Wild Tales

Was passiert, wenn ein Mensch zum Äußersten getrieben wird? – Er wird wütend, und auf die Wut folgt die Rache. Davon handeln die sechs Episoden dieses unglaublich fiesen und unglaublich witzigen Films. Die pechkohlrabenschwarze Komödie wurde von Pedro und Agustin Almodóvar koproduziert, und der Almodóvar-Touch ist unübersehbar. Die wilden Geschichten von der konsequenten Vergeltung sind nichts für Zartbesaitete, haben aber dennoch – oder deshalb? – rund um die Welt großen Erfolg im Kino. Herrlich gemein!

Webseite: www.wild-tales.de

Originaltitel: Relatos Salvajes
Argentinien, Spanien 2014
Regie, Schnitt und Drehbuch: Damián Szifrón
Darsteller: Ricardo Darin, Dario Grandinetti, Oscar Martinez, Leonardo Sbaraglia, Érica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg
Kamera: Javier Juliá
Länge: 122 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 8. Januar 2015

Pressestimmen:

"In diesem Episodenfilm, der für Argentinien ins Oscar-Rennen geht, hält niemand mit seinen Rachefantasien hinterm Berg. Herrlich böse…"
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Kleine Geschichten mit großen Folgen: Da entdecken einige Flugzeugpassagiere, dass sie einen gemeinsamen Bekannten haben. Oder: Die Bedienung in einem Schnellrestaurant erkennt in einem Gast den Kredithai, der ihre Familie auf dem Gewissen hat. Ein schnieker Anzugträger legt sich mit einem rustikalen Proll an, und der Sprengstoffexperte Simon verliert aufgrund von Behördenwillkür und dank eines wiehernden Amtsschimmels sowohl seine Frau als auch seine Beherrschung und entwickelt einen ausgeklügelten Racheplan. Ein verwöhnter Bengel aus reicher Familie soll mithilfe von viel Geld und einem harmlosen Hausangestellten vor einem Strafverfahren wegen Fahrerflucht mit Todesfolge geschützt werden, und eine Braut erfährt auf ihrer Hochzeitsparty von der Treulosigkeit ihres frisch Angetrauten.
 
Damián Szifróns ganz unterschiedliche Storys von Provokation und Eskalation beginnen harmlos. Doch schnell ist der Konflikt da: Ein Hindernis, ein kleines bzw. großes Missverständnis oder eine unverhoffte Begegnung genügen, um das Feuer zu entfachen, bis es hochlodert. Das dauert – je nach Menschenschlag – auch mal etwas länger, aber schon ist Szifrón dabei, eine hundsgemeine, abgefeimte Wendung zu finden, die in die Katastrophe führt. Zunächst formieren sich die Beteiligten, die Konfrontation startet: Wer ist der Stärkere? Keiner möchte klein beigeben, also wird, anders als in den Stan- und Laurel-Filmen, nicht einfach die Krawatte abgeschnitten, sondern hier und da fließt auch mal Blut. Szifrón hat freudvoll, mit sehr viel Menschenkenntnis und Humor darüber nachgedacht, welche extremen Möglichkeiten es wohl geben könnte, um eine Krise zum Äußersten zu treiben. Die Auflösungen, die er wählt, sind manchmal etwas blutig, aber immer hochgradig amüsant und vor allem spannend.
 
Jede dieser Geschichten ist für sich ein Kunstwerk und erinnert in ihrer abgefeimten Konstruktion erzählerisch an Roald Dahl und Edgar Allen Poe. Und ebenso wie ihre literarischen Inspirationen sind sie weder unmoralisch noch zynisch, obwohl gelegentlich ein bisschen Tarantino-Charme sichtbar wird, besonders in den eher blutigen Sequenzen. Dabei verfügen sie über einen gewissen, unverwechselbaren Charme, den man vielleicht argentinisch könnte. Eine Mischung aus Lebensfreude und Lebensfrust mit einem Hauch tiefsitzender Ungeduld, die man nicht mit Temperament verwechseln sollte. In jedem Menschen steckt ein Tier, und Szifrón zeigt unter anderem, wie dünn die Schicht der Zivilisation ist und wie schnell das Ungeheuer darunter zum Vorschein kommen kann, wenn einmal der Schalter umgelegt wird. Dabei präsentiert er auf unterhaltsamste Weise ein bis ins Mark korruptes Argentinien, wo Behördenwillkür und soziale Ungerechtigkeiten mit verantwortlich sind für die Spannungen innerhalb der Bevölkerung. Doch anstatt akademische Sozialkritik zu üben, gelingt es Szifrón, seine wunderbar durchgeknallten Ideen konsequent bis zum apokalyptischen Ende zu erzählen und findet jedes Mal eine höchst überraschende Lösung, die manchmal blutig ist, manchmal einfach nur komisch, aber immer sehr, sehr gut ausgedacht. Empfindsame Seelen könnten sich hier durchaus mal unwohl fühlen; der Film ist nichts für sensible Naturen, denn Szifrón wird gern etwas drastischer und greift auch zu kleineren und größeren Schockeffekten, so dass das Lachen gelegentlich im Hals stecken bleibt.
 
