Ruhr

Mit seiner jüngsten Arbeit betritt der amerikanische Regisseur James Benning in vielerlei Hinsicht Neuland: Zum ersten Mal drehte Benning außerhalb seiner amerikanischen Heimat – im Ruhrgebiet –, vor allem aber benutzt er zum ersten Mal digitale Medien und Nachbearbeitung. Das Ergebnis ist eine faszinierende Studie von Raum und Zeit, die allerhöchste Aufmerksamkeit erfordert.

Webseite: www.arsenal-berlin.de

USA 2009 – Dokumentation
Regie, Buch, Kamera, Schnitt: James Benning
Länge: 120 Min.
Verleih: Arsenal Berlin – Institut für Film und Videokunst e.V.
Kinostart: 26. August 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Inzwischen fast 70 Jahre alt, hat sich James Benning in den letzten Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten Chronisten der amerikanischen Seele, in den letzten Jahren vor allem der amerikanischen Landschaft entwickelt. Seine filmische Arbeit, die vor 40 Jahren mit relativ konventionellen Arbeiten begann, zum Teil auch fiktive Formen annahm, ist im Laufe der Zeit zunehmend von einer formalen Strenge geprägt, die auf den ersten Blick erschlagen kann. Ohne Kommentar, ohne einen Kontext zu liefern, reiht Benning seine Bilder aneinander: Starre Einstellungen von Seen („13 Lakes“), Los Angeles („Los“) oder Eisenbahnstrecken, durch die ein Zug fährt („RR“). Bis zu zehn Minuten dauern die Einstellungen, die den Betrachter somit zu etwas nötigen, das im zeitgenössischen Kino allzu oft in Vergessenheit gerät: Dem Sehen. Die schiere Dauer der Einstellungen erhöht die Aufmerksamkeit, lässt kleinste Veränderungen der Landschaften erkennbar werden und ermöglicht so einen immer wieder bemerkenswert neuen Blick auf das scheinbar Bekannte.

Die Ruhr-Festspiele luden Benning nun ein, zum ersten Mal außerhalb der USA zu arbeiten und einen Film über die Ruhr-Region zu drehen. Benning selbst betonte, dass er die Region kaum kennt, im Gegensatz zu den Landschaften Amerikas, in die er im Laufe der Jahrzehnte etliche Male reiste, bevor er sie filmte. Diese Unkenntnis des Subjekts merkt man bisweilen, sie führt zu einer für Benning ungewohnten Schwankung in der Qualität der einzelnen Einstellungen, die auch inhaltlich nur vage, eben durch die Region Ruhr zusammengehalten werden.

Sieben Einstellungen umfasst „Ruhr“ in 120 Minuten, wobei die Längen zwischen ca. 6 und 60 Minuten variieren. Ganz offensichtlich bemühte sich Benning, enigmatische Einstellung des Ruhrgebiets zu finden, die aber gerade dann funktionieren, wenn sie nichts Spezifisches zeigen, sondern abstrakt, universell bleiben. So in der ersten und dritten Szene, die einen Tunnel zeigen, durch den gelegentlich ein Auto fährt, bzw. den Blick auf einen Baum inmitten der Landebahn eines Flughafens richtet. Alle paar Minuten dröhnt ein Flugzeug durch das Bild und lässt Sekunden, nach dem es verschwunden ist, die Bäume an den Blättern erzittern. Weniger interessant dagegen die weiteren Einstellungen der ersten Stunde: Ein Stahlwerk, auf dessen Förderbändern glühende Stahlträger bewegt werden; eine Moschee während des Gebets, schließlich Gläubige, die an der Kamera vorbei den Saal verlassen; ein Arbeiter, der Richard Serras Skulptur Bramme für das Ruhrgebiet von Graffiti säubert; schließlich ein Blick in eine ganz gewöhnliche Straße mit rußgeschwärzten Häusern, wie es sie im Ruhrgebiet zu Tausenden geben muss.

Würde „Ruhr“ nur diese sechs Einstellungen umfassen, wäre es ein wenig bemerkenswerter Film. Wirklich sensationell ist aber die siebte und letzte Einstellung, die exakt sechzig Minuten dauert und einen Koksofen im sich verändernden Abendlicht zeigt. Mittels Computertechnik komprimiert Benning in dieser Einstellung 90 Minuten abendliche Lichtveränderung auf sechzig Minuten, während dessen der Kamin immer wieder mit Wasser gekühlt wird und dadurch sozusagen Dampf ablässt. Alle zehn, zwölf Minuten kann man dieses Spektakel beobachten, sieht, wie der Ofen aus allen Seiten dampft, während die veränderten Lichtverhältnisse den Rauch in immer andere, immer neue Farbschattierungen tauchen. Ein faszinierendes Bild, das Schwerindustrie und Natur, Künstlichkeit und Natürlichkeit zu einem eindrucksvollen Symbol des Ruhrgebiets verbindet. Allein für diese Stunde ist „Ruhr“ sehenswert, auch wenn der lange Vorlauf nicht immer an James Bennings gewohnte Qualität heranreicht.

Michael Meyns

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