Passion

Nach langen Jahren kehrt Brian de Palma mit „Passion“ wieder zu dem Genre zurück, dass er wie kein anderer beherrscht: Dem erotisch aufgeladenen Psychothriller. Mit internationalem Cast drehte er in Berlin einen Film, der nicht artifizieller sein könnte und in vielen Szenen zeigt, über welch außerordentliche Qualität de Palma immer noch verfügt.

Webseite: www.ascot-elite-film.de

Deutschland/ Frankreich 2012
Regie: Brian de Palma
Buch: Brian de Palma, Natalie Carter
Darsteller: Rachel McAdams, Noomi Rapace, Karoline Herfurth, Paul Anderson, Rainer Bock, Benjamin Sadler
Länge: 97 Minuten, ab 16 J.
Verleih: Ascot Elite, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 2. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Sehr still ist es in den letzten Jahren um Brian de Palma geworden. Nach den teuren Flops „Mission to Mars“ und „The Black Dahlia“ entstand 2007 der brillante „Redacted“, in dem es sowohl um Voyeurismus als auch um die zunehmende Medialisierung der Welt ging. Beides Themen, die sich durch das Werk de Palmas ziehen und auch in seinem jüngsten Film „Passion“ eine wichtige Rolle spielen.

Basierend auf Alain Corneaus Thriller „Crime d’Amour“ beginnt „Passion“ sehr unscheinbar: Isabelle (Noomi Rapace) ist Art Designerin in einer Werbeagentur und arbeitet eng mit ihrer Chefin Christine (Rachel McAdams) zusammen. Diese ist in jeder Beziehung freizügig: Ihren Liebhaber Dirk (Paul Anderson) schickt sie zusammen mit Isabelle zu einer Präsentation nach London, wohl wissend, dass sie im Bett landen werden. Ebenso freizügig heimst sie die Lorbeeren für Isabelles brillante Werbeidee ein, was weniger Isabelle schockiert, als ihre Assistentin Dani (Karoline Herfurth). Bald realisiert aber auch Isabelle, welch falsches Spiel Christine spielt und beginnt, den Spieß umzudrehen: Jetzt ist sie es, die Ränke schmiedet und manipuliert. Doch in Christine hat sie eine skrupellose Gegenspielerin, die Isabelle bald so erniedrigt, dass diese zum massiven Einsatz von Beruhigungsmitteln greift.

Gut die Hälfte des Films ist zu diesem Zeitpunkt vorbei, 50 Minuten, die merkwürdig gestelzt ablaufen: Die Darsteller agieren oft affektiert, jede Gefühlsregung wird überdeutlich akzentuiert, die Sets wirken ein wenig billig, die Geschichte mäandert irgendwo zwischen angedeuteter Dreiecksbeziehung, erotischer Spannung und Unternehmenskrimi dahin. Doch als sich Isabelle zum ersten Mal mit Unterstützung von Medikamenten schlafen legt, beginnt ein ganz anderer Film. Immer wieder wird Isabelle fortan aufwachen, immer tiefer führt die Geschichte in mögliche Traumwelten, immer verschachtelter wird das Geflecht aus Traum und Realität.

Nun ist es nicht so, dass der behäbige erste Teil auf einmal Sinn macht, dass alle Puzzleteile ineinander fallen. Seine höchsten Höhen erreicht de Palma mit „Passion“ nicht, an Klassiker wie „Dressed to Kill“ oder „Body Double“ reicht seine jüngste Alptraum-Vision nicht heran. Doch wenn man akzeptiert, dass „Passion“ ein vollkommen artifizielles Gebilde ist, dass nicht den Anspruch hat, über den Zustand der Welt zu erzählen, Geschäftsgebaren zu kommentieren, nachvollziehbare, psychologisch runde Charaktere zu präsentieren, kurz, jeglichen „Realismus“ ablehnt, dann kann man in eine fiebrige Traumwelt eintauchen, die de Palma bis zum Finale immer weiter auf die Spitze treibt.

Klassisches de Palma-Kino ist das, voll mit Doppelgängern, voyeuristischen Momenten, erotischer Spannung, die sich ebenso leicht im sexuellen Akt wie in einem Mord entlädt. Fraglos altmodisch ist die Art, wie de Palma inszeniert: Vollkommen unironisch, mit Pathos aufgeladene Gesten, bombastischer Musik und großen Emotionen. All das macht „Passion“ zu einem außerordentlichen Film, der die Erwartungshaltung an einen zeitgenössischen Film gezielt unterläuft und in einer ganz eigenen Welt existiert: Der von Brian De Palma.

Michael Meyns

Brian De Palma ist einer der Schwergewichte unter den Regisseuren Hollywoods. Doch dieser Film ist eine bittere Enttäuschung. Das Remake von Alain Corneaus „Crime d’amour“ erzählt von zwei karrierebewussten Frauen, zwischen denen sich eine gefährliche Beziehung um Sex, Macht und Gier entspinnt. Gedreht in Berlin, hat De Palmas eindimensionaler Thriller nicht nur mit Spannung, Subtilität und Glaubwürdigkeit zu kämpfen. Ein Film wie eine mittelmäßige und üppig ausstaffierte „Tatort“-Folge.

