Paradies: Hoffnung

Den Abschluss von Ulrich Seidls Ausnahme-Trilogie bilden die Erlebnisse eines Sommers von Melanie, Tochter und Nichte der Protagonistinnen aus den ersten Teilen. Sie wird von ihnen in ein Diätcamp für Jugendliche abgeschoben und verliebt sich unglücklich in einen wesentlich älteren Arzt. Erneut gelingt es Seidl auf kunstvolle Weise die Machtmechanismen und Begehrensstrukturen von Institutionen und der Gesellschaft, die sie hervorbringen visuell hervorragend auszustellen. Diesmal mit einem Funken Hoffnung.

Webseite: www.paradies-trilogie.de

Österreich / Deutschland / Frankreich 2012
Regie: Ulrich Seidl. Mit Melanie Lenz, Joseph Lorenz, Verena Lehbauer u.a.
91 Min.
Berlinale 2013
Verleih: Neue Visionen
Start: 16.05.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Den Abschluss von Ulrich Seidls Ausnahme-Trilogie bilden die Erlebnisse eines Sommers von Melanie, Tochter und Nichte der Protagonistinnen aus den ersten Teilen. Sie wird von ihnen in ein Diätcamp für Jugendliche abgeschoben und verliebt sich unglücklich in einen wesentlich älteren Arzt. Erneut gelingt es Seidl auf kunstvolle Weise die Machtmechanismen und Begehrensstrukturen von Institutionen und der Gesellschaft, die sie hervorbringen visuell hervorragend auszustellen. Diesmal mit einem Funken Hoffnung.

Ulrich Seidls großes Talent liegt vor allem in der Komposition des Szenischen, der Gestaltung von Bildräumen, die in ihrer tableauxhaften Form eine Stimmung und Intensität heraufbeschwören, der man sich kaum entziehen kann. War es im ersten Teil „Liebe“ das Spiel zwischen dem umzäunten Raum des Safari-Hotels in Kenia mit den pulsierenden Straßen der Einheimischen, das verhandelt wurde, bot sich dagegen im Kammerspiel „Glaube“ die klaustrophobische Enge von Anna Marias Wohnung, die in ihrem fanatischen Vertreten der Kirche ganz bei sich blieb.

In „Hoffnung“ nun, wird schon durch das Setting allein die ganze Schwere der Disziplinarmacht spürbar, die in ähnlicher Form wohl auch die Elterngeneration hervorgebracht hat: Das Diätcamp, in welches Melanie abkommandiert wird, befindet sich in einem alten Internatsgebäude, dessen massives Gemäuer wie geschaffen dafür scheint, um aufkeimende dissidente Selbstentwürfe einfach unter sich zu begraben. Zucht und Ordnung ist hier die Maxime und sie wird lustvoll vertreten von deren Abgesandten, wie dem gnadenlosen Sport-Trainer und dessen anorektischer Assistentin, welche die Jugendlichen vermessen und bewerten, sich aufreihen lassen und durchnumerieren.

Das erzwungene Traben der Kinder im Kreis erinnert an Haftbilder von Kubricks „Uhrwerk Orange“ oder auch van Goghs Studien zum Exerzieren in Gefängnishöfen von Saint-Rémy.
 
Jene Bilder der Monotonie und gewaltsamen Disziplinierung entwirft auch Seidl auf sehr konzentriert tableauxhafte Weise und sie offenbaren darin ihre zerstörende Kraft, stellen die offensive Erniedrigung und den normativen Zwang aus. Doch der Widerstand der Kinder regt sich in den wenigen privaten Momenten, die ihnen zugestanden werden, wenn auf den Zimmern, von den Aufsehern unbeobachteter Weise, zaghaft über Liebe, Sex und Zukunft gesprochen und Normen in Frage gestellt werden, subversive Partys mit hereingeschmuggeltem Süßkram, Jungs und Alkohol gefeiert werden. Die meisten sind Scheidungskinder und so verwundert es eigentlich nicht, dass der gelackte, aber durchaus noch attraktive Arzt, der die Diät überwachen soll, die Sehnsucht von Melanie weckt. Es entspinnt sich eine Lolita-Geschichte, die Seidl aber im Gegensatz zu Nabokov aus der Perspektive des Mädchens erzählt und ihren verletzlichen Gefühlen, aber auch dem energisch durchgesetzten Wunsch nach Aufmerksamkeit Raum gibt. Der Arzt beginnt ein Spiel mit ihr, innerhalb der genau abgesteckten institutionellen Grenzen, das doch stets darüber hinaus seine Versprechen wirft, die Melanie von einem Zustand der Hoffnung in die Verzweiflung hinaus treiben. Nach einem schnapsdurchzogenen Tanzabend in einer Absturzbar im Dorf wird sie von zwei Jungs fast vergewaltigt und zur Rettung ruft man ausgerechnet ihn – den scheinbar verantwortungsvollen Erwachsenen. Dieser fährt mit der bewusstlosen Melanie in ein Waldstück und legt sie in einer unfassbar ästhetischen und grauenvollen Szene in einem märchenhaften, nebulösen Setting ins Gras, um sich zu ihr zu legen, in einem entrückten Naturzustand, der genauso pervertiert ist, wie die Gewalt der Institution.

