Bei der Berlinale redetet sich Wim Wenders über die Frage in die Bredouille, ob und wie Film politisch sein sollte. Eine ähnliche Fragestellung zieht sich durch den Dokumentarfilm „Noga“, denn das österreichische Brüderpaar Jono und Benji Bergmann porträtiert darin die israelische Musikerin Noga Erez, deren Kunst zwangsläufig politisch wahrgenommen wird, vor, aber erst recht nach dem 7. Oktober.
Über den Film
Originaltitel
Noga
Deutscher Titel
Noga
Produktionsland
USA, ISR, DEU
Filmdauer
95 min
Produktionsjahr
2026
Regisseur
Benji Bergmann
Verleih
Port au Prince Pictures GmbH
Starttermin
23.07.2026
Spätestens mit ihrem 2021 erschienenen Album „Kids“ wurde die damals 31jährige israelische Künstlerin Noga Erez auch über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt. Ihre Mischung aus elektronischen Klängen, an Rap erinnernden Gesang, gepaart mit feministischen, aber auch gesellschaftskritischen Texten ließen ihre Popularität wachsen.
Grund genug für das österreichische Brüderpaar Jono und Benji Bergmann, das in den letzten Jahren mit Dokumentarfilmen wie „Wirecard – Die Milliardenlüge“ bekannt wurde, mit „Mau“ auch schon einen Porträtfilm (damals über den Designer Stefan Mau) gedreht hatte, sich für Noga Erez zu interessieren. Nicht zuletzt deswegen, da Noga Erez zwar unter ihrem eigenen Namen auftritt, sie aber keine Solokünstlerin ist, sondern sich hinter ihrem Namen eine Band verbirgt, zu der vor allem auch Ori Rousso zählt, ihr Partner bei der Arbeit, aber auch im Leben.
Eine ungewöhnliche Konstellation, die zu Beginn der Dreharbeiten zusätzlich dadurch kompliziert wurde, dass das Paar eine Beziehungspause einlegte und nur noch professionell zusammenarbeitete. Wie genau all das funktionierte, ob eine Trennung von beruflichem und privatem überhaupt möglich wird, ist eine der vielen, losen Fäden, die sich durch einen Dokumentarfilm ziehen, der sich dem typischen Muster eines Porträtfilms bewusst entzieht. Weder wird in die Kindheit zurückgeblickt, keine alten Videoaufnahmen oder Fotos erzählen von den künstlerischen Anfängen, auch Talking Heads fehlen völlig, Interviews mit Freunden und Wegbegleitern, ja selbst Noga und Ouri sprechen nie direkt in die Kamera sondern werden ausschließlich beobachtet. Nicht aus der Distanz, sondern aus offensichtlicher Nähe und mit sympathisierendem Blick, wie es angesichts von Dreharbeiten, die über viele Jahre andauerten, nicht anders zu erwarten ist, aber doch mit genügend Abstand, um „Noga“ nicht zu einer der typischen unkritischen Hagiographien werden zu lassen, wie sie in diesem Genre allzu üblich sind.
Besonders interessant wird „Noga“ dadurch, das mitten in die Dreharbeiten der 7. Oktober 2023 fiel, der den Film, aber auch die Karriere Nogas, in ein davor und danach teilt. Mit Songtiteln sind die Kapitel des Films benannt, vor dem 7. Oktober mit A, danach mit B, wie die beiden Seiten einer Schallplatte. Und hier kommt die Frage des politischen besondere Bedeutung, denn Noga Erez war gerade auch in ihrer Heimat bekannt und umstritten für kritische Aussagen über die Politik ihres Landes, wurde bisweilen gar als selbsthassende Jüdin bezeichnet.
Selbst die gerade in Deutschland umstrittene Organisation BDS, die sich unter anderem für einen Boycott Israels einsetzt, wurde von Erez nicht rundheraus abgelehnt, sondern als durchaus legitime Methode betrachtet, zu einer Veränderung der israelischen Politik zu führen. Nach dem 7. Oktober jedoch sieht sich Noga Erez selbst mit Konzertabsagen konfrontiert, steht sie selbst im Mittelpunkt eines Boycotts aus Israel stammender Künstler, was besonders in der EDM-Szene kontrovers diskutiert wurde.
Unterschwellig gelingt es Jono und Benji Bergmann hier komplizierte Themen anzureißen, auf die es keine leichten Antworten gibt. Für Fans der Künstlerin ist „Noga“ ohnehin Pflichtprogramm, aber auch wer Noga Erez und ihre Musik nicht kennt lernt eine spannende Person kennen, die es sich im Umgang mit sich selbst, ihrer Kunst und ihrem Land nicht leicht macht.
Michael Meyns







