Reise des chinesischen Trommlers, Die

Hin- und hergerissen zwischen seiner Passion, dem Trommeln, und seiner Pflicht als Sohn eines Gangsters, flieht der junge Sid (Jaycee Chan, Jackies Sohn) in die Einsamkeit Taiwans. Bei einer traditionellen Trommelgruppe findet er die Ruhe, die ihm im brodelnden Hong Kong versagt blieb. Kenneth Bi inszenierte den bildgewaltigen Film, der klassisches Selbstfindungsdrama und Gangsterparabel verbindet.

Webseite: neuevisionen.de

HK/ Taiwan/ Deutschland 2007
Regie: Kenneth Bi
Buch: Kenneth Bi
Darsteller: Jaycee Chan, Tony Leung Ka Fai, Angelica Lee, Roy Cheung, Josie Ho, Kenneth Tsang, He-Yi Cheng
Länge: 118 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 1. Januar 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Sid, Anfang 20, hat je nach Betrachtungsweise das Glück oder Pech, Sohn des mächtigen Gangsterbosses Kwan (Tony Leung Ka Fai) zu sein. Er genießt die Vorzüge seiner Position, die ihn praktisch unantastbar machen, in vollen Zügen, agiert egozentrisch und arrogant und fühlt sich als König der Welt. Gar nicht so anders als jeder normale junge Erwachsene, nur das Sid eben nicht in einer normalen Welt verkehrt, sondern in der ritualisierten, von Ehrenkodices geprägten Unterwelt Hong Kongs. Und selbst ein Sid kann sich nicht einfach mit der Geliebten eines anderen Gangsterbosses einlassen. So sehr sein jähzorniger Vater auch versucht, die Situation zu bereinigen, Sid soll bestraft werden. Stattdessen schickt ihn sein Vater zusammen mit seinem treuen Helfer Ah Chiu nach Taiwan und hofft, dass bald Gras über die Sache wächst.

In den malerischen Bergen Taiwans kommt der Film zur Ruhe und mit ihm Sid. Spiegelte der sprunghafte Schnitt der ersten 20 Minuten Sids Zustand innerer Unruhe, so beginnen nun längere Einstellungen zu dominieren. Dieser betonte Wechsel zwischen Stadt und Natur und den damit verbundenen Kulturen ist gewiss nicht originell, ebenso wenig wie Sids Selbstfindung mittels intensivem Trommelspiels. Was passieren wird, als Sid eines Morgens eine auf einem Hügel lebende und arbeitende Trommelgruppe entdeckt, ist unschwer zu erraten. Bei den nach Zen-Ideen lebenden Trommlern (größtenteils dargestellt von Mitgliedern der bekannten Trommelgruppe U-Theatre) wird Sid zu sich selbst finden und erkennen, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt ist. 

Dass der Film bei aller Vorhersehbarkeit sehenswert bleibt, hat zwei Gründe. Zum einen schwelgt Kenneth Bi in der Schönheit der taiwanesischen Landschaft wie man es selten gesehen hat. Von sattgrünen Bäumen gesäumte Berge, bedeckt vom Morgennebel, malerische Bäche, die die Täler durchziehen, für eine kontemplative Selbstfindungsgeschichte kann man sich keinen besseren Schauplatz vorstellen. Zum anderen ist das Jaycee Chan, der Sohn des legendären Jackie Chans, der ein schweres Erbe antritt. Vergleiche mit der akrobatischen Komik, die sein Vater zu höchster Kunstfertigkeit geführt hat, sind dabei unvermeidlich, auch wenn Jaycee Chans Rolle dramatischer ist als die meisten seines Vaters. Und doch meint man in etlichen Situationen das Gespür des Vaters für slapstickartige Gesten zu spüren, eine Lust, den ganzen Körper ins Spiel einzubeziehen und sich nicht vor expressiven Gesten zu fürchten, um den Wandel vom selbstherrlichen Ekel zum nachdenklichen Musiker darzustellen. Fraglos ein großes Talent, von dem man zukünftig noch einiges hören und sehen dürfte.

