Quellen des Lebens

Basierend auf seinem autobiografischen Roman „Herkunft“ erzählt Oskar Roehler eine Familiengeschichte über drei Generationen, die zugleich Spiegelbild der BRD-Geschichte sein will. Eine Art „Heimat" also, aber eben à la Roehler. Das heißt: Ohne Berührungsängste vor Kitsch oder Klischees. Wenn schon Melodram, dann fett und saftig, stets hart an der Grenze zur Parodie – gerne auch darüber hinaus. Ein Familienepos, durchaus gefühlsecht und mit viel Herzblut. Zugleich eine verspielte Satire darauf. Nicht nur für Fans des eigenwilligen wilden Filmers ein durchaus famoses Vergnügen.

Webseite: www.quellendeslebens.x-verleih.de

D 2013
Regie und Buch: Oskar Roehler
Darsteller: Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, Lavinia Wilson, Leonard Scheicher, Lise Smit
Filmlänge: 174 Minuten
Verleih: X Verleih
Kinostart: 14. Februar 2013

PRESSESTIMMEN:

"…ein maßloser und großartiger Film über die deutsche Geschichte."
DIE ZEIT

"Ein feinfühliges, trotz drei Stunden Laufzeit kurzweiliges Epos, exzellent gespielt…"
STERN

"Drei grandiose Liebesgeschichten, erzählt aus der Erinnerung eines ungewollten, verstoßenen Kindes. Dreiklang aus Groteske, Tragödie und Romanze… Mit einer hochkarätigen Darstellerriege, besonderen Glanznummern für Lavinia Wilson, Moritz Bleibtreu, Lisa Smit und Leonard Schleicher."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

"Eine knapp dreistündige Kino-Orgie mit entfesselten Schauspielern und spektakulärer Maskenarbeit. Überbordend, überkandidelt und überladen und auf merkwürdige Weise ziemlich toll."
KulturSPIEGEL

"Rührend, intensiv und noch dazu witzig…"
BRIGITTE

FILMKRITIK:

„Man schrieb das Jahr 1949“, berichtet der Ich-Erzähler von seinem Großvater Erich Freytag (Jürgen Vogel), der aus dem Krieg in seine fränkische Heimat zurückkehrt. Die Ehe scheint nach der langen Abwesenheit zerrüttet, umso besser wird alsbald seine neu gegründete Gartenzwerg-Fabrik florieren. Schließlich herrschen Wirtschaftswunderzeiten, da ist auch die Nachfrage nach heimeligem Gartenmobiliar enorm. Nach einer halben Stunde folgt das nächste Kapitel. Sohn Klaus (Moritz Bleibtreu) möchte als Schriftsteller ganz große Karriere machen, sein Talent indes ist eher klein. Immerhin lernt dadurch die extrovertierte Gisela kennen, die gleichfalls literarische Ambitionen hegt. Ihre reichen Eltern finden wenig Gefallen am neuen Freund der Tochter. Und die wiederum ist wenig begeistert von ihrer baldigen Schwangerschaft. Als Robert geboren wird will sie von dem Kind nichts wissen. Auch dem jungen Papa passt das Baby nicht so recht in seine vergnügungssüchtigen Boheme-Pläne, er träumt noch immer von einer Karriere als Autor. So landet Klein-Robert schließlich bei den Großeltern und wird etliche Male in der Verwandtschaft weitergeschoben. Teil drei schließlich schildert die Abenteuer des jungen Helden als Teenager. Inzwischen lebt er als aufmüpfiger Hippie in der vornehmen Villa von Mutters Eltern und frönt dort der Rebellion. Der stramm konservative Opa ist davon so wenig begeistert wie von den Wahlspots für Willy Brandt im Fernsehen. Ins Internat abgeschoben, verliebt sich Robert schließlich in die ehemalige Nachbarin. Dass sein Schwarm ausgerechnet mit seinem angeberischen Kumpel den Steh-Blues tanzt, findet Robert ganz und gar nicht cool.

Wer, wenn nicht Roehler, wäre für eine schräge Abrechnung mit bundesrepublikanischer Zeitgeschichte der perfekte Provokateur? Ganz so schrill wie erwartet fällt der historische Bilderbogen freilich nicht aus. Mit überraschend feinem Pinselstrich geht Roehler diesmal vor. Die Gartenzwerge als Stellvertreter für die kleinkarierte Muffigkeit der Wirtschaftswunderjahre. Die verheißungsvolle, Aufbruch versprechende SPD-Werbung von Willy Brandt, fies kommentiert vom feisten Unternehmer. Oder jene durchgeknallte „Flower Power“-Vertreterin der freien Liebe, die zur Selbstverwirklichung auch schon mal das Kind ihres Lovers zum praktischen Aufklärungsunterricht auffordert: „Magst du nicht einmal Papis Erektion anfassen?“. Richtig dick trägt Roehler indes bei seiner Familiensaga auf und hat dabei, wie üblich, keinerlei Berührungsängste vor Kitsch oder Klischees. Wenn schon Melodram, dann fett und saftig, stets hart an der Grenze zur Parodie – gerne auch darüber hinaus. Jürgen Vogel, mit Stahlgebiss, als gebrochener Held. Lavinia Wilson mit endlos dämlichem Kichern als wahrlich dumme Gans und Nervensäge – gerade so als wär’s der Testlauf für ihren kommenden „Schoßgebete“-Auftritt. Last not least der Ochsenknecht-Nachwuchs mit einer Paraderolle als übercooler Angeber der selbstgefällig affigen Art im BRAVO-Fotoroman.

