Gold – Regie: Thomas Arslan

Ein deutscher Western ist eine Rarität – noch dazu wenn er so wie von Thomas Arslan („Im Schatten“) inszeniert wird. Bei ihm entwickelt sich die beschwerliche Reise zu den Goldgebieten am Klondike zu einer gleichermaßen meditativen wie emanzipatorischen Sinnsuche. Gedreht an Originalschauplätzen spielt „Gold“ zurückhaltend mit Motiven des Genres und setzt überdies ganz eigene Akzente. Dass dieser lakonisch erzählte Spätwestern, der den Einfluss der Berliner Schule nicht verleugnen kann und will, trotz sparsam dosierter Spannungselemente derart fesselt, liegt nicht zuletzt an einer großartigen Nina Hoss.

Webseite: www.gold-im-kino.de

Deutschland 2012
Regie, Buch: Thomas Arslan
Darsteller: Nina Hoss, Marko Mandic, Uwe Bohn, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat, Wolfgang Packhäuser
Länge: 101 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 15.8.2013

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Es ist die ultimative Sehnsucht: Gold. Ende des 19 Jahrhunderts hat der Goldrausch einen halben Kontinent erfasst. Nach den Funden am Klondike zieht es Glücksritter und Menschen, die ganz einfach auf der Suche nach einem besseren Leben sind, in die entlegene Wildnis Kanadas. Zu diesen gehören auch viele Auswanderer. Von einer Gruppe Deutscher erzählt Thomas Arslan in seinem für das Genre eher ungewöhnlichen Spätwestern „Gold“. Sieben Männer und Frauen – unter ihnen die burschikose Emily Meyer (Nina Hoss) – brechen voller Hoffnungen zu einer wochenlangen, überaus strapaziösen Reise nach Dawson auf, von wo aus zuvor neue, unglaubliche Goldfunde gemeldet wurden. Auf dem Weg dorthin werden die Schatzsucher immer wieder von unerwarteten Ereignissen aufgehalten und manche letztlich sogar zur Aufgabe gezwungen. Die Aussicht auf das vermeintlich schnelle Glück verlangt von allen einen hohen Preis.

Man könnte Arslans Blick auf ein bei uns wenig beachtetes Genre eine gewisse Behäbigkeit und Schwere unterstellen. Doch damit würde man weder seinem Film noch den Figuren gerecht. Denn obwohl die Geschichte in den Weiten Kanadas spielt und an Originalschauplätzen gedreht wurde, folgt „Gold“ doch vielen Gesetzmäßigkeiten der Berliner Schule. Wieder steht der Kampf um das persönliche Glück im Mittelpunkt, werden die Protagonisten von einer eher vagen Sehnsucht angetrieben. Nüchtern, für einen Western ungewohnt zurückgenommen beobachtet Arslan durch Patrick Orths Kamera, wie die Gruppe mit den schwer bepackten Pferden und dem Planwagen an den Widrigkeiten der Reise zu zerbrechen droht. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben, aus dem vor allem die geheimnisvolle Emily als jemand anderes hervorgehen soll. Ob sie ihr Ziel jemals erreichen wird, ist dabei ebenso ungewiss wie das, was sie letztlich in Dawson erwartet.

Sicher ist hingegen, dass wir hier einer ungewöhnlichen Frau zusehen, die erst unnahbar und später dann umso mitfühlender und entschlossener wirkt. Nina Hoss spielt diese keinesfalls leichte Wandlung mit einer bemerkenswerten Sicherheit und Grazie. Bereits nach wenigen Minuten mag man sich keine andere Aktrice in dieser nicht nur für das Western-Genre untypischen Rolle vorstellen. „Gold“ ist schon deshalb ein Frauen-Western, noch mehr aber ist es ein Werk, das hinter seinem historischen Dekor eine wahrhaft moderne, emanzipierte Frauenfigur verbirgt. Gegen diese treten ihre größtenteils männlichen Begleiter – trotz der erstklassigen Besetzung mit Lars Rudolph als verzweifelter Familienvater Rossmann oder Uwe Bohm als ehrgeiziger Fotoreporter – merklich in den Hintergrund. Hoss macht wie schon zuletzt in „Barbara“ alles richtig und die Geschichte so zu ihrem Film. Bereits ein Blick genügt, um als Zuschauer die Strapazen der Reise und dem, was bereits hinter ihr liegt, nachempfinden zu können.

