Play – Nur ein Spiel

In Schweden wurde Ruben Östlunds Film „Play“ heftig diskutiert, manche Kommentatoren warfen dem Regisseur gar Rassismus vor. Diese Reaktionen zeigen, welch heiße Eisen Östlund mit seinem Film über Kriminalität von Minderheiten, Vorurteilen und falsch verstandenem Multi-Kulti angefasst hat. Er tut dies in einer oft steril wirkenden Form, die keine Position gegenüber dem Gezeigten einnimmt und gerade deswegen so interessant ist.

Website: www.fugu-films.de

Schweden 2011
Regie, Buch: Ruben Östlund
Darsteller: Kevin Vaz, Abdiaziz Hilowle, Sebastian Hegmar, Anas Abdirahman, John Ortiz, Nana Manu, Yannick Diakité, Sebastian Blyckert
Länge: 113 Minuten
Verleih: Fugu
Kinostart: 24. Januar 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zwei Jungs – augenscheinlich zwei weiße Mittelstandskinder – ziehen gelangweilt durch ein Einkaufszentrum. Aus großer Entfernung beobachtet sie die Kamera, zoomt mal näher an sie ran, fängt ihr Gespräch ein, schwenkt dann weiter, zu einer Gruppe schwarzer Kinder, auch kaum älter als 13, 14 Jahre. Die Schwarzen treten auf die Weißen zu und beginnen einen offensichtlich schon oft ausprobierten Betrug: Nicht mit Gewalt überfallen sie, sondern mit Finesse, mit subtiler Bedrohung, die mit Stereotypen spielt. Etwas später: Drei andere Weiße, dieselben Schwarzen. Man weiß, was kommen wird und verfolgt gebannt das Spiel, ebenso distanziert wie die Kamera, die stets aus der Ferne beobachtet. Denn letztlich ist es ein Spiel, dass die Schwarzen spielen, an dessen Ende zwar unausweichlich das Entwenden von Handys, ein bisschen Geld und etwaigen anderen Wertgegenständen steht, vor allem aber scheinen die Schwarzen Spaß an der Ausübung von Macht über die Weißen zu haben.

Ruben Östlunds Film basiert auf einer Reihe von Diebstählen, die sich Anfang der Nuller Jahre in Göteborg zutrugen. Insofern ist es authentisch, dass die Täter Schwarze, die Opfer Weiße sind. Und dennoch wurde Östlund vorgeworfen, mit seinem Film rassistische Vorurteile zu bestätigen, zumal er praktisch keine Hintergründe andeutet. Weder über die Weißen noch über die Schwarzen erfährt man etwas, sie sind Symbole in einer Versuchsanordnung, die unterschiedlichste Aspekte der Problematik andeuten sollen. Dabei legt Östlund durchaus Wert auf Komplexität: Als einer der Schwarzen sich zurückzieht, wird er von seinen Freunden verprügelt. Als die Gruppe im Bus sitzt, erkennt ein früheres Opfer die Täter und die Täter werden selbst zu Opfern älterer, stärkerer Jugendlicher.

Besonderes Augenmerk legt Östlund dabei auf die Reaktion bzw. besser Nichtreaktion der Erwachsenen: Unbeteiligt gehen Menschen an den Jugendlichen vorbei, selbst in einem Cafe, in dem die sich bedroht fühlenden Weißen um Hilfe bitten, werden sie zurückgewiesen. Allein als später ein weißer Mann, der Vater eines der Kinder, einen der jungen schwarzen Täter sieht und attackiert, mischt sich eine Frau ein: Sie vermutet einen rassistisch motivierten Übergriff. Mit solchen Erwartungen und Vorurteilen spielt Östlund, deutet an, wie sehr Schwarze auch in der schwedischen Gesellschaft stigmatisiert sind, wie schnell ihnen Straftaten zugetraut werden.

Dass Östlund das Geschehen mit größter Distanz beobachtet, lässt „Play“ immer wieder hart an die Grenze einer allzu unterkühlten Versuchsanordnung stoßen. Manches Mal wünschte man sich, etwas mehr über die Dynamik innerhalb der jeweiligen Gruppen zu erfahren, während andere Momente ihre Intention zu deutlich vor sich hertragen: Wenn da etwa eine Gruppe Indianer in der Fußgängerzone spielt oder ein junges (weißes) Mädchen zu (schwarzer) Musik tanzt, ist überdeutlich, welchen Kommentar zum Verhältnis der Kulturen Östlund jeweils intendiert. Doch dies sind nur kleine Schwachpunkte eines ebenso sperrigen, wie spannenden Film, der zwar bestimmte Verhältnisse in Schweden darstellt, ebenso gut aber auch in praktisch jedem anderen westlichen Land spielen könnte.

Michael Meyns

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