White God

Einer der überraschendsten, originellsten Filme jüngerer Zeit, der gerade auf dem Filmfest Hamburg seine Deutschlandpremiere feierte, ist der ungarische "White God" von Kornél Mundruczó. Was als geradezu realistische Geschichte über eine Freundschaft zwischen Mensch und Hund beginnt, entwickelt sich bald zu einer bildgewaltigen, theatralischen Metapher über die Unterdrückung des Anderen, des Unbekannten. Ein kraftvoller, mitreißender, technisch brillanter Film.

Webseite: www.delphi-film.de

Ungarn 2014
Regie: Kornél Mundruczó
Buch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi, Kata Wéber
Darsteller: Zsófia Psotta, Sándor Zsótér, Lili Horváth, Szabolcs Thuróczy, Lili Monori, Gergely Bánki
Länge: 119 Minuten
Verleih: Delphi
Kinostart: Winter 2014

FILMKRITIK:

"Alles Schreckliche braucht unsere Liebe" heißt es zu Beginn in Abwandlung eines Rilke-Zitats, doch was das Schreckliche ist, bleibt lange offen. Anfangs ist es vor allem der Vater der 13jährigen Lili (Zsófia Psotta), der wenig liebevoll ist. Eher unwillig nimmt er seine Tochter bei sich auf, da die getrennt lebende Mutter für einige Wochen verreist. Noch geringer ist die Freude des Vaters nur beim Anblick von Lilis bestem Freund: ihrem Hund Hagen. Dass dieser Mischlingshund nach dem Antagonisten aus dem Ring der Nibelungen benannt ist, deutet nicht nur die Rolle des Hundes an, sondern auch Lilis Bildung, die als Trompeterin in einem Orchester spielt. Auch Hagen lauscht gern der Musik seiner Herrin und lässt sich von den Tönen des Instruments durch die halbe Stadt locken, als wäre Lili eine Art Hundefängerin von Budapest. Diese Rolle nimmt sie bald unfreiwillig ein, nachdem der Vater Hagen ausgesetzt und seinem Schicksal überlassen hat.
 
War Kornél Mundruczó "White God" bis zu diesem Zeitpunkt noch stark einem eher konventionellen Realismus verhaftet, bewegt sich die Geschichte nun bald in zunehmend theatralische Richtung, wird zu einer Variation von "Die Vögel" oder einer Art "Planet der Hunde", der dabei aber dank eines praktisch völligen Verzichts auf Computereffekte doch stets auf dem Boden der Realität bleibt. Während Lili verzweifelt nach ihrem Hund sucht, gerät Hagen in die Hände eines Kampfhundtrainers, der ihn mit Amphetaminen und brutalen Trainingsmethoden zu einer reißenden Bestie formt. Seinen ersten Kampf überlebt Hagen, doch das Training hat ihn grundlegend verändert: Sein animalischer Instinkt wird nun von Gerissenheit und Intelligenz befeuert und so nutzt Hagen die erste Gelegenheit zur Flucht und versammelt bald eine ganze Armee von Straßenhunden hinter sich.
 
Wie diese Meute durch die Straßen Budapest hetzt und für Chaos sorgt, ist atemberaubend anzusehen. Gar erstaunliches haben die Hundetrainer hier vollbracht, die es möglich machen lange, stumme Passage zu inszenieren, in denen die Hunde mit Geschick und Cleverness ihren Häschern entgehen und geradezu menschliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Doch auch wenn die Geschichte sich wie eine moderne Variante von "Lassie kehrt zurück" lesen mag: Zartbesaitete Gemüter seien gewarnt, denn im weiteren Verlauf entwickelt sich "White God" zunehmend zu einem flamboyanten Film, der mehr Anleihen beim Horrorfilm als beim Heimatkino nimmt.
 
Blutrünstig ist die Rache der Hunde an ihren Peinigern, was Kornél Mundruczó fraglos als Metapher für den Aufstand jedweder unterdrückter Wesen intendiert. Gerade in Ungarn herrscht in den letzten Jahren eine zunehmend aggressive Atmosphäre, sehen sich Minderheiten Repressionen und Verfolgung ausgesetzt, droht die soziale Einheit aus den Fugen zu geraten. Auf all diese Aspekte spielt "White God" an, der so mitreißend inszeniert ist, dass manche Unglaubwürdigkeit der Handlung im Sog der Geschichte verschwindet. So überzeugend die junge Hauptdarstellerin Zsófia Psotta dabei auch ist, der Star des Films sind die Hunde, allen voran Hagen, der durch Kornél Mundruczó Inszenierung zu einem komplexen, ambivalenten Charakter wird und „White God“ zu einem bemerkenswerten, höchst originellen Film.
 
Michael Meyns