Sweet Mud

SWEET MUD erzählt von einer Kindheit im Kibbutz in den 70er Jahren. Während der Bruder sich verdrückt, die Großeltern grollen und die Kibbutzmitglieder sich heraushalten, versucht der 12-jährige Dvir zu seiner psychisch kranken Mutter zu stehen. Eine Aufgabe, die ihn mitten in der Gemeinschaft des Kibbutz sehr einsam werden lässt, und die letzten Endes zu groß für ihn ist. Liebevoll und sensibel schildert Regisseur Dror Shaul das Wechselbad von Hoffnung und Sorge, das Dvir durchmacht, bevor er eine bittere Entscheidung trifft.

Webseite: www.sweetmud.de

Israel/Deutschland/Frankreich/Japan 2006
Regie und Buch: Dror Shaul
Darsteller: Tomer Steinhof, Ronit Yudkevitz, Shai Avivi, Pini Tavger, Gal Zaid, Henri Garcin
Länge: 100 min
Verleih: W-film
Kinostart: 7.8.2007

PRESSESTIMMEN:

 

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FILMKRITIK:

1974, ein abgelegener Kibbutz in Israel: Es ist Sommer, die Wassersprenger wässern des Nachts die Felder, ein Hauch von Sepia bestimmt die Farben und verleiht SWEET MUD den Tonfall einer Erinnerung. Aber von Nostalgie ist in Dror Shauls zweitem Kinofilm, der 2007 den Gläsernen Bären der Kinder-Berlinale gewann, nichts zu spüren. Gleich die ersten Bilder zeigen einen funktionalen Aufsichtsraum bei Nacht. Im Wärmebecken stehen Babyflaschen, eine Funkanlage überträgt die Geräusche aus den Kinderhäusern. Wenn eins der Babys schreit, macht sich die Aufsicht mit der entsprechenden Flasche auf den Weg.

Der 12-jährige Dvir lebt hier, mit seiner Mutter Miri, dem großen Bruder Eyal und den Großeltern. Während die Mutter in einer kleinen Baracke für sich wohnt, sind die Kinder seit ihrer Geburt in Kinderhäusern untergebracht – eine Kibbutz-Praxis, die sich bis in die 80er Jahre gehalten hat. Dvir ist der Gruppe der Pfirsiche zugeteilt, die nächstes Jahr Bar-Mitzwa feiern wird, das Fest der Religionsmündigkeit, das zugleich den Übergang der Kinder von „einer Belastung zu nützlichen Mitgliedern der Gemeinschaft“ markiert. Wenn Dvir gerade keine Schule oder sonstigen Gruppenaktivitäten hat, streunt er über das Gelände, klaut mit dem Bruder Eis aus der Gemeinschaftsküche oder besucht Miri und hilft ihr, Liebesbriefe an ihren Freund Stephan in der Schweiz zu schreiben.

Über diesen Alltagsbeschäftigungen einer Kindheit hängt wie ein Schatten der mysteriöse Tod von Dvirs Vater und die Depression der Mutter. Wenn Dvir ungehorsam ist, bricht Miri schon mal verzweifelt in Tränen aus und als sich neue Freiwillige aus Europa bei ihr vorstellen, erscheint sie in Unterwäsche in der Tür. Eyal reagiert auf Miris unberechenbares Verhalten mit Flucht, die Großeltern machen sie für den Tod des geliebten Sohnes verantwortlich und die Kibbutzmitglieder empfinden es als lästige Pflicht, sich um Miri kümmern zu müssen, und so ist Dvir ihr einziger Verbündeter. Erst als der Kibbutzrat den Besuch  Stephans bewilligt, scheint sich die Situation zu bessern. Der alte Schweizer Karatemeister gibt Miri Halt und für einen kurzen Moment blitzt die Vision einer kleinen glücklichen Familie am Horizont auf. Einer Familie, in der Dvir das Kind sein könnte, das er ist.
Aber dann legt Stephan sich mit Avraham, einem der ungeschriebenen Chefs in der Gemeinschaft der Gleichen an und wird aus dem Kibbutz verwiesen. Dvir muss hilflos zusehen, wie seine Mutter immer schneller den Halt verliert. Verzweifelt und sehr sehr alleine kämpft er gegen den fortschreitenden Wahnsinn seiner Mutter und die Gleichgültigkeit seiner Umgebung.

Dror Shaul, der auch eigene Erfahrungen in SWEET MUD verarbeitete, zeichnet den Kibbutz als eine kalte Welt, in der starre Regeln die menschliche Wärme verhindern, die sie eigentlich institutionalisieren wollten. In der durchorganisierten Gemeinschaft gehen die Bedürfnisse der Einzelnen verloren und unter der behaupteten Gleichheit aller Mitglieder verbergen sich dieselben hierarchischen und patriarchalen Strukturen wie überall sonst.
Dennoch ist SWEET MUD weniger Abrechnung mit der Kibbutzbewegung, als ein oft trauriges, manchmal bitter-komisches, nie resigniertes Porträt eines Jungen der versucht, für seine Mutter die Mutterrolle zu übernehmen und dabei von den Erwachsenen alleine gelassen wird. Wie Dvir (Tomer Steinhof) Miri die Treue hält, sie zu trösten versucht und immer wieder auf Zeichen erwachender Lebensfreude hofft, ist phänomenal gespielt und herz zerreißend anzusehen.

