O’Horten

Nach einem kurzen Exil in Amerika, wo er die Bukowski-Verfilmung „Factotum“ drehte, kehrt Bent Hamer zurück in seine norwegische Heimat und dem Stil seines bislang erfolgreichsten Films „Kitchen Stories“. In perfekt komponierten, meist statischen Bildern beschreibt „O’Horten“, wie die Titelfigur, ein Lokomotivführer, mit dem Übergang vom Berufsleben zur Rente umgeht. Stilistisch erreicht Hamer dabei die Klasse seines offensichtlichen Vorbildes Aki Kaurismäki, bevorzugt jedoch einen deutlich weniger satirischen Blick auf die Welt als der Finne.

Webseite: pandorafilm.de

Norwegen 2007
Regie: Bent Hamer
Buch: Bent Hamer
Darsteller: Bard Owe, Espen Skjonberg, Ghita Norby, Henny Moan, Bjorn Floberg, Kai Remlow, Per Jansen
Länge: 106 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Pandora Film
Kinostart: 18. Dezember 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Odd Horten (Bard Owe) steht kurz vor der Pensionierung. 40 Jahre ist er Zugführer, 40 Jahre, in denen jede Handbewegung, jede Fahrt, ja, sein ganzes Leben, zur Routine geworden ist. Hortens Strecke führt ihn von Oslo nach Bergen, durch schneebedeckte Landschaften, die die Monotonie seiner Handlungen noch augenfälliger machen. In Bergen übernachtet er in der kleinen Pension der gleichaltrigen Fru Thogersen (Ghita Norby), die ihm offenbar seit Jahren das immergleich Abendbrot serviert, ein paar Takte sagt und Horten schweren Herzens allein lässt. Am Abend vor seiner letzten Fahrt nimmt Horten eher widerwillig an einer Feier zu seinen Ehren teil. Für seine Lebensleistung erhält er ein kleines, silbernes Modell einer Lokomotive und darf bizarr anmutende Eisenbahner-Grüße über sich ergehen lassen. 

Mit feinem Humor zeigt Bent Hamer, der freimütig zugibt, als kleiner Junge selbst von einer Karriere als Lokomotivführer geträumt zu haben, die leicht autistisch wirkenden Eisenbahner. Zur Unterhaltung spielen diese sich Geräusche von Lokomotiven und Bahnhöfen vor, die besonders Horten sachkundig erkennt. Doch der Abend nimmt eine überraschende Wendung: Durch allerlei bizarre Umstände gerät Horten in das Schlafzimmer eines kleinen Jungen, der ihn partout nicht gehen lassen will. Und so passiert das Unvorstellbare: Horten, der Inbegriff der Zuverlässigkeit, verpasst seinen Zug – ausgerechnet seinen letzten.

Fortan ist Horten also Rentner, doch ohne Familie und Freunde außerhalb der Arbeit, steht Horten vor einem großen Loch. Er besucht seine greise Mutter, die ihm von ihrem Kindheitstraum berichtet, einmal von der großen Skisprungschanze in Oslo zu springen, doch schließlich ist es ein Mann auf der Straße, der Hortens Schicksal wendet. Wobei Wenden schon ein viel zu großes Wort in einem Film voller leiser Töne ist. Die Erkenntnis, die Horten aus seiner Begegnung mit einem vorgeblich wohlhabenden Diplomaten gewinnt, ist nur angedeutet, wie sich Bent Hamer ohnehin jeglicher Deutlichkeit entzieht. 

Bisweilen führt dieses Nichtssagen, dieses Abspielen in perfekte Tableaus getauchter Situationen, zu einer Atmosphäre, die, je nachdem wie man es auffasst, zwischen schlafwandlerisch und einschläfernd changiert. Zwar gibt es auch Szenen, deren Humor tatsächlich zu lautem Lachen führt, über weite Strecken ist der Witz von „O’Horten“ jedoch ein melancholischer, einer der leisen Töne. Die Qualität von Bent Hamers Erzählweise verlangt nach großer Aufmerksamkeit, nach einem Sinn für Nuancen und Zwischentöne, deren Bedeutung sich oft erst im Nachhinein zeigt. Lässt man sich aber auf „O’Horten“ ein und stört sich nicht daran, dass oberflächlich betrachtet wenig passiert, wird man mit einem vielschichtigen Blick in die Psyche eines Mannes belohnt, der sein Leben von Grund auf ändert.

 

Michael Meyns

40 Jahre lang war Odd Horten (in Norwegen) Lokomotivführer. Jetzt ist er 67 und wird pensioniert. Durch ein Missgeschick verpasst er eine Feier mit seinen Kollegen aus diesem Anlass, und von da an beginnt für ihn eine Achterbahn- und Irrfahrt, wie man sie sich kauziger, absurder, humorvoller, einsamer und zufälliger nicht vorstellen kann. 

Sie führt ihn aus Versehen zu einem Kind, das nicht einschlafen kann; zu seiner demenzkranken Mutter, die bald darauf das Zeitliche segnet; zu einer überflüssigen Leibesvisitation am Flughafen; zu einer drolligen Sauna- und Badeepisode; zu einem missglückten Bootsverkauf; zu einem falschen Diplomaten mit originell-verqueren Ideen, der blind Autofahren kann und unerwartet seinen Geist aufgibt; in eine Gastwirtschaft, die einen skurrileren Betrieb nicht haben könnte; zu seinem Skisprung auf der Holmenkollen-Schanze, den er im Gegensatz zu seiner schanzenspringenden Mutter als Jugendlicher nie gewagt hatte. Und zu ein paar anderen Situationen mehr. 

Der Film hat einen Stil, den man mögen muss. Er ist getragen-ruhig, langsam erzählend, von ganz wenigen Personen beherrscht – dann plötzlich, fast überfallartig komisch, meist dunkel gehalten, Einsamkeit spüren lassend, oft ganz einfach schön.

Diesem Odd Horten widerfährt viel Verrücktes. Eines aber kann ihn stolz machen: Wenn er je ängstlich oder feige war, mit seinem Holmenkollen-Sprung hat er all das überwunden.

Thomas Engel