Rueckenwind

In „Rückenwind“ schickt Filmemacher Jan Krüger ein junges schwules Paar und den Zuschauer auf eine mitunter recht mysteriöse Reise. Als Rucksack-Touristen erkunden Johann und Robin die idyllischen Wälder und Seen Brandenburgs, wobei sie schon bald die Orientierung verlieren. Krügers Film, der in diesem Jahr auch in der Panorama-Sektion der Berlinale gezeigt wurde, vereint einen experimentellen, ambitionierten Erzählstil mit sommerlichen Landschaftsimpressionen und verspielter Erotik.

Webseite: www.salzgeber.de/kino/

Deutschland 2009
Regie & Drehbuch: Jan Krüger
Kamera: Bernadette Paassen
Musik: Tarwater
Darsteller: Sebastian Schlecht, Eric Golub, Iris Minich, Denis Alevi
Länge: 75 Minuten
Kinostart: 4.6.2009
Verleih: Salzgeber
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zwei junge Männer, Anfang 20, unternehmen einen Ausflug aufs Land. Dabei haben sie nur wenig Gepäck, ein Zelt, das sie als Schlafplatz nutzen wollen sowie ihre Fahrräder. Johann (Sebastian Schlecht) und Robin (Eric Golub) sind ein Paar und augenscheinlich frisch verliebt. In der Brandenburgischen Natur mitsamt ihrer idyllischen Wälder und Seen erkunden sie sich und ihre Beziehung, was nicht immer frei von Spannungen abläuft. Manches wie ihr Rollenspiel, bei dem Robin Johann hinterrücks überwältigt und fesselt, erscheint zunächst etwas bizarr. Überhaupt stellen sich schon bald viele Fragen. Als die Fahrräder plötzlich verschwunden sind und auch die anschließende Suche erfolglos verläuft, verdächtigt Johann insgeheim seinen Freund, hierfür verantwortlich zu sein. Schließlich hat dieser schon die Zeltstangen nicht eingepackt – vermutlich aus Absicht.

Also geht es für die beiden notgedrungen zu Fuß weiter. An einem alten Bauernhof machen sie am nächsten Tag Station. Obwohl dort ihre erste Begegnung mit den Besitzern, der patenten Grit (Iris Minich) und ihrem 16jährigen Sohn Henri (Denis Alevi), nicht allzu freundlich ausfällt, werden Johann und Robin kurzerhand zum Abendessen eingeladen. Auch ein Nachtquartier in einer alten Scheune hält Grit, die auf dem Hof einmal Gästezimmer für Wanderer und Familien herrichten lassen will, bereit. Die nächsten Tage nutzen die Vier, um sich besser kennenzulernen. Während Robin und Grit mit dem Luftgewehr trainieren, kümmern sich Henri und Johann um die Tiere. Im Unterschied zu seiner Mutter wahrt der in sich gekehrte Henri aber immer eine gewisse Distanz zu den Gästen.

Schon in seinem Debüt war Jan Krüger „Unterwegs“, eine Umschreibung, die auch sein neuestes Projekt „Rückenwind“ zutreffend charakterisiert. Allerdings unterscheidet sich seine vor allem zu Beginn unkonventionell erzählte Geschichte doch deutlich von den üblichen Abenteuer- und Naturfilmen, wie man sie nicht zuletzt aus dem amerikanischen Kino kennt. Weder Johann noch Robin eignen sich als echte Identifikationsfigur, da man als Zuschauer schlicht zu wenig über sie erfährt. Ihre Vergangenheit, wie sie sich einst kennenlernten, was sie verbindet, wie sie denken und empfinden, das alles bleibt weitestgehend im Dunkeln. Selbst die Dialoge reduzierte Krüger auf ein Minimum. Dafür spielt der Film umso ausgiebiger mit der zunehmenden Orientierungslosigkeit seiner Protagonisten, die sich recht bald auch auf den Zuschauer überträgt.

Wechselt die erste halbe Stunde noch fortlaufend zwischen scheinbar alltäglichen Beobachtungen eines verliebten Paares und Impressionen der Brandenburgischen Landschaft, so ändern sich mit Robins und Johanns Ankunft auf dem Hof Tonalität und Komposition des Films. Die experimentelle, bruchstückhafte Narration und mysteriöse Grundstimmung sind verflogen. Schlagartig wird aus „Rückenwind“ eine unbeschwerte Sommer-Episode mit allem, was dazu gehört (Freunde, gutes Essen, Lagerfeuerromantik, Ausflüge in die Natur). Das mag man wahlweise als Stärke oder Schwäche von Krügers Rucksack-Trip auslegen. Als Stärke, weil man Johann und Robin auf diese Weise endlich etwas näher kommt, oder aber als Schwäche, da sich dieser Teil nicht so recht in den übrigen Film einfügen will. Zum Ende hin entwickelt sich „Rückenwind“ nämlich wieder in eine Richtung, die in ihrer Ambivalenz und Dramaturgie an die erste halbe Stunde anknüpft. Der Verzehr giftiger Beeren löst bei Johann schwere Halluzinationen und Wahrnehmungsstörungen aus. Dabei lässt der Film den Zuschauer ganz bewusst im Unklaren darüber, was sich von all dem tatsächlich ereignet hat. Krügers flirrende, von verspielter Erotik durchzogene Sommer-Fantasie endet so unvermittelt wie sie begann: Mit einem großen Fragezeichen.

Marcus Wessel

 

Wie ist das Verhältnis zwischen einem Hasen und einem Fuchs? Kritisch? Gefährlich? Oder gar verträglich, freundschaftlich?

In Jan Krügers Film könnte man die Frage parabelhaft auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Robin und Johann stellen, die sich lieben. Liebe allerdings nicht ohne gewisse Schwierigkeiten.

Sie unternehmen im Brandenburgischen eine Radtour, übernachten im Wald, treiben ein Versteckspiel – wie Fuchs und Hase? -, verlieren ihre Fahrräder, landen schließlich, erschöpft vor Hunger, im Bauernhof von Grit und Henri.

Nach einer schwierigen Annäherung überwiegt der freundschaftliche Verkehr zwischen den vieren. Robin verbringt eine gewisse Zeit mit Grit, Johann mit Henri.

Oder flirtet später Robin gar mit dem hübschen Henri?

Allein im Wald, genießt Johann Graubeeren, die sich jedoch als nicht ungefährlich erweisen. Sie bringen Fieber und trüben das Wahrnehmungsvermögen. Wie wirkt sich dies auf die Beziehung zwischen Johann und Robin oder auf das Erlebte aus? Tappen beide gar in eine Falle – ähnlich wie in der Geschichte des jungen Nathan von Witzlow, die in dem Film von Grit erzählt wird?

Thematisch ist der Interpretationsspielraum ziemlich groß. Am Kinozuschauer, die Rätsel zu lösen. Die Liebesbeziehung zwischen Robin und Johann ist charakterisiert durch die obligaten, aber sehr diskreten und zärtlichen Sexszenen.

Formal ist in getragenem Tempo von einer natürlich-anziehenden Wald- und Seenlandschaft, von schöner Kameraarbeit, von einer ausgezeichneten Lichtgestaltung und von gefälliger Begleitmusik zu berichten, allem voran von einer überaus einschmeichelnden Händel-Arie.

Thomas Engel