Les Amours Imaginaires (Heartbeats)

Mit seinem Film „J’ai tué ma mère“ machte er 2009 Furore in der „Quinzaine des Réalisateurs“ in Cannes. Bereits in diesem Jahr kehrte der erst 21-jährige
Kanadier Xavier Dolan zurück in der Reihe "Un Certain Regard" mit seinem neuen Werk "Les Amours imaginaires" und brachte mit seiner eleganten und formal überzeugenden "ménage à trois" jugendlichen Schwung in ein Festivalprogramm, das sich allzu sehr auf die soliden, aber meist wenig überraschenden Werke alt gedienter Stammregisseure verließ.

Webseite: www.koolfilm.de

OT: Les Amours Imaginaires (Heartbeats)
Kanada 2010
Regie: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Monia Chokri, Niels Schneider u.a.
Länge: 95 Min.
Verleih: Kool Film
Kinostart: 7.7.2011 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit seinem Film „J’ai tué ma mère“ machte er 2009 Furore in der „Quinzaine des Réalisateurs“ in Cannes. Bereits ein Jahr später kehrte der erst 21-jährige
Kanadier Xavier Dolan zurück in der Reihe "Un Certain Regard" mit seinem neuen Werk "Les Amours imaginaires" und brachte mit seiner eleganten und formal überzeugenden "ménage à trois" jugendlichen Schwung in das Festivalprogramm, das sich allzu sehr auf die soliden, aber meist wenig überraschenden Werke alt gedienter Stammregisseure verließ.

Die Beteiligten an diesem Liebesdreieck: das lang befreundete Paar Marie und Francis – sie hetero, er dem männlichen Geschlecht zugeneigt – und ein gut aussehender junger Mann namens Nicolas, der von der Provinz neu nach Montreal kommt. Sowohl Marie als auch Francis beginnen, um dessen Gunst zu buhlen. Sie deuten jedes Wort und jede Geste, seien sie auch noch so vage, als Liebesbeweis, kaufen ihm Geschenke und machen sich Hoffnungen.

Nicolas ist freundlich zu beiden und scheint das Spiel zu genießen, aber legt sich nicht fest und im Gegensatz zu Marie und Francis ahnt der Zuschauer bald, dass die beiden ihren eigenen Illusionen erliegen. Sehnsucht macht blind, das wird spätestens klar, als es bei einem gemeinsamen Ausflug des Trios zu einer eifersüchtigen Rauferei zwischen den alten Freunden kommt und das Objekt der Begierde nicht eingreift, sondern dem Geschehen nur genüsslich zuschaut.

Besonders Francis, gespielt von Dolan selbst, ist tief verletzt und die Freundschaft mit Marie ist ernsthaft gefährdet. Die mehr imaginierte denn tatsächlich existierende "ménage à trois" nimmt ein abruptes Ende. Erst nach einer langen Auszeit raufen sich Marie und Francis wieder zusammen und erkennen den Wert ihrer Beziehung.

Inhaltlich hört sich diese Geschichte gar nicht mal besonders neu und innovativ an, und in der Tat liegen die Qualitäten des Films vor allem in seiner formalen Frische. Die Verehrung für das Filmschaffen der sechziger Jahre atmet aus jeder Pore dieses mit vergleichsweise geringem Budget privat finanzierten Films, bei dem Dolan nicht nur eine der Hauptrollen übernahm, sondern auch selbst produzierte und das Drehbuch schrieb. Und dennoch wirkt sein Regiewerk keine Minute altmodisch. Nostalgie und Modernität verquicken sich in idealer Weise und thematisieren ein universelles Thema: die Suche nach Zuneigung, die daraus resultierenden Hoffnungen und Illusionen und die Enttäuschung bei Zurückweisung.

Der Einsatz von Musik (Dalida’s Song "Bang, Bang" wird quasi zum musikalischen Leitmotiv des Films), an Wong Kar Wais "In the Mood for Love" erinnernde elegante Slow Motion-Effekte und geschickt in die Handlung verwobene Nouvelle Vague-Zitate machen dieses gleichwohl romantische wie ironisch gebrochene Eifersuchtsdrama zu einem ästhetischen Genuss.

Und auch der Humor kommt nicht ganz zu kurz. Am Ende des Films erscheint der französische Schauspieler Louis Garel – in zarter Anspielung auf seinen Part in „Chanson d’amour“ als junger Mann, der sich nach dem Tod seiner Freundin überraschend zu einem Jungen hingezogen fühlt – in einem Cameo-Auftritt. Er blinzelt den beiden auf einer Party zu und Marie und Francis gehen auf ihn zu: das Spiel beginnt von vorn.

Anne Wotschke