannt ist, stößt Nicola nicht auf vorzeitliche Wandmalereien sondern auf die Zeugnisse eines augenscheinlich recht modernen Alltags: Auf Schuhe, Metallgeschirr, Knöpfe und Medizinfläschchen. Diese Funde wecken seine Neugier. Schließlich erzählen andere Dorfbewohner ihm von Esther Stermer und ihrer Familie. Als im Herbst 1942 die Situation für Juden in der Ukraine allmählich lebensgefährlich wird und an eine Flucht nicht mehr zu denken ist, beschließen die Stermers, sich in der nahe gelegenen Vertaba-Höhle vor den Deutschen zu verstecken. Auch Esthers Schwester Leiche Wexler und ihre beiden Söhne Sol und Leo folgen ihnen in das unterirdische Versteck.

Was sich dann ereignet und wovon die US-Dokumentarfilmerin Janet Tobias in „No Place on Earth“ erzählt, ist ein bemerkenswerter, in seiner Tragweite heute kaum nachvollziehbarer Kampf ums Überleben. Jeden Tag lebten Esther und die anderen 27 Höhlenbewohner in ständiger Angst vor ihrer Entdeckung. Hierzu kam es im Frühjahr 1943 – mit dramatischen Konsequenzen für die gesamte Familie. Als Zuschauer sieht man fassungslos und zugleich erstaunt dieser bemerkenswerten, den allermeisten sicherlich bislang unbekannten Familiengeschichte zu, vor allem weil uns Tobias und Nicola immer tiefer unter die Erde, an ganz und gar unwirkliche Orte führen. So müssen Esther und ihre Angehörigen das vergleichsweise komfortable Versteck in der Vertaba-Höhle – hier gibt es immerhin genug zu essen, Holz, Lampen und provisorische Betten – schon bald verlassen. Eher zufällig entdecken sie auf der Suche nach einem neuen Versteck den Eingang zu einem bis dahin unerforschten Höhlensystem.

Der erfahrenen Dokumentarfilmerin gelang es, alle (Über-)Lebenden der Familie Stermer für ausführliche, ungemein eindringliche Interviews zu gewinnen. Bereits ihre Schilderungen sind ein beeindruckendes Zeugnis und lassen die Vergangenheit wieder lebendig werden. Dazu kommen aufwändig produzierte Spielszenen mit Darstellern, die – obwohl nicht an Originalschauplätzen gedreht – sich jederzeit realistisch und echt anfühlen. Insbesondere die Kameraarbeit des Spaniers Eduard Grau, der bereits den klaustrophischen Ein-Personen-Thriller „Buried – Lebend begraben“ bebildert hatte, verleiht den nachgestellten Höhlenszenen eine besondere Intensität. Am Ende besuchen die inzwischen neunzigjährigen Saul und Sam Stermer, ihre Nichten Sonia und Sima und die Enkel Korolowka. Sie steigen trotz ihres Alters sogar noch einmal in die Höhlen hinab. Es ist der Moment, an dem der vielleicht schönste Satz des Films plötzlich greifbar wird: „We are not survivors, we are fighters“ heißt es da.

Marcus Wessel

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