Zwei junge Frauen sitzen an einem üppigen Konferenztisch, wie man sie aus schicken Werbeagenturen kennt. Im Hintergrund kann man durch die Fenster auf das Berliner Reichtagsgebäude gucken, während die Frauen ihre Laptops zuklappen und sich ein Lächeln zuwerfen. Die Kampagne wird den Chefs gefallen. Doch unter der schönen Oberfläche bröckelt es gewaltig: In dieser Agentur ist kein Platz für zwei aufstrebende Karrieristinnen, daher muss eine von ihnen eliminiert werden. Mit den Waffen einer Frau.

Mit Noomi Rapace („Prometheus“) und Rachel McAdams („Midnight in Paris“) hat Brian De Palma eigentlich zwei hervorragende Schauspielerinnen zur Verfügung, um einen erotischen Thriller in der Tradition von „Basic Instinct“ zu drehen. Beide haben in der Vergangenheit gezeigt, dass sie sowohl wuchtig, als auch subtil spielen können. Doch auch sie können diesen Film nicht retten, der an vielen Stellen wie eine schmutzige Altherrenfantasie erscheint. Es gibt einen sexhungrigen Agentur-Schönling, der sich stets beim Koitus filmen muss. Oder allerhand verschärftes Beischlafspielzeug samt venezianischer Masken. Dazu natürlich umwerfende Frauen mit bisexuellen Fantasien. Was will man(n) mehr!

Das Problem: De Palma mangelt es hier an Glaubwürdigkeit und vor allem Spannung. Der Regisseur lässt seine Darsteller durch merkwürdig unterbelichtete Räume stolpern, während Jalousien das Licht brechen und dem Setting einen Hauch von Film-noir-Ästhetik verleihen sollen. Jene Atmosphäre will sich dem Kinozuschauer aber nicht erschließen. Genauso wenig wie Dialoge à la „ … jetzt kommen alle Puzzleteile zusammen“, um zu verdeutlichen, dass es sich hier offenbar um einen verschachtelten Thriller handeln soll.

Wo ist bleibt das subtile Element? Wo die Liebe zum Detail? Spätestens als deutsche Ermittler und Kommissare (Rainer Bock) auf den Plan treten oder De Palma sich mit seinen Darstellerinnen in einen Berliner Frauenknast verirrt, wähnt man sich eher in einer mittelmäßigen „Tatort“-Folge, wo gewisse Plot-Löcher fast schon verzeihbar sind. Doch vor dem Hintergrund, dass De Palma mit Meilensteinen wie „Scarface“, „Die Unbestechlichen“ und „Mission Impossible“ wahre Kinogeschichte geschrieben hat, kann über diesen lieblosen Thriller nur müde lächeln. Oder noch schlimmer: Aufgrund der unfreiwilligen Komik in den spannendsten Momenten laut auflachen.

So ist „Passion“ nicht mehr als eine enttäuschende Neuverfilmung von Alain Corneaus „Crime d’amour“, der im Vergleich deutlich besser abschneidet. Darin gingen Kristin Scott Thomas und Ludivine Sagnier aufeinander los und glänzten dank authentischer Inszenierung und Atmosphäre.

David Siems

Von Brian de Palma hat man im Kino lange nichts gesehen und gehört. Jetzt ist er mit „Passion“ wieder da.

Christine ist eine blonde Schönheit, aber nicht nur das. Sie vertritt maßgeblich eine wichtige Werbefirma; ihr hauptsächlicher Charakterzug: Ehrgeiz, Ehrgeiz, Ehrgeiz.
Das führt auch dazu, dass sie die glänzenden Ideen ihrer Mitarbeiterin Isabelle als die ihren ausgibt. Isabelle blickt zuerst nicht durch, nimmt auch verwundert zur Kenntnis, wenn Christine ihr sagt, sie liebe sie, bleibt aber zunächst ruhig.

Dass Christines Dominanz nun auch ihr geschäftlich zum Vorbild dient, ahnt diese nicht.

Zur endgültigen Rivalität wird das Ganze, als die Blonde anfängt, mit Isabelles Geliebtem Dirk zu spielen.

Und eines Tages wird Christine ermordet aufgefunden. An ihrem Begräbnis taucht eine Frau auf, die ihr ähnlich sieht wie ein Ei dem anderen. Ist es eine Zwillingsschwester? Man weiß es nicht genau. De Palma spielt hier mit dem Zuschauer.

Isabelle wird verhaftet – kann aber anscheinend ein Alibi vorweisen. Also wird sie freigelassen. Wer also ist der Täter? Und was hat Dani damit zu tun, Isabelles Sekretärin, die anscheinend lesbisch ist? Das allein kann sie doch niemals verdächtig machen.

Dass Isabelle nicht so fleißig, zurückhaltend, lieb und verzeihend ist, wie man anfangs annehmen konnte, stellt sich noch heraus.

Brian de Palma schrieb das Drehbuch selbst. Ein wenig hat er sich da übernommen, manches zu sehr überspitzt. Aber als Regisseur – immerhin alle Achtung. Dem Film fehlt es nicht an inszenatorischer Kraft, an Lebendigkeit und an Spannung. Auch die (deutschen und amerikanischen) Drehorte sowie das Milieu können sich sehen lassen. Ein Ehrsuchts- und Eifersuchtsdrama, ein Thriller. Kino eben.

Die drei Protagonistinnen Rachel McAdams als blondes Gift Christine, die Nordländerin Noomi Rapace als mögliche Mörderin Isabelle sowie Karoline Herfurth als zuerst unterkühlte, dann jedoch überraschende Dani spielen klasse. Die beste ist Noomi Rapace.
Paul Anderson als Dirk nicht zu vergessen.

Thomas Engel