Für Arslan bot der Wechsel in die raue und zugleich wunderschöne Natur Kanadas eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Insbesondere die Beschäftigung mit einem hierzulande wenig beachteten und noch dazu uramerikanischen Genre, dem Western, bringt dem Zuschauer eine andere Sicht auf den bekannten Ablauf eines solchen Aussteiger-Dramas. Auch wenn „Gold“ von Arslans früheren Arbeiten zunächst weit entfernt scheint, ähneln sich die Figuren und deren Motive. Geblieben sind zudem seine lakonische Erzählhaltung, die das Zulassen von Leerstellen miteinschließt, und sein versierter, fast schon stiller Aufbau eines Spannungsbogens. Die im Vergleich zur Berlinale-Version vollzogene Straffung um gut zwölf Minuten raubt dem Film keinen seiner meditativen Augenblicke und lässt doch manches gradliniger und fokussierter erscheinen. Wenn Nina Hoss schließlich erhobenen Hauptes zu den wuchtigen Gittarenklängen Dylan Carlsons einer unsicheren Zukunft entgegen reitet, löst Arslans Western alle Versprechen ein.

Marcus Wessel

Zum ersten Mal im Wettbewerb der Berlinale vertreten, beschreibt Thomas Arslan in „Gold“, den kargen Treck einer Gruppe deutscher Aussiedler, durch die kanadische Wildnis zu reiten, um im Jahre 1898 Gold zu finden. Teils Wetsern-Variation, teils Road Movie, teils typische Berliner Schule, ist „Gold“ ein Film, der sich konsequent jeglicher Dramatik und Psychologie verweigert.

Kanada, 1898. Die geschiedene Emily Meyer (Nina Hoss) stößt am Rand der kanadischen Wildnis zu einem Treck. Wie einige andere hat sie auf die Anzeige des windigen Wilhelm Laser (Peter Kurth) geantwortet, der verspricht, die Gruppe in sechs Wochen durch die kanadische Wildnis nach Dawson City in der Nähe des Klondike Fluss zu führen, wo es Gold in rauen Mengen geben soll. Zum Beweis, als Anreiz, der die Augen gierig zum funkeln bringt, zeigt er zwei Nuggets – das Ziel der Begierde.

Neben Emily besteht die Gruppe aus Gustav Müller (Uwe Bohm), einem Journalisten und Photographen, der als eine Art Reisereporter mit dabei ist und für seine Zeitung berichten will. Rossmann (Lars Rudolph) ist etwas wunderlich, spielt Banjo und hofft, dass der ersehnte Reichtum ihn und seine Familie aus den muffigen Mietskasernen New Yorks befreien wird. Das Ehepaar Maria und Otto Dietz (Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser) ist für das Essen zuständig, während der Anfangs nur „Packer“ gerufene Carl Boehmer (Marko Mandic) für die Pferde sorgt, jedoch von seiner Vergangenheit in Gestalt von zwei Revolverhelden verfolgt wird.

Ein Spaziergang soll die Reise werden, doch schnell wird deutlich, dass Laser sich übernommen hat: Das Gelände wird zunehmend schwer zu passieren, bald fällt der Planwagen einem Achsbruch zum Opfer, dann stürzt ein Pferd und auch mit Lasers Orientierung ist es nicht weit her. Wenn nicht gerade etwas schief geht wird geritten, sehr viel geritten, was dank der eindrucksvollen Landschaft ein eindrucksvolles Bild abgibt, auch wenn sich Arslan und sein Kameramann Patrick Orth stets bemühen, nicht den Hauch von Pathos aufkommen zu lassen.

Denn „Gold“ spielt zwar in rauer Landschaft, bedient sich zahlloser Genre-Muster, die bisweilen auch zu Klischees werden, ist in seiner entemotionalisierten Haltung aber durch und durch ein Vertreter der Berliner Schule: Die Figuren bleiben bis auf wenige Hintergrundinformationen reine Chiffren, die Handlung entwickelt sich in bewusster Wiederholung von Momentaufnahmen. Wenn da Emily Meyer und Carl Boehmer einmal ein paar Worte wechseln, mutet das schon wie ein Flirt an, auch wenn Nina Hoss spröde Ausstrahlung hier ganz besonders spröde wirkt.

