Ricky

In Francois Ozons „Angel – Ein Leben wie ein Traum“  träumte ein Mädchen namens Angel von einem märchenhaften Leben in dem alle ihre Träume von Glamour, Liebe und Erfolg wahr werden würden. Ihr Wunsch wurde erfüllt und dennoch blieb die ‚Realität’ (bei Ozon immer ein zweifelhafter Begriff) inmitten all der Bonbonfarben einsam und bitter. In „Ricky“, der zunächst viel handfester aussieht, trägt sich nun ein wirkliches Wunder zu: Ricky, dem Baby des Arbeiterpärchens Katie und Paco, wachsen Flügel.

Webseite: www.concorde-film.de

Frankreich 2009
Regie: François Ozon
Buch: François Ozon nach der Kurzgeschichte MOTH von Rose Tremain
Darsteller : Alexandra Lamy, Sergi Lopez, Mélusine Mayance, Arthur Peyret
Länge: 90 min
Verleih: Concorde
Startermin: 14.5.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In der Fabrik lernt die alleinerziehende Katie den netten und gutaussehenden Paco kennen. Schon bald zieht er bei ihr und der 7-jährigen Lisa ein und Ricky wird geboren. Dann geschieht ein Wunder: Ricky wachsen Flügel. Zunächst sind es nur seltsame, blutige Stumpen. Dann werden Schwingen daraus und zuletzt richtige, braungefiederte Flügel, mit denen Ricky wie eine Motte immer in Richtung Licht fliegt.
 
Die extravagante Story nach einer Kurzgeschichte von Rose Tremain inszeniert Ozon betont unaufgeregt als Familiengeschichte in der Tradition des ‚kitchen sink realism’. Gerade, beobachtende Einstellungen, wenig Musik, ungeschminkte Gesichter. In einem Wohnkomplex der Banlieue spielt sich Katies Leben als immer gleiche, kräftezehrende, Routine ab: im Morgengrauen aufstehen, Frühstücken, das Kind zur Schule fahren, die Arbeit am Band, der neue Kollege, flüchtiger Sex. Für Wunder scheint kein Platz  – auch wenn der Beton der Hochhäuser und die Brachflächen dahinter bei Ozon ein wenig mehr Wärme ausstrahlen als etwa bei den Dardenne-Brüdern. Schönheit und Liebe, Sonnenuntergänge und Erotik scheinen hier immerhin, gelegentlich, möglich.  

Dann verlieben sich Katie und Paco ineinander. Paco zieht bei Katie und der skeptischen Lisa ein, und Ricky wird geboren. Sensibel beschreibt Ozon die Erschütterung der Balance, die neue Wärme und Körperlichkeit, und die neue Aufteilung von Verantwortung und Aufmerksamkeit, die diese Veränderungen für die kleine Gemeinschaft bedeuten. Als dem neuen Kind Flügel wachsen, erzählt er einfach weiter als wäre nichts geschehen. So als wäre ein Kind mit Flügeln eben eine der täglichen Unwägbarkeiten, die ganz normale Familien zu meistern haben. Rickys „Fehlwüchsigkeit“, die langsam und schrittweise zum Vorschein kommt, wird von Katie und Lisa als gegeben und liebenswert hingenommen. Anstatt sich Gedanken über das Besondere der Situation zu machen, suchen sie nach praktischen Lösungen. Paco ist da schon wieder ausgezogen.

„Ricky“ ist François Ozons sanftmütigster und liebevollster Film bislang, weit entfernt von den grellen Tönen von „Sitcom“ oder dem Zynismus von „5×2“. Zärtlich und amüsiert zugleich inszeniert Ozon das Baby Ricky, diese seltsame Metapher zwischen Motte und Engel, als greifbare Realität. Er zeigt Lisa, wie sie abends das Gitterbettchen wie einen Vogelkäfig verhängt und Katie, wie sie sich anhand von Gefrierhühnchen Gedanken über das Verhältnis von Flügelspannweite zu Körpergröße macht. Seine ersten Flugversuche unternimmt Ricky in einem eigens geschneiderten Sicherheitsanzug.

