Reiss aus – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum

Für sechs Monate wollten Lena Wendt und Ulrich Stirnat eine Auszeit nehmen und mit einem Geländewagen von Hamburg nach Südafrika fahren. Aus den sechs Monaten wurden schließlich zwei Jahre, und auch wenn sie es nie bis in den Süden Afrikas geschafft haben, haben sie auf ihrer Reise genug Material gefilmt, um daraus einen Film zu machen.

Webseite: www.reissausderfilm.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie: Lena Wendt & Ulrich Stirnat
Buch: Lena Wendt
Länge: 120 Minuten
Verleih: Abgefahren GbR / Vertrieb: 24 Bilder Film GmbH
Kinostart: 14. März 2019

FILMKRITIK:

Auch wenn er erst Ende 20 war, hatte Ulrich Stirnat einen Burnout, der ihn dazu veranlasste, seine Partnerin Lena Wendt auf einer Reise zu begleiten. Während Wendt schon oft in Afrika unterwegs war, war es für Stirnat die erste Reise auf den Kontinent. Mit einem Geländewagen ging die Reise los, quer durch Europa, über die Straße von Gibraltar nach Marokko und weiter die Küste entlang. Ursprünglich war der Plan offenbar, immer weiter zu fahren, bis Südafrika erreicht ist, doch äußere wie innere Hindernisse zwangen immer wieder zu Unterbrechungen, die teils Tage, teils Monate dauerten und sowohl das Auto als auch die Beziehung des Paares an ihre Belastungsgrenze brachte.
 
So zumindest wird es in „Reiss aus – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum“ geschildert, einem langen Reisefilm, bei dem nicht zu übersehen ist, dass er zufällig geboren wurde. Denn geplant hatten Wendt und Stirnat nicht, einen Film über ihre Reise zu drehen, die Idee entstand erst im Nachhinein, als das Material gesichtet und für gut befunden wurde. Da Wendt als Journalistin schon oft Reportagen gedreht hatte, war der Grund, dass überhaupt eine semiprofessionelle Kamera dabei war, mit der das Duo immer wieder Schnipsel drehte, touristisch anmutende Aufnahmen von Land und Leuten, von der Schönheit der unterschiedlichen afrikanischen Länder, mit ihrer wechselhaften Flora und Fauna, aber auch von der Armut und Umweltverschmutzung zu drehen. Vor allem aber filmten sie sich selbst und ihr Auto, das mit schöner Regelmäßigkeit liegen blieb und notdürftig repariert werden musste, oft nur mit Unterstützung der stets hilfsbereiten Einwohner.
 
Zudem führte das Duo eine Art filmisches Tagebuch, dass Einblicke in ihr so unterschiedliches Gefühlsleben liefert. Während die extrovertierte Wendt damit oft enervierender Begeisterung jeden Moment aufsaugt, wirkt der introvertierte Stirnat oft genervt und angestrengt von der speziellen Natur Afrikas. Denn auch wenn die Reise durch 14 Staaten in Westafrika führte, ist hier meist die Rede nur von Afrika, werden die fundamentalen Unterschiede der einzelnen Länder weggewischt, hat es den Anschein, als sei der Kontinent Afrika ein einziges großes, homogenes Land.
 
Etwas oberflächlich wirkt dieser Reisefilm nicht nur dadurch, der zwar in kurzen Szenen auch auf spezifische Aspekte eines Landes eingeht, in erster Linie aber das Regieduo bei seiner Selbstfindung beobachtet. Die oft mit Weisheiten im Stile von „Ich habe erkannt wie wichtig es ist, offen zu sein“ belegt wird, wodurch das gesamte Projekt eine sehr persönliche Note bekommt. Dem Endergebnis kann man vor allem zu Gute halten, dass es überzeugend gefilmt ist und einige schöne, wenn auch sehr sprunghafte und punktuelle Einblicke in die Wirklichkeit afrikanischer Länder gibt.
 
Michael Meyns