Trotz dieser traurigen Einschnitte in das junge Leben, inszeniert Seidl seine Charaktere in „Paradies: Hoffnung“ mit viel mehr Nachsicht und Leichtigkeit, als in den ersten beiden Teilen. Vielleicht auch aus Respekt vor den brilliant besetzten Jungdarstellern, überschreitet er gewisse Grenzen nicht, die man durchaus von ihm gewohnt ist, was allerdings auch sehr gut in das inszenatorische Gesamtkonzept passt, das hier erneut eine gelungene Verwobenheit mit den anderen Teilen erreicht – einerseits auf einer konkreten, narrativen Ebene, wenn Melanie immer wieder vergeblich versucht ihre Mutter in Kenia auf dem Handy zu erreichen, andererseits auf einer affektiven kompositorischen Ebene von Bildanalogien, welche die Übertragung der Sehnsucht und Verletzung von den Eltern auf die Kinder spürbar werden lässt.

Doch im Gegensatz zu ihrer Elterngeneration lässt sich Melanie trotz dieser Enttäuschung nicht bezwingen, es bleiben ihr die Räume der Subversion, es bleibt Hoffnung.

Silvia Bahl

„Glaube, Liebe, Hoffnung“ heißt es biblisch, und hier nun liegt von Ulrich Seidls Paradies-Trilogie über die drei Begriffe die „Hoffnungs“-Version filmisch vor.

Melanie ist dreizehn. Ein nettes Mädchen. Aber für ihr Alter entschieden zu dick. Beinahe 70-75 statt 55 Kilo. Es hilft nichts, sie muss ins Diätcamp. Da heißt es Disziplin wahren, fasten, turnen, wandern, manchmal auch spielen, aber vor allem durchhalten.

Wenigstens hat Melanie eine gute Freundin, Verena. Doch sie hat auch ein Problem: Sie verliebt sich in den Arzt des Camps, macht sich schön, nähert sich ihm, versucht mehrmals, ihn zu umarmen – und vielleicht mehr.

Der Arzt ist vierzig Jahre älter, hat eine Schutzbefohlene unter sich, die dazu noch minderjährig ist – eine menschlich und rechtlich äußerst problematische Situation. Noch problematischer, weil Verena, um einiges älter als Melanie, dieser zur Unvernunft rät.
Melanie erreicht ihr Ziel nicht. Der Arzt begehrt das Mädchen sicherlich auch – in einigen Szenen wird das sehr deutlich -, doch er bleibt korrekt, standhaft.

Die Mädels sprechen nicht nur über die Liebe, die Küsse, den ersten Sex usw., sie tollen auch herum, versuchen nachts in der Küche Essen zu stibitzen, hauen ab in eine Bar – was ziemlich schlecht endet.

Melanie ist überzeugt, dass es ihre Figur ist, die den Doktor abhält. Sie ist enttäuscht, ein erster großer Schlag in ihrem Alter. Ihr bleibt nach der verlorenen Liebe und dem versäumten Glück nur die „Hoffnung“. Das ist die Botschaft des Films an Melanie – und an die Kinozuschauer: Die Hoffnung kann weiter führen.

Seidl zieht seine Ideen hier filmisch sehr nüchtern, individuell, konsequent, „körperbetont“ durch. Er stellt auf jeden Fall eine Bereicherung der Filmszene – nicht nur der österreichischen – dar, auch wenn „Paradies: Hoffnung“ in der Paradies-Trilogie nicht sein bestes Werk ist.

Thomas Engel