Richard Deacon: In Between

Weniger biographischer Film als Momentaufnahme ist Claudia Schmids Dokumentation „Richard Deacon – In Between“. Zwei Jahre beobachtete die Regisseurin den britischen Bildhauer bei seiner Arbeit und formt ihre Eindrücke zu einem spannenden Porträt, dass zwar nur den ganz aktuellen Teil von Deacons Schaffen zeigt, dennoch interessante Einblicke in die Genese seiner organisch anmutenden Skulpturen vermittelt.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Deutschland 2012 – Dokumentation
Regie, Buch: Claudia Schmid
Länge: 89 Minuten
Verleih: mindjazz Pictures
Kinostart: 25. April 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der 1949 in Bangor, Wales geborene Richard Deacon zählt zu den renommiertesten Künstlern der Gegenwart. Er nahm an der Documenta und dem Skulpturen-Projekt Münster teil, gewann den Turner Prize, ist Mitglied der Berliner Akademie der Künste, wurde von der britischen Königin zum Commander of the Order of the British Empire ernannt und mit dem französischen Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet. Doch all diese Preise und Auszeichnungen interessieren Regisseurin Claudia Schmid nicht. Für ihre Dokumentation „Richard Deacon – In Between“ begleitete und beobachtete sie den Künstler über einen Zeitraum von zwei Jahren und erhielt dadurch tiefgehende Einblicke in seine Arbeitsweise.

Auf Interviews, Kommentare, Einschätzungen wird komplett verzichtet, in erster Linie Deacon und sein enger Mitarbeiter Matthew Perry kommen zu Wort, allerdings nur in kurzen Fragmenten, die bruchstückhafte Einsichten in den Arbeitsprozess liefern. Einmal berichtet Deacon von einem Schlüsselerlebnis: In Sri Lanka, wo er aufwuchs, sah er riesige Buddhastatuen und realisierte, dass mindestens so wichtig wie die existierende Skulptur, der Zeil des ursprünglichen Steins ist, der nicht mehr existiert. Negativer Raum nennt er dies, was ziemlich gut den Effekt der Holzskulpturen beschreibt, die er seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit Perry entwirft.

Interessant dabei ist, dass Matthew Perry nicht nur der ausführende Handwerker ist, der Deacons Visionen in die Tat umsetzt, sondern ein so enger Mitarbeiter, dass er fast als Co-Autor zu bezeichnen ist. Gemeinsam haben sie in den letzten Jahren Methoden entworfen, mit denen sich Holz verformen lässt, lange Leisten zu spiralartigen Gebilden gepresst werden, die sich auf eine Weise ineinander verschränken, die an die unmöglichen Zeichnungen von M.C. Escher erinnern. Mal in Perry Arbeitsraum, dann in verschiedenen Museen sieht man das Duo und diverse Mitarbeiter aus einzelnen Teilen, hochkomplexe Formen zusammensetzen, die anfangs noch klobig, wenn sie dann fertig sind, aber schwerelos leicht wirken.

Neben diesen Holzkonstruktionen arbeitet Deacon seit einiger Zeit mit Keramiken, deren Herstellung in einer Glaserei in Köln gezeigt wird. Diese Kuben, die Deacons Beschäftigung mit dem Raum mit anderem Material fortsetzen, sind der zweite Schwerpunkt von Claudia Schmids Film. Am Ende ist „Richard Deacon – In Between“ keine typische Künstler-Biographie, die einen Künstler und sein Werk in aller Ausführlichkeit beschreibt, sondern eine Momentaufnahme. Und da Richard Deacon ein zwar wenig exaltierter, aber doch ungemein faszinierender Künstler ist, sind die Einblicke in seine Arbeitsweise unbedingt sehenswert.

Michael Meyns

Richard Deacon ist ein Bildhauer, aber er stellt keine gängigen Skulpturen her, sondern aus allen möglichen Materialien mächtige Kunstgebilde, die unsymmetrisch und amorph daherkommen, die aber doch beeindrucken.

Er hat einen Partner, selbst Künstler, und mit dem macht er aus rohem Holz in riesigen Maßen Windungen, Spiralen, Verflechtungen, die man zuerst technisch nicht für möglich hält – und dann umso mehr staunt. Das alles wird dann kunstvoll zusammengefügt, und schon ist das „moderne“ Kunstwerk fertig – und wird in einem Geschäft von Louis Vuitton aufgehängt, dieses Mal eine Auftragsarbeit.

Dann geht es weiter mit einer Metallplastik – ebenso riesig. Oder mit einem Gebilde aus grün glasiertem Kunststoff – eine unregelmäßige „zusammengefaltete“ Wand, ein Versteck, ein Phantasiegebilde, eine Skulptur, die kein „vorne“ und kein „hinten“ besitzt.

Es ist typisch für Deacon, dass er so arbeitet. Er setzt sich nie Normen, er ist ein Zufallserfinder, ein Kunstspieler, ein Müßiggänger. Denn oft, sagt er, komme die Anfangsidee zu einem Werk beim Nichtstun. Das Handwerk brauche Präzision und Erfolg, so Deacon sinngemäß, die Kunst müsse frei schweben, kein Ziel, keinen Erfolg haben.

Er erzählt von seiner Kindheit in England und Sri Lanka, von seinem Vater, von dem er viel erlernt zu haben scheint, seinen wirklich kuriosen Sammlungen, seinen Schmetterlingen, seinen Insekten.

Eine wahre Gedankenfülle ist in seinem Filmkommentar enthalten. Er spricht über den Raum und „Nichtraum“, über das „In Between“, über die Form, über die Leere. Er entwickelt Detailideen und eine Blickweise, die beim Zuschauer selbst wieder Denkanstöße hervorrufen. Er philosophiert, politisiert, streift gesellschaftliche Themen.

Claudia Schmid hat längere Zeit mit der Kamera und dem Mikrophon bei Deacon verbracht. Die Form dieses Films ist sehr nüchtern, doch inhaltlich ist eine ganze Menge dabei herausgekommen.

Wer Interesse an moderner Extrakunst und einem bedeutenden, gedankenbeladenen englischen Bildhauer hat, ist hier goldrichtig.

Thomas Engel