Ebenso zärtlich begegnet Ozon auch allen anderen Familienmitgliedern, sogar dem ambivalenten Paco und besonders der kleinen Lisa, die als Beobachterin alle Veränderungen der Familie registriert. Immer wieder sucht die Kamera ihr Gesicht. Immer wieder setzt sie die Familienmitglieder ins Verhältnis zueinander. Das Wunder in „Ricky“ sind nicht die Flügel eines Babys, das Wunder ist das ganz normale Glück einer Familie, in der, einen Moment lang, alle realen und imaginären Mitglieder einen Ort und ein Gleichgewicht gefunden haben.

Hendrike Bake

Katie lebt mit ihrem Töchterchen Lisa in einer Hochhaussiedlung in Frankreich. Beide sind aufeinander eingespielt: Arbeit am Fließband, Schule. Katie lernt in der Fabrik Paco kennen, einen spanischstämmigen Kollegen. Die beiden fackeln nicht lange – Sex auf Anhieb. Erst danach lernen sie sich besser kennen. Paco zieht zu Katie und Lisa, auch wenn letztere sich dadurch gestört fühlt.

Nachwuchs kündigt sich an. Der kleine Ricky wird geboren. Katie widmet sich vorrangig ihm. Paco fühlt sich vernachlässigt.

Ricky bekommt am Rücken verdächtige Flecken. Hat Paco ihn fallen lassen oder gar misshandelt, während Katie arbeitete? Sie verdächtigt Paco zu Unrecht. Der verlässt die Frau.

Eines Tages sitzt Ricky hoch oben auf einem Schrank. Ihm sind Flügel gewachsen. Katie weist Lisa an, alles geheim zu halten.

Doch bei einem Kaufhausbesuch Katies mit den Kindern fliegt Ricky davon. Von Geheimhaltung jetzt keine Spur mehr: erstaunte Besucher, Presse, Fernsehen.

Von dem Trubel angezogen, kehrt Paco zurück. Mit dem Geld, das aus dem Verkauf von Rickys Geschichte hereinkäme, könnte man doch ein Häuschen bauen, in dem das Kind in voller Ruhe groß würde.

Aber bald darauf fliegt Ricky davon. Für immer? Vielleicht geschieht doch noch ein weiteres Wunder.

François Ozon, der bis jetzt handfeste gute Filme ablieferte, stützt sich bei „Ricky“ auf die Kurzgeschichte „Moth“ von Rose Tremain und drehte einen ausgefallenen, exzentrischen Streifen, der im Bereich zwischen wirklichem Leben und Phantasmagorie, zwischen Familienalltag und Surrealismus, zwischen Normalität und Abnormität angesiedelt ist.

Ozon scheint einige Mühe zu haben, seine Wahl und seine Vorgehensweise zu begründen. Nicht so sehr der Fantasy-Aspekt der Geschichte, sagt er, habe ihn berührt, „sondern die Art, wie sie von Familie handelt, unserem Platz darin und wie ein neues Mitglied – ein neuer Partner oder ein Kind – die Balance durcheinander bringen kann“. Und: „Es ist komisch zu sehen, wie normale mütterliche Gefühle sich in einer völlig unnormalen Situation entfalten . . . Katie und ihre Tochter kümmern sich wirklich gern um dieses außergewöhnliche Baby. Und ich hoffe, das Publikum teilt ihr Vergnügen.“

Die Regie ist wie immer bei diesem Filmemacher solide und differenziert. Das Familienmilieu stimmt. Alexandra Lamy als Katie, Sergi Lopez als Paco und die kleine Mélusine Mayance als Lisa spielen bestens. Mit der Handlung und dem Thema muss sich jeder, wenn er Interesse daran hat, selbst auseinandersetzen.

Thomas Engel