Peak

Der Berg ruft nur noch leise. Ergraut durch schmelzende Gletscher, marodiert durch Sprengungen, befestigt durch Betonierungen, vermüllt durch lieblose Winterressorts und verwaist durch aussterbende Bewirtschaftung droht er zum Cyborg zu verkommen. In fast statischen Panoramen schaut Hannes Lang auf die Rückseite der Wintersportvergnügen in den Alpen und offenbart ohne Kommentar eine gespenstische, mehrstimmige, auch leicht repititive Tristesse der Höhenregion. Seine Dokumentation wurde vom Goethe-Institut prämiert, unterstützt und verbreitet. Ein Bergfilm der ganz anderen Art.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

D, A 2011
Regie: Hannes Lang
Buch: Hannes Lang, Mareike Wegener
Länge: 91 Min., OmdtU
Verleih: Farbfilm Verleih
Kinostart: 28. März 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Berge, die sichtbaren Höhepunkte der Natur, galten im alten und neuen Bergfilm als Messlatten und Herausforderungen. Ihre „Bezwingung“ bewies Mut und Eigensinn. Aus diesem Eigensinn wurde Manipulation. Schon lange macht sich der Mensch den Berg zum Untertan, er bearbeitet und formt ihn zu seinem Wohlgefallen: einem nicht abreißenden Ski-Vergnügen. Dieses für immer mehr Abfahrer durch alle Wetter hindurch zu gewährleisten, gestaltet sich sich bald so mühsam wie der Betrieb künstlicher In-Door-Pisten am Persischen Golf. Distanziert und kühl nimmt Hannes Lang die Maschinerie hinter dem alpinen Skitourismus ins Cinemascope Visier, verweilt auf knarrenden Riesenliften, mahlenden Schneeraupen und donnernden Schneekanonen und kontrastiert sie mit der aussterbenden Landwirtschaft in diesen Höhen. Nichts als Schattenseiten sind zu sehen, abgefahrene Riesenhügel und schneelose, leere Riesenlifte. Verloren am Rande stehend berichten Mitarbeiter dieser Maschinerie mit Dialekten, so karstig wie die Gebirgspitzen, von ihrer Arbeit. In düsteren alten Küchen erzählen einsame Bauern von ihren uralten Nachbarn.

Wie sehr das Ökosystem der Alpen, Hort der größten europäischen Trinkwasserreserven, leidet, zeigt die Region um Sölden, mit über 3,5 Millionen Touristen im Jahr auch „Hotspot der Alpen“ genannt. Ein Mitarbeiter betet die Ausmaße der technischen Beschneiung herunter wie das Evangelium. Etwa 10 Millionen Euro schluckt sie innerhalb eines Jahres. Innerhalb von 24 Stunden produzieren 350 Schneekanonen Schnee für 30.000 LKW’s. Fleecematten müssen den aufgeweichten Boden zusammenhalten, immer mehr Stauseen für die Wasserbelieferung entstehen. 2001 wurde der Gletscherschutz zugunsten des Hauptwirtschaftsfaktors Tourismus wieder aufgegeben, die trostlose Einweihung einer weiteren Seilbahn in eine 3000-Meter-Region ist später auch zu sehen. Im Pitztal führt ein Ingenieur eine Maschine aus Israel namens „Snowmaker“ vor, die auch bei sommerlichen Temperaturen Schnee produziert. Er scheint selbst nicht zu fassen, was hier alles möglich ist.

Eine Augenweide bieten die nüchternen Bestandsaufnahmen sicherlich nicht. Auch bei den gut gelaunten Skifahrern, hier in bewegte Stillleben fixiert, droht das Lächeln zu gefrieren. Die penetranten Jodelgesänge am Anfang und Ende der Dokumentation lassen die heile Welt der Alm ins Skurrile abrutschen. In einer überbelichteten Aufnahme scheinen die Abfahrer auf einem weissen Hang direkt ins Jenseits zu gleiten. So geduldig wie Nikolaus Geyrhalter die sterile Produktion von Lebensmitteln und Philip Gröning die Rituale der Kartäusermönche betrachtete, folgt auch Hannes Lang dem Prinzip, die Bilder für sich sprechen zu lassen bis zur Monotonie. Dennoch wird hier eindrucksvoll ein Zweikampf deutlich: Der zwischen Natur und High-Tech. Wie lange kann sich der Berg noch gegen den Menschen behaupten?

Dorothee Tackmann

.