Im wahren Leben ist Damián Szifrón vermutlich ein außergewöhnlich sanftmütiger Mensch, aber seine Fantasien sind von exquisiter Gemeinheit. Zudem kann er sich auf eine Schar hochmotivierter, guter Darsteller verlassen und auf eine teilweise sehr ausgefuchste Kameraarbeit mit unerwarteten Perspektiven. Da passt alles, denn brav war gestern, und Rache ist nicht nur süß, sondern auch Blutwurst.
 
Gaby Sikorski

Ein eskalierendes Überholmanöver, eine verpatzte Traumhochzeit und Aggressionen gegen das Ordnungsamt – in seinem Episodenfilm „Wild Tales“ erzählt Damián Szifrón überzeichnete Geschichten aus dem wahren Leben und bleibt trotz Slapstick dabei nahe genug an der Realität, um dem ertappten Zuschauer amüsierte Schamesröte ins Gesicht steigen zu lassen.
 

„Wild Tales“ ist einer dieser Filme, die urplötzlich eine ganze Filmnation sichtbar machen, denn wer hat bei uns in den letzten Jahren schon groß vom argentinischen Kino gesprochen? Nach dem Erfolg in Cannes und einer Festivaltour über Toronto, San Sebastián und Hamburg landet der vielleicht erfolgreichste argentinische Film aller Zeiten nun auch im regulären deutschen Kinoprogramm und nimmt mit seinem komödiantischen Episodenkonzept ein breites Publikum ins Visier.
 
Regisseur und Drehbuchautor Damián Szifrón erzählt sechs voneinander völlig unabhängige Geschichte, die allesamt um die Rachsucht des Menschen kreisen, und spielt dabei jene Szenarien aus, die dem Menschen in Momenten erhöhter Anspannung normaler Weise als Entlastungsfantasie dienen. Dementsprechend derb geht es hier zu, wenn der Streit zweier Autofahrer eskaliert oder eine Braut am Tag der Hochzeit den Seitensprung des soeben angetrauten Gatten entlarvt. Besonders viel Humor entfalten dabei jene Episoden, die sich nah an der Realität des Zuschauers abspielen und hiermit Bezugspunkte zur Verfügung stellen. Denn jeder kennt die aufkeimende Aggression, die sich einstellt, wenn ein zu langsam fahrendes Auto die linke Spur blockiert oder wenn das eigene Auto wegen eines nicht ordnungsgemäß ausgeschilderten Parkverbots abgeschleppt wird. Wenn sich die Protagonisten gegen diese Formen der Alltagsbehinderung gewaltbereit zur Wehr setzen, verschafft das durch die breite Identifikationsfläche auch dem Zuschauer eine besondere Form der Genugtuung.
 
Doch nicht alle Episoden funktionieren gleichermaßen. Die ersten drei, hinsichtlich Ort, Zeit und Handlung sehr komprimierten Geschichten, entwickeln deutlich mehr Kraft und Witz als die folgenden. Anfänglich beweist Szifrón ein ausgezeichnetes Gespür und Timing für Situationskomik, das in den folgenden drei Passagen weniger ins Auge sticht. Auch bieten insbesondere die letzten beiden Geschichten nicht nur weniger originelle Plots, sondern auch weniger Anknüpfungspunkte für den Zuschauer.
 
Die dramaturgische Anordnung der einzelnen Episoden ist also ungünstig, verliert der Film doch zunehmend seinen Reiz anstatt sich im Zuge seiner Laufzeit zu steigern. Auch gelingt es Szifrón nicht, eine über das gemeinsame Rache-Thema hinausgehende Verbindung der Geschichten zu etablieren, was den Episoden eine unvorteilhafte Beliebigkeit verleiht. Weshalb erzählt uns „Wild Tales“ ausgerechnet diese sechs Anekdoten? Was möchte uns der Film oder sein Macher damit sagen?
 
Bilder wilder Tiere im Vorspann des Films etablieren in Verbindung mit dem Titel „Wild Tales“ eine Anspielung auf die Natur des Menschen. Tatsächlich erweisen sich die Protagonisten als impulsgesteuert oder – in anderen Worten – „wild“. Dabei hat ihre Rachsucht sehr unterschiedliche Konsequenzen: Manchmal eskaliert die Situation und wird allen Beteiligten zum Verhängnis, manchmal aber wird der Rächer auch für seine Taten belohnt. Damián Szifrón verzichtet auf eine moralisierende Botschaft und beschränkt sich darauf, einzelne Exemplare der merkwürdigen Gattung Mensch zu präsentieren.
 
Der aus der Übertreibung des Alltäglichen generierte Humor funktioniert über weite Strecken, gleitet jedoch in der letzten Episode sehr ins Chaos ab. Letztlich ergibt sich der Humor der Inszenierung aus einem Erkenntnismoment, in dem sich der Zuschauer bei seinen eigenen Rache- und Entlastungsfantasien ertappt fühlt. Mit dem Lachen überdeckt er die eigene Scham.
 
Humor ist Geschmackssache – das trifft auch und ganz besonders auf „Wild Tales“ zu.
 
Sophie Charlotte Rieger