Raeuber, Der

Den Nobelpreis wie sein Opa Werner hat Benjamin Heisenberg noch nicht bekommen. Aber die Zahl der Auszeichnungen kann sich durchaus sehen lassen: Vom First Steps Award über etliche internationale Awards bis zum Max Ophüls-Preis für sein Debüt „Der Schläfer“, Cannes-Auftritt inklusive. Und auch für seinen zweiten Streich, mit dem Heisenberg im Berlinale Wettbewerb 2010 startet, gab es bereits vorab den renommierten Bayrischen Filmpreis. Die Lorbeeren für den radikalen Minimalisten der Berliner Schule sind nicht unverdient: Auch "Der Räuber“ zeigt, was das Autorenkino so dringend braucht: eine eigene Handschrift. Nach einer wahren Geschichte geht es hier um den Wiener Marathonläufer Johann Kastenberger, der in den 80er Jahren als Bankräuber für Aufsehen sorgte. Ein Krimi als „Psycho-to-go“ – die Erklärungen bleiben bewusst dem Publikum überlassen. Die besten Filme waren bekanntlich schon immer jene, die nach dem Abspann für Diskussionsbedarf sorgen.

Webseite: www.derraeuber.de

Österreich / Deutschland 2009
Regie: Benjamin Heisenberg
Buch: Benjamin Heisenberg, Martin Prinz
Kamera: Reinhold Vorschneider
Darsteller: Andreas Lust, Franziska Weisz, Florian Wotruba, Johann Bednar, Walter Huber
Länge: 96 Minuten
Verleih: Zorro Film
Start: 4. März 2010
Premiere: Berlinale Wettbewerb 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am Anfang ist der Kreis. Im Gefängnishof zieht Johann einsam seine Runden. In seiner Zelle sprintet er später auf dem Laufband unermüdlich weiter. 6 Jahre hat er einst bekommen für Bankraub. Kaum ist er entlassen, überfällt er die nächste Bank. Und noch eine und noch eine. Jeder Coup gelingt, der Kick macht ihm zum Serientäter. Seine zweite Leidenschaft ist das Laufen. Johann wird zum Marathon-Sieger und er rennt jedem Verfolger davon. Die Beute verstaut er achtlos in Plastiktüten, der schnöde Mammon interessiert ihn gar nicht, für ihn zählt nur der Erfolg. Erst als der Bewährungshelfer skeptisch wird, kommt es zu fatalen Folgen. Ein teuflischer Kreislauf beginnt.

Der Fall beruht auf der wahren Geschichte des Österreichers Johann Kastenberger, der in den 80er Jahren wegen seiner Ronald Reagan-Maske als „Pumpgun-Ronnie“ bekannt wurde.

Jungfilmer Benjamin Heisenberg, der mit seinem Debüt „Schläfer“ für Furore sorgte, erzählt auch diese Geschichte eines Getriebenen mit kargen Bildern, ganz im minimalistischen Stil der Berliner Schule. Auf psychologische Erklärungen oder moralische Wertungen wird bewusst verzichtet, es zählt das rigorose Abbild der Realität. Aussagen wie „Was ich mache, hat mit dem, was du Leben nennst, nichts zu tun“ bleiben die Ausnahme, wichtiger ist die Getriebenheit des Helden, der vor sich selbst davonläuft.

„Johann rennt“ heißt die Parole, wie einst Franka Potente sprintet hier Andreas Lust mit grandioser Leinwandpräsenz in einer energiegeladenen, furiosen Tour de Force durch den Film, gepeitscht von pulsierender Trommelmusik oder Oper-Klängen. Wie ein Tierfilmer beobachtet Heisenberg sein Objekt, kalt und teilnahmslos. Und dann doch wieder mit einer überraschenden Empathie für diesen tragischen Tropf, der letztlich ja doch nur am Scheitern der Liebe zugrunde geht.