All dies lässt darüber hinwegsehen, dass sich der Film im letzten Drittel ziemlich verzettelt. Eine Romanze zwischen Sid und einer Mittrommlerin wird angedeutet und dann plötzlich fallen gelassen, die Geschichte ist eigentlich zu Ende erzählt und führt dann doch noch einmal nach Hong Kong zurück, wo auch wirklich jede zu Beginn angedeutete Handlung zu einem runden Ende geführt werden soll. Getreu dem Motto der Zen-Trommler, deren geradezu spartanische Spielweise den Film durchzieht, wäre hier weniger mehr gewesen, hätte ein Fokus auf die Essenz der Geschichte mehr Eindruck hinterlassen als das breite Panorama das Kenneth Bi am Ende entfaltet.

 

Michael Meyns

Sid lebt in Hongkong. Er ist der Sohn des mit einer ganzen Reihe von Bandenmitgliedern arbeitenden Ganovenchefs Kwan, und entsprechend diesem Milieu führt er sich auch unbekümmert und anmaßend auf. Eines Tages wird er mit Carmen, der Geliebten des zwielichtigen Stephen Ma, beim Sex erwischt. Ma will sich rächen, seine „Ehre“ wiederherstellen. Er verlangt, dass Sid die Hände abgehackt werden.

Kwan sucht seinen Sohn zu retten, obwohl er mit ihm in einem äußerst angespannten Verhältnis lebt, und schickt ihn in Begleitung eines „Freundes“, der sich später als Verräter herausstellt, nach Taiwan. Dort muss Sid lange bleiben.

Eines Tages hört er vom nahen Berggipfel Aufsehen erregenden Trommelklang. Er geht dem nach. Auf dem Berg leben die Mitglieder des bekannten U-Theatre. Ihre Kunst ist deshalb derart perfekt, weil sie ein asketisches Leben führen, Disziplin oberstes Gebot ist, weil sie vegetarisch essen, viel meditieren, Zen-Regeln befolgen, Kampfkünste üben und immer wieder trommeln.

Sid fängt an, die Trommler zu bewundern. Er möchte zu ihnen gehören, denn auch er hat von Kindesbeinen an getrommelt. „Der intensive Klang der Trommel durchdringt den Körper eines Menschen, der imposante Schlag das Herz, die kraftvolle Vibration die Seele.“

Sid muss sich die Mitgliedschaft in der Truppe verdienen. Zuerst gilt es nicht zu trommeln, sondern zu arbeiten. Nach einiger Zeit wird er in die Gemeinschaft aufgenommen. Und damit verbunden ist seine Wandlung vom Rowdy zum bewusst lebenden erwachsenen Menschen.

Die erste Station einer Tournee der Truppe ist Hongkong. Dort wird Sid sich zwischen den beiden Lebensformen entscheiden müssen. Wie fällt diese Entscheidung aus?

Ein Spielfilm-Erstling des Drehbuchautors und Regisseurs Kenneth Bi, der die beiden Welten in einer Fülle von Szenen gegeneinander setzt. Der Filmstil mag uns Europäern zuweilen asiatisch-fremdartig vorkommen, doch bleibt das Ambiente immer ansprechend. Behutsam und auf teils faszinierende Weise führt der Film vom zuerst brutalen Milieu in die gehobene Welt existenzieller und künstlerischer Reife. Als Zuschauer nimmt man dies mit Genugtuung auf.

Darstellerisch bleibt kein Wunsch offen. Jaycee Chan, der Sohn des berühmten Jackie Chan, spielt den Sid und macht seine Sache sehr gut. Auch die anderen Mitwirkenden, beispielsweise Tony Leung Ka Fai als Kwan oder Angelica Lee als Sids Vertraute Hong Dou, agieren tadellos.

Thomas Engel