Hendrike Bake

 

Der 12-jährige Dvir (Tomer Steinhof) liegt auf seinem Bett, starrt an die Decke und zerkaut in Gedanken versunken seinen roten Riesenlolli, anstatt genüsslich an ihm zu lutschen. Diese Einstiegsszene von Dror Shauls Film wird zum Sinnbild für die Geschichte des kleinen Jungen, die in den nächsten eineinhalb Stunden erzählt wird. Sein Leben ist süß, aber vor allem hart. 

Dvir lebt Mitte der 70er-Jahre mit seiner Mutter und dem älteren Bruder in einem Kibbuz im südlichen Israel. Die alternative Lebensgemeinschaft lebt nach ihren sozialistischen Grundregeln: Die Bewohner befolgen das Prinzip des gemeinschaftlichen Besitzes allen Eigentums, Gleichheit und Zusammenarbeit bei Produktion, Konsum und Erziehung. Jeder lebt nach seinen Bedürfnissen und seinen Möglichkeiten. Wie alle Kinder, die noch unter 13 Jahre alt sind und somit noch nicht ihre Religionsmündigkeit (Bar Mitzvah) erhalten haben, wächst Dvir zwar mit seiner Mutter auf, die eigentlichen Erziehungsaufgaben übernimmt aber das Kibbuz interne Kinderhaus, wo der Junge schläft, isst und die Schulklasse besucht.  

Der israelische Regisseur Dror Shaul, der selbst in einem Kibbuz aufgewachsen ist, nimmt in seinem preisgekrönten Drama die Doppelmoral der Bewohner ins Visier. Mit anfangs lakonischem Humor zeigt er, nach welch strengen und totalitären Prinzipien die Kinder in den Erziehungsanstalten gedrillt werden, bis sie bei Erreichen der Volljährigkeit für drei Jahre zum Militärdienst geschickt werden. Das Spannungsfeld erweitert der Regisseur mit einem dramaturgischen Trick: Miri (Ronin Yudkevitch), die Mutter des jungen Dvir, leidet seit dem Selbstmord ihres Mannes an Depressionen und wird so zur Außenseiterin in der Gemeinde. Ein bisschen Halt gibt ihr die Fernbeziehung zu dem älteren Schweizer Stephan (Henri Garcin). Als der mondäne 70-Jährige zu Besuch kommt, prallen zwei Welten aufeinander: Hier der weltoffene Dandy, der als Geschenk Toblerone-Schokolade im Gepäck hat und für Dvir schnell zur Vatrfigur wird, dort die strengen und dogmatisierten Kibbuz-Bewohner, deren scheinbar heile Welt längst empfindliche Risse der Zwietracht bekommen hat.  

Das einfühlsame Drama überzeugt vor allem durch seine Darsteller, von denen viele zum ersten Mal vor der Kamera standen. Besonders Tomer Steinhof als 12-jähriger Dvir ist die Unschuld ins Gesicht geschrieben, die ein Junge verspürt, der scheinbar machtlos ist gegen das System um ihn herum.  In einer untypischen, aber wunderbaren Kussszene gesteht er seinen besten Freundin Maya (Danielle Kitzis) die Liebe, die ihn eines Tages dazu ermutigen wird, den Kibbuz zu verlassen. 

Wie in so vielen Jugenddramen schafft es auch hier der Protagonist über sich selbst hinaus zu wachsen und somit die widrigen Umstände zu bekämpfen. Stellvertretend für Dror Shauls eigene Kindheit trägt diese Geschichte dazu bei, das hierzulande oft romantisch verklärte Bild der israelischen Kibbuzim in ein anderes Licht zu rücken, das seinen Teil zur Wahrheit beiträgt.

David Siems   

 

Israel 1974. Noch gehören die streng für sich bestehenden und fast von der Welt abgeschiedenen Kibuzzim, von denen es mehrere hundert gab (bzw. noch gibt), zu den wichtigsten Lebens- und Gemeinschaftsformen des Staates. Mental an der Spitze stehen einige hehre moralische Grundsätze wie etwa das Bekenntnis und die Treue zum Judentum, Disziplin, Ehrlichkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch sie werden dermaßen streng und unerbittlich, derart „sozialistisch“ gehandhabt, dass auch Schaden entstehen kann.

Miri, die Mutter des jungen Dvir, scheint zumindest teilweise ein solches Opfer zu sein. Sie ist psychisch krank, ihr Mann hat sich umgebracht. Zwar wird sie von Stephan, einem schon etwas älteren Schweizer, früher Judo-Meister, innig geliebt, und Stephan möchte sie auch in seine Heimat entführen und heiraten. Doch die Krankheit ist zu weit fortgeschritten. Die Rückfälle häufen sich.

Liebevoll wird die Mutter lange von Dvir umsorgt. Immer wieder versucht er ihr zu helfen, wünscht sich so sehr, dass sie gesund werde. Aber es ist zu spät. Er muss sich ab jetzt um sein eigenes Leben kümmern.

Beachtlich inszeniert und in eine wunderbare Bildsprache gekleidet werden die Befindlichkeiten der Protagonisten ausgebreitet: das langsame seelische Erlöschen der Mutter; für Stephan die Unmöglichkeit, Miri endgültig zu gewinnen; die liebevolle Sorge des erst etwa 13jährigen Kindes um seine Mutter. Aber auch die alles beherrschende Härte des Kibuzz-Systems, das Fehlen jeglicher Liberalität, die Vorherrschaft, die die Männer für sich in Anspruch nehmen.

Filmisch, menschlich sowie historisch von Belang. Von den Darstellern, vor allem von Tomer Steinhof als Dvir und von Ronit Yudkewitch als Miri, anrührend gespielt. 

Thomas Engel