Plug & Pray

Vor gut 30 Jahren begann im Kino die Revolte der Roboter. „Matrix“, „Terminator“, „Bladerunner“ oder „Battlestar Galactica“ handeln alle von intelligenten Maschinen, die ihre Erbauer auslöschen wollen. Ist die Realität diesem Alptraum inzwischen näher gekommen? Jens Schanze schaut sich die Menschen an, die jetzt Roboter entwickeln. Seine unspektakuläre Dokumentation, in der Koryphäen der Forschung fragen, ob der Mensch nur eine Maschine aus Fleisch sei, liest sich wie eine nüchterne Hintergrundinformation zu den Sci-fi-Klassikern.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2010
Regie: Jens Schanze
Dasrsteller: Joseph Weizenbaum, Raymond Kurzweil, Minoru Asada, Hiroshi Ishiguro, Neil Gershenfeld, Giorgio Metta, Hans-Joachim Wünsche
Länge: 91 Min.
Auszeichnung: Prädikat besonders wertvoll (FBW)
Verleih: Farbfilm-Verleih
Start: 11. November 2010

 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die „Berufe“ von Robotern sind heute noch überschaubar: Putzhilfe, Krankenpfleger, Soldat, Lustobjekt. Das kann sich bald ändern. Die EU-Kommission und auch die japanische Regierung denken laut darüber nach, mit Robotern die rückläufige Geburtenrate auszugleichen. Hiroshi Ishiguro an der Universität von Osaka hat zum Beispiel die Idee, die Blechkerle als Spielkameraden oder Vaterersatz einzusetzen. Der von CNN als „einer der acht Wissenschaftler, die unser Leben verändern“ eingestufte Forscher meint: „Wenn ich nach Hause komme, sitze ich ja auch nur vor dem Fernseher und sage ‘ja,ja’“.

Noch weiter geht der Informatiker und Zukunftsforscher Raymond Kurzweil. Er stellt nicht nur Lesegeräte für Blinde her, er will auch die Alterung insgesamt aufhalten. „Die Software des Menschen ist ja seit 10.000 Jahren veraltet.“ Aber schon in 25 Jahren könnten biotechnologisch entwickelte Organismen die menschlichen Zellen gesund halten. In 30, 40 Jahren würde dann mit Hilfe von „Mindfiles“ Geist und Wissen eines Menschen für die Ewigkeit gespeichert werden. Ohne viel Aufhebens verwischt Kurzweil hier die Grenzen von Mensch und Maschine.

Vor diesem Szenario warnte der MIT-Informatiker Joseph Weizenbaum bereits vor Jahrzehnten. Bereits 1972 stemmte er sich in seinem „Zeit“-Artikel mit dem Titel „Alptraum Computer“ gegen die technologische Mentalität, die das menschliche Hirn lediglich als „eine Maschine aus Fleisch“ betrachtet. Jetzt verstrickt sich der 86-jährige alte Herr täglich in einen Kleinkrieg mit seinem Laptop und hört Bach-Lieder. Er fordert mehr Demut und Verantwortung ein. Jeder Wissenschaftler sollte sich fragen: „Was ist der letzte Nutzen meiner Arbeit?“ Seine Technologie-Kritik bleibt sehr allgemein.

Wen Jens Schanze („Winterkinder – Die schweigende Generation“) hier alles versammelt, ist beeindruckend. Zu Wort kommen auch Neil Gershenfeld, der am MIT den Weg zu einer privaten digitalen Fabrikation aus 3-D-Druckern erforscht, und Minoru Asada, der in Osaka den Roboterfußball mitbegründet hat. Doch die freundlichen Forscher geben kaum mehr preis als grundlegende Informationen zu ihrer Arbeit. Zu einer Diskussion oder Konfrontation kommt es nicht.

Universitäre Verwaltungsräume, vollgestellte Laboratorien und halbfertige Roboter geben nicht die dankbarsten Motive her. Offenbar sollte hier die sterile Ödnis und Trockenheit wissenschaftlicher Arbeit unterstrichen werden. Die matten Bilder rechtfertigen nicht unbedingt die große Leinwand. Mehr als auf eine entfesselte Technologie konzentriert sich Jens Schanze auf Joseph Weizenbaum, der während der Dreharbeiten ablebte. „Plug & Pray“ ist ein Porträt seiner letzten nachdenklichen Tage.

Dorothee Tackmann

Man weiß längst, dass der Computer, ja das ganze Computerzeitalter Fluch und Segen zugleich ist. Dieser Dokumentarfilm von Jens Schanze macht das besonders deutlich.

Er ist aus zwei gegensätzlichen Standpunkten aufgebaut. Da ist zuerst einmal der Computerahne Prof. Joseph Weizenbaum, einst eine Koryphäe und Lehrer der Computertechnik, Erfinder avantgardistischer und wegweisender Programme, führender Wissenschaftler, Universitätsdozent und Mitglied zahlreicher führender Institutionen auf dem Gebiet der Computerforschung.

Das war einst. Dann war er bis vor kurzem (gestorben 2008) Warner und Mahner. Die künstliche Intelligenz, so Weizenbaum, werde den Menschen und die Menschlichkeit überfahren, das Ethos vernichten, das gemeinsame Leben der Menschen auf kalte unberechenbar werdende Weise neutralisieren.

Die entgegen gesetzten Thesen von den Wegbereitern der digitalen Zeit, von den japanischen Roboterbauern, von den deutschen Lieferanten unbemannter, virtuell gesteuerter Militärsysteme, von den Amerikanern Neil Gershenfeld und Raymond Kurzweil, die intensiv vortragen, was in 30 bis 50 Jahren alles kommen kann: die Nanotechnik, die die Einpflanzung von Minicomputern in den menschlichen Körper vorantreibt; die Möglichkeit, durch solche Computer die nötigen Lebenssubstanzen genau so zu dosieren und zu mischen, dass die Sterblichkeit in Frage gestellt wird; die Gleichstellung des Digitalismus mit dem menschlichen Gehirn; der völlige Ersatz der bisherigen (historischen) Denkweisen durch die künstliche Intelligenz; die Infragestellung der Weltreligionen, die bisher als Hilfskonstruktionen der Menschen die Angst vor dem Tod überwinden mussten.

Wer hat recht?

Der gut gemachte, mit Informationen aus aller Welt bestückte Dokumentarfilm ist in seiner sachlichen aber aufdeckenden Wirkung ebenso faszinierend wie erschreckend, ebenso neugierig machend wie beängstigend.

Thomas Engel