Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt, Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Was den Deutschen ihr „Baader Meinhof Komplex“, ist den Franzosen ihr „Public Enemy No. 1“. Wie die RAF in Deutschland hielt der Schwerverbrecher Jacques Mesrine in den siebziger Jahren die französische Nation in Atem – als Räuber, Mörder und Gefängnisausbrecher, der sich als Sozialrevolutionär gebärdete. In einer zweiteiligen und gut vierstündigen Fassung setzt Jean-Francois Richet jetzt Mesrines Leben als temporeiche Mischung aus Biopic und Thriller in Szene – mit einem überragenden Vincent Cassel in der Hauptrolle.

Webseite: www.senator.de

Frankreich, Italien, Kanada 2008
Regie: Jean-Francois Richet
Buch: Abdel Raouf Dafri (nach dem Buch „Todestrieb“ von Jacques Mesrine)
Darsteller: Vincent Cassel, Cécile de France, Gérard Depardieu, Ludivine Sagnier, Mathieu Amalric, Gérard Lanvin, Anne Consigny
Länge: 114 Minuten (Teil 1), 132 Minuten (Teil 2)
Verleih: Senator
Kinostart: 23. April 2009 (Teil 1), 21. Mai 2009 (Teil 2)

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In seiner Autobiografie gestand er 39 Schwerverbrechen, darunter Morde, Entführungen und etliche Überfälle. Vier Mal entkam er aus Hochsicherheitsgefängnissen in Kanada und Frankreich. Mit der Polizei spielte er in immer neuen Verkleidungen Katz und Maus und schlüpfte in die Rolle eines modernen Robin Hood: „Ich beraube diejenigen, die noch größere Räuber sind“, tönte der Mann, der stets die Öffentlichkeit suchte und aus dem Untergrund einem Magazin ein Interview gab, während die gesamte französische Polizei nach dem Staatsfeind Nummer eins suchte. 1978 wählten ihn die Leser eines Wochenblatts gar zur Persönlichkeit des Jahres. Ein Jahr später starb der Gejagte im Kugelhagel eines Sonderkommandos.

 

Der junge französische Regisseur Jean-Francois Richet und sein Drehbuchautor Abdel Raouf Dafri konnten angesichts der Vita Jacques Mesrines aus dem Vollen schöpfen. Dessen 20-jährige kriminelle Karriere, gespickt mit spektakulären Coups, amourösen Abenteuern und geschickt inszenierten Angriffen auf die Staatsmacht bietet Stoff in Hülle und Fülle. All diese filmtauglichen Episoden erleichtern Richet und Dafri das Geschäft. Sie erlauben ihnen, die Fallstricke eines reinen Biopic zu umgehen, das mit seinem Strukturprinzip der Aneinanderreihung von Lebensstationen oft genug unbefriedigend bleibt. „Public Enemy No. 1“ ist Filmbiografie und Genrefilm zugleich. Der Lebensweg Mesrines gibt die Richtung vor, ist jedoch eingebettet in ein dramaturgisch wirksames Geflecht aus Beziehungen und Ereignissen, die dem Film Thriller-Qualitäten geben – im zweiten Teil noch mehr als im ersten. Teil eins behandelt sozusagen die Lehr- und Wanderjahre Mesrines zwischen 1959 und 1973, als er sich unter die Fittiche der Unterweltgröße Guido (Gérard Depardieu) begibt, sich als Ehemann und Vater versucht und mit seiner kongenialen Partnerin Jeanne (Cécile de France) nach Kanada verschwindet, um dort in Bonnie-und-Clyde-Manier sein Unwesen zu treiben. Kaltes Blau und Schwarz bestimmt die Bilder, während in Teil zwei warme Brauntöne dominieren. Auch der Tonfall ändert sich in der Fortsetzung, die Mesrines Rückkehr nach Frankreich und seine letzten sechs Lebensjahre umfasst. Der Staatsfeind ist jetzt sein eigener Chef und steuert in einer Art psychologischen Kriegsführung mit dem Staat auf den Untergang zu.