Mit seinem sparsam eingesetzten Gitarrenmotiv erinnert „Gold“ bisweilen an Jim Jarmush existenzialistischen Spät-Western „Dead Man“. Wenn in einer der stärksten Szenen des Films ein apathisch blickender Goldsucher durch das Camp torkelt und offenbar nur noch zurück in die Zivilisation will, wirkt es für Momente so, als wollte auch Arslan seinen Western in psychedelische Gefilde führen.

Doch so viel Drama wagt er dann doch nicht und führt stattdessen seine Geschichte an ihr konsequent karges Ende. So wie diese führen auch viele andere Lesarten ins Nichts, werden Verweise angedeutet, die dann nicht fortgeführt werden: Angesichts des Titels und der Gier nach Gold denkt man unweigerlich an Strohheims Stummfilm-Klassiker „Greed“, die Grundthematik der Exildeutschen verweist auf zahlreiche Auswandererdramen und so weiter und so fort. Doch mehr als angedeutet wird in „Gold“ nichts, Versatzstücke aus Filmgenres und historischen Ereignissen gepaart mit exzellenten Darstellern, die sehr wenig zu tun haben. In seinen Einzelteilen ist „Gold“ oft eindrucksvoll, als Ganzes extrem spröde.

Michael Meyns

1898, Kanada. Der Goldrausch ist wieder einmal ausgebrochen. In New York sucht ein gewisser Wilhelm Laser per Zeitungsannonce Abenteurer, die mit ihm von der letzten kanadischen Bahnstation aus in den hohen Norden des Landes nach Dawson ziehen. Dort ist Gold zu finden. Aber der weit über 1000 Meilen weite Weg führt durch das wildeste Berg-, Tal-, Fluss-, und Waldgelände, das man sich vorstellen kann. Rasch wird man nicht vorankommen, das muss jeder wissen.

Und doch sind es letztlich sieben, die sich treffen und auf dem Rücken von Pferden das Wagnis eingehen wollen. Sie möchten der bisherigen Not entkommen, Gold finden, ein neues Leben beginnen. Sie setzen sich also in Marsch.

Laser führt die Truppe an. Ein Ehepaar ist mit dabei, das für die Ernährung zuständig ist. Dann ein sogenannter Packer, der die Pferde versorgt. Schließlich noch Rossmann, der die Gitarre spielt, Carl Boehmer, der etwas auf dem Kerbholz hat, und Emily Meyer, eine für das Goldabenteuer viel zu elegant erscheinende Dame.

Der Weg ist steinig, der Wald undurchdringlich. Auf allem sitzt der Staub. Endlos die Strecke. Tagelang muss geritten werden, der Pausen sind wenige, Laser treibt die Gruppe immer wieder an. Dann der Schock: Die Karten sind unvollständig, die sieben verirren sich. Es geht nicht mehr weiter.

Deshalb will Laser sich eines Nachts mit dem gesamten Geld aus dem Staub machen. Carl Boehmer fasst ihn, Laser soll gehenkt werden. Emily ist es, die ihn befreit.
In der aussichtslosen Lage bleibt das Ehepaar zurück, verliert einer den Verstand, ein anderer tritt in eine Bärenfalle und stirbt. Am Schluss sind nur noch Carl und Emily übrig. Aber auch Carl wird, weil er einst einen Menschen tötete, von seinen Verfolgern erschossen, kaum dass er und Emily sich näher gekommen sind. Wird Emily ihr Ziel erreichen?

Individualisten auf verlorenem Terrain. Thomas Arslan beobachtet jeden einzelnen und die sieben als Gruppe – diskret aber mit großer Präzision. Der Weg, die Weite, die Landschaft, die Stille sind hier von eminenter Bedeutung, und doch wird diese Dimension im richtigen Augenblick immer wieder durchbrochen und unterbrochen von charakteristischen menschlichen und alltäglichen Szenen. Eindrücke, die man so schnell nicht vergisst, vor allem auch weil eine sehr starke Kamera sie aus der Ferne wie aus der Nähe einfängt.

Alle spielen gut. Dass Nina Hoss angesichts ihrer bisherigen Rollen hier als Emily Meyer derart überzeugt, mochte man gar nicht glauben. Aber es ist so.

Thomas Engel