Sagrada

Sie ist ein Anachronismus aus Stein, ein