Dass dieser Johann in seiner Wut über Leichen geht, protokolliert Heisenberg mit der erschreckenden Teilnahmslosigkeit eines Buchhalters – und legt damit geschickt den Köder für die Reaktion der Zuschauer. Selten geschah ein Mord in einer hohlen Gasse so fies vorhersehbar. Und wirkt gerade dadurch umso unangenehmer – Hitchcock lässt grüssen. Manche Details der Flucht und Verfolgung mögen unrealistisch erscheinen, derart dämlich stellt sich die Wiener Polizei selbst im „Tatort“ nicht an. Die visuelle Umsetzung entschädigt für kleine logische Macken aber allemal – und eine gewisse „Unschärfenrelation“ kann man dem filmenden Enkel eines Physik-Nobelpreisträgers schließlich zugestehen.

Dieter Oßwald

Ein Mann läuft. Mal im knappen Leichtathletikoutfit bei Marathon oder Berglauf, dann vermummt, mit Maske und Schrotgewehr in der Hand, nach einem Banküberfall. Beiden Tätigkeiten geht der Mann – Johan Rettenberger, fast ohne Worte, mit regungsloser Mimik gespielt von Andreas Lust – mit höchster Professionalität nach. Er ist besessen, getrieben, süchtig nach dem Kick des Erfolges, der ihm dann doch nichts bedeutet. Weder der österreichische Rekord im Marathon, noch die hunderttausende Schilling, die er in Tüten unter seinem Bett versteckt, ohne sie auszugeben.

Warum er so handelt, was ihn antreibt, Benjamin Heisenbergs Film entzieht sich jeglicher Interpretation. Einerseits ist das eine Stärke, werden so doch allzu einfache psychologisierende Momente vermieden, die ein komplexes Schicksal auf zwei, drei Phrasen reduzieren. Andererseits führt diese betonte Unbestimmtheit dazu, dass die Figur des Räubers merkwürdig distanziert bleibt. Am Anfang sah man ihm im Gefängnishof seine Runden drehen, in der Zelle auf dem Laufband trainieren. Ein Bewährungshelfer gibt ihm letzte Hinweise für das Leben draußen, erkundigt sich nach möglichen Zielen für die Zeit danach, doch Rettenberger nennt keine. Draußen bezieht er ein karges Zimmer und begibt sich erzwungenermaßen zum Arbeitsamt, wo er seine alte Bekannte Erika trifft, mit der er eine für kurze Momente hoffnungsvolle Beziehung beginnt. Dann überfällt er eine Bank.

Mit höchster Präzision zeigt Heisenberg diese Überfälle, die peniblen Vorbereitungen, das Bemühen, jegliche Spuren zu vermeiden, den kurzen Rausch des Danach. In diesen Szenen ist der Film ganz bei sich: Wenn er nur über die Bilder erzählt, den Rausch der Geschwindigkeit, den Adrenalinausschuss der Überfälle, des Verfolgtwerdens, mit pulsierender Trommelmusik und brillanten Schnitten auf die Leinwand bringt. In diesen Sequenzen entfaltet „Der Räuber“ einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann, dann ist er ganz nah am puren Kino, das sich rein über die Bewegung definiert. Da vergisst man auch gerne, wie vage die Figur des Räubers angelegt ist, wie arg dämlich sich die Wiener Polizei verhalten muss, damit der Film nicht schon viel früher vorbei ist.

Mit einigem Erfolg verlässt sich Heisenberg ganz auf die visuelle Umsetzung einer fast durchgehenden Verfolgungsjagd. Weite Teile des Films bestehen aus Training, Rennen, Davonrennen und schließlich einer finalen, gut halbstündigen Großjagd der Polizei nach Rettenberger. Immer enger schließt sich der Kreis um den Räuber, wie ein Tier wird er umkreist, aus seinen Verstecken gehetzt, wird immer mehr auf seine Instinkte zurückgeworfen, doch einen Ausweg findet er nicht.

„Der Räuber“ ist ein filmisch überaus eindrucksvoller Film, eine Tour de Force, wie man sie im deutschen Kino nicht oft zu sehen bekommt. In seinem Bemühen, seine Hauptfigur nicht zu psychologisieren, jegliche Motivation im unklaren zu lassen, geht Benjamin Heisenberg aber so weit, dass sie nicht immer nachvollziehbar bleibt, die Einsamkeit des modernen Langstreckenräubers.

Michael Meyns

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