Vincent Cassel spielt den Mann, der mit immer wilderen Eskapaden die Polizei herausfordert und zeitweise zum Medien-Darling aufsteigt, mit einer fast beängstigenden Präsenz. Er changiert zwischen kaltblütiger Brutalität, liebevoller Zuwendung und eitler Selbstgefälligkeit und verleiht seiner Figur gerade so viele sympathische Züge, wie nötig sind, damit der Zuschauer gewillt ist, dem Filmhelden zu folgen. Auch den Alterungsprozess nimmt man ihm ab. Für seine Rolle nahm Cassel 20 Kilo zu. Da klar war, dass die langen neunmonatigen Dreharbeiten extrem kräftezehrend sein würden und Cassel automatisch Gewicht verlieren würde, drehte Richet in umgekehrter chronologischer Reihenfolge. Und so wird aus dem schlanken Jüngling ein aufgedunsener Mittvierziger. Dass Mesrine im Film (nicht nur physisch) fast den gesamten Raum beansprucht, ist jedoch auch ein Problem. Die hochkarätig besetzten Nebenfiguren bleiben mehr oder weniger Zaungäste. Sie hätten weitere Perspektiven auf die Hauptfigur eröffnen können, statt nur Stichwortgeber zu sein.

Dieses Defizit gleicht Richet etwas dadurch aus, dass er kein fertiges Bild Mesrines abliefert. Er zeigt bestimmte Facetten, gibt aber keine letztgültige Antwort auf die Frage, was den Staatsfeind Nummer eins denn nun wirklich antrieb. Sein Film ist anders angelegt als Bernd Eichingers „Baader Meinhof Komplex“, der auf enervierende Weise das historische Meinungsmonopol beansprucht. Kurz vor seinem Tod plante Mesrine, Kontakt mit linksradikalen Aktivisten aufzunehmen, zwar nicht mit der RAF, aber mit den Roten Brigaden in Italien. Dazu kam es nicht mehr. An der Porte de Clignancourt wurde er im Kugelhagel der Polizei zur Legende. 

Volker Mazassek

Als Staatsfeind Nr. 1 galt in den 60er und 70er Jahren in Frankreich Jacques Mesrine. Er war Bankräuber, Mörder, Angeber und Buchautor, aber auch einer, der gegen Ungerechtigkeit im Allgemeinen, gegen Hochsicherheitstrakte in den Gefängnissen, in denen gefoltert wurde, und gegen zu viel Staat kämpfte. Lange spielte er sein Schwerverbrecherspielchen und mit der Polizei Katz und Maus. Presse und Öffentlichkeit schlugen sich zeitweise auf seine Seite. Die Leserschaft einer Zeitschrift wählte ihn 1978 gar zur „Persönlichkeit des Jahres“. Fast 20 Jahre ging das – mit langen Unterbrechungen im Gefängnis – gut. Dann aber …

Mesrine hatte im Algerienkrieg gekämpft. Vielleicht wurde er da durch die Folterpraktiken der OAS belastet. Als er 1959 von dort zurückkehrte, ging es noch eine Zeitlang gut. Er heiratete eine Spanierin. Sie bekamen Kinder.

Dann – auch wegen des Verlustes des Arbeitsplatzes – die ersten Einbrüche, die kriminelle Verbindung zu dem Unterweltboss Guido, der erste Mord, der Verkehr mit Prostituierten, die Bekanntschaft mit seiner „Partnerin“ Jeanne Schneider, die Flucht nach Kanada, die Erpressung und Entführung eines kanadischen Millionärs, die Festnahme und Unterbringung in einem berüchtigten Gefängnis, der Ausbruch aus diesem Gefängnis und weitere Morde.

(Ende des ersten Teils mit dem Titel „Mordinstinkt“)

Ein Reißer und ein Krimi, aber nicht nur das. Das meiste ist authentisch, rein biografisch, so sensationell manches auch wirken mag. Tatsachen, locations, Milieu und Lebensablauf sind nämlich minutiös rekonstruiert, insofern sitzt man nicht im Kino, sondern in der Wirklichkeit. Regiemäßig gestaltet ist das perfekt – nicht weniger als 33 Wochen dauerten die Dreharbeiten der beiden Teile. Césars gab es auch schon.

Und einen für die Hauptrolle überzeugenderen Schauspieler als Vincent Cassel hätte man nicht finden können. Er spielt mit einer Intensität und einem Nuancenreichtum, die gefangen nehmen und Vergnügen bereiten. Flankiert ist er von ausgezeichneten Namen: Cécile de France (Jeanne Schneider), Gérard Depardieu (Guido), Elena Anaya (Mesrines Ehefrau), Roy Dupuis und Gilles Lellouche (Komplizen), später – im zweiten Teil – Ludivine Sagnier (Mesrines letzte Partnerin Sylvia Jeanjacquot), Mathieu Amalrik, Gerard Lanvin und Samuel Le Bihan (Komplizen) sowie Olivier Gourmet als Kommissar Broussard.

Das Aufsehen erregende Leben eines charismatischen Schwerverbrechers. Halbdokumentarischer Qualitätsreißer. 

Thomas Engel