Red Army

Als Film, als Dokumentation und als Kinoerlebnis ein Hochgenuss. Die faszinierende Story handelt vom Kalten Krieg und von den seinerzeit nahezu unschlagbaren Spielern des sowjetischen Eishockey-Nationalteams. Viele von ihnen kommen zu Wort, aber vor allem ist es der legendäre Verteidiger Wjatscheslaw „Slava“ Fetissow, dessen bewegtes Leben im Mittelpunkt steht.
Für Sportfans ein absolutes Muss, aber auch wer sich bisher nicht für Eishockey interessiert hat, kann sich auf tolle Bilder in einem hochgradig spannenden Kino-Highlight freuen – gelebte Geschichte mit Witz und Power!

Webseite: www.weltkino.de

Dokumentarfilm
USA/Russland 2014
Sprache: russisch/englisch, englische Untertitel, deutscher Kommentar
Regie und Buch: Gabe Polsky
Kamera: Svetlana Cvetko, Peter Zeitlinger
76 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 29.01.2015

FILMKRITIK:

Slava Fetissow ist ein cooler Kerl – kein Wunder, denn er hat einiges durchgemacht, war Held und Verräter, wurde gefeiert, gemobbt und verflucht, hat mehrfach alles gewonnen und alles verloren. Er war Kapitän des sowjetischen Eishockey-Nationalteams, das mit ihm beinahe unschlagbar war. Gleichzeitig spielte er für ZSKA Moskau – den Armeeclub, aus dem die Nationalmannschaft rekrutiert wurde. Während des Kalten Krieges hatte Eishockey eine besondere Bedeutung für die Sowjetunion. Das Volk verehrte die Nationalmannschaft inklusive großer Gefühle und patriotischer Hingabe, was von der sowjetischen Propaganda nicht nur befördert, sondern auch bis zum Äußersten ausgereizt wurde. Sie waren das ideale Vorzeige-Kollektiv für den realen Sozialismus. Doch kaum jemand ahnte, unter welchen unmenschlichen Bedingungen die Spieler zu Höchstleistungen getrieben wurden. Sie waren kaserniert und mussten täglich viele Stunden sehr hart trainieren, wurden ständig kontrolliert und überwacht. Höchst selten gab es Ausgang, nur einen Monat im Jahr durften sie zu ihren Familien, und zusätzlich sahen sich die Spieler ständigen Bedrohungen ausgesetzt, vor allem, wenn sie nicht wie gewünscht „funktionierten“. Letztendlich – so zeigt der Film – hat diese Unterdrückungspolitik vor allem eines bewirkt: Die Spieler hielten wie Pech und Schwefel zusammen und bildeten sowohl auf dem Eis als auch privat eine Einheit. Durch die Auflösungserscheinungen der Sowjetunion geriet auch das Team ins Wanken. Einige Spieler erhielten die Genehmigung, in den Westen zu gehen, und auch Fetissow wollte gehen. Mehrfach erteilte Zusagen wurden widerrufen, Fetissow wurde aus der Mannschaft geworfen, versetzt und wäre beinahe in Sibirien gelandet … Für Eishockeyfans selbstverständlich, aber für Laien vielleicht etwas kompliziert zu verstehen, ist der Zusammenhang zwischen ZSKA Moskau und der Nationalmannschaft. Hier ist der deutsche Kommentar etwas missverständlich. ZSKA ist der Name des Clubs, der ein Armeesportclub war, daher der Begriff „Red Army“, nicht zu verwechseln mit dem sowjetischen Nationalteam! Auch wenn beide eng verknüpft waren, so gab es doch eine – auch politisch – wichtige Trennung. Fetissow war Oberst der Roten Armee, und sein Club ZSKA Moskau war seine sportliche Heimat.
 
Die Story um Slava Fetissow, seine Freunde und Feinde ist schon als Biographie hochgradig spannend, als historisches Dokument und gelebte Geschichte ist sie von beinahe noch größerem Wert. Der Autor und Regisseur Gabe Polsky, selbst ehemaliger Eishockeyspieler, muss jahrelang recherchiert haben, und man spürt seine Leidenschaft für den Sport in jeder Sekunde. Er hat offenbar in Archiven rund um den Erdball gewühlt und Filmmaterial gefunden, das nicht nur eindrucksvoll, sondern auch sehr unterhaltsam ist. Da sieht man kleine Jungs, die sich in den 60er Jahren für Eishockey begeistern, sich voller Freude abrackern und von den kritischen Trainern gesichtet werden, es gibt Propagandabilder des UdSSR-Fernsehens ebenso wie TV-Bilder aus Kanada und den USA mit gehässigen Kommentaren über die „Kommunisten auf dem Eis“, Ausschnitte aus Wochenschauen und natürlich aus Spielen, wo sich Fetissow und seine Kollegen millimetergenaue Pässe zuspielen, und von Siegerehrungen. Die Eleganz des sowjetischen Spiels wird ebenso deutlich wie das gelegentlich sehr rustikale Gerumpel der körperbetonten US-Boys, bei denen die Spielzüge häufig in Schlägereien endeten. Spieler, Trainer, Angehörige kommen zu Wort, sprechen über Kämpfe, Siege und Niederlagen, im sportlichen wie im privaten Leben, und all das ist herausragend zusammengefasst und geschnitten, so atemstockend spannend und mit teils sehr schönem lakonischen Witz erzählt, aber manchmal auch ganz einfach zu Herzen gehend. Als Executive Producer zeichnen Werner Herzog und Jerry Weintraub, und vielleicht war es, zusammen mit Gabe Polsky, diese erlesene Kombination von historischer, filmischer, visueller und sportlicher Leidenschaft, die ihren Film zu einer der erfreulichsten Dokumentationen der letzten Jahre gemacht hat.
 
„The Soviet Symphony“ nannte man den sowjetischen Block um Fetissow, und dieser fetzige Film ist ebenfalls so gut komponiert wie eine Sinfonie und abgesehen davon so spannend wie ein Thriller – vom Anfang bis zum überraschenden Finale.
 
Gaby Sikorski