Bei aller ironischen Verspieltheit und den ganzen Brechungen meint es Roehler durchaus ernst mit seiner nostalgischen Ode an die schöne Jugendzeit, und man spürt deutlich das Herzblut, das in diesem Stoff steckt. Das Schlammbad der beiden verliebten Teenager im Wald etwa, eine der schönsten Szenen des Films, wirkt so bezaubernd wie gefühlsecht. Und wer hätte bei einem Cat Stevens „Morning has broken“-Song keine persönlichen Déja-Vus? Der Spagat zwischen schrägem Heimatfilm-Trash und vergnüglicher Zeitreise gelingt famos – nicht zuletzt wegen des starbesetzten, spielfreudigen Ensembles. Auf die geplante Fortsetzung in den wilden 80er Jahren in West-Berlin darf man gespannt sein: Dann soll sogar Fassbinder leibhaftig auftreten… 

Dieter Oßwald

Beinahe drei Stunden dauert dieser Film, der eine dramatische Familiengeschichte über drei Generationen, aber auch einen ziemlich erhellenden Überblick über die Bundesrepublik zwischen dem Ende der 40er Jahre und dem Ende der 80er Jahre gibt.

Erich, der Großvater des Erzählers, kehrt 1949 aus der Gefangenschaft zurück. Sehr willkommen scheint er nicht zu sein, denn seine Frau hat eine Geliebte. Dennoch rafft er sich nach einiger Zeit auf und gründet eine Fabrik, in der Gartenzwerge hergestellt werden, lange ein gutes Geschäft mit vielen Angestellten.

Klaus Freytag ist Erichs Sohn. Er wäre gerne Schriftsteller, doch es sieht so aus, als schriebe Gisela, in die er sich verliebt hat, besser. Es kommt nach einer Zeit des amour fou Robert zur Welt, ein Kind, das die Mutter anscheinend nicht wollte. Die Scheidung ist nicht weit.

Robert, der Erzähler, bildet sich als Hauptperson heraus. Geschildert wird sein Hin-und-her-Geschobenwerden zwischen den Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits und dem halb nach Höherem strebenden, halb verwahrlosten Vater, die Schlüsselkindzeit in Berlin (als vorübergehender „Drogendealer meiner Mutter“, wie es in Roehlers zugrunde liegendem Roman „Herkunft“ heißt), die Zeit im Internat, die große, Vertrauen erweckende Liebe zu Laura, die Periode der Auflehnung der Jugend während der 68er-„Revolution“, die freudigen aber auch die unglückseligen Ereignisse in der Familie, Roberts oft greller, Zerstörungswut zeigender, dann wieder sanfter Charakter.

Die Geschichte hat autobiographische Züge – zu 28,75 Prozent, wie der Autor einmal wohl scherzend meinte. Der Rest ist (Nachkriegs-)Geschichte – Gartenzwerge als Symbole der Kleinbürgerlichkeit – ebenso wie Fiktion, ist Roehlers Emotion, seine unbestrittene Erzählkraft, kurz, sein literarisches und cinematographisches Talent.

Thematische Balance hat „Quellen des Lebens“ aber keinesfalls. Das geht oft vom höchst Eindrucksvollen bis zum Peinlichen und Oberflächlich-Unrealistischen.

Filmisch-dramaturgisch liegt jedoch zweifellos ein bemerkenswerter Wurf vor. Beteiligt daran sind sicherlich die sämtlich beachtlich agierenden Darsteller: Jürgen Vogel als vom Krieg heimkehrender Großvater Erich Freytag, Sonja Kirchberger als Marie Freytag und Geliebte von Erichs Frau, Moritz Bleibtreu als Klaus, Leonard Scheicher als Robert, Meret Becker als sehr überzeugend spielende Elisabeth Freytag, Erichs Ehefrau, außerdem Lisa Smit als junge schöne Laura, Lavinia Wilson als Klaus’ geschiedene Frau Gisela (Ellers) und so manch andere wie Kostija Ullmann als junger Klaus oder Thomas Heinze als Martin Ellers und Wilson Gonzalez Ochsenknecht als Internatskumpel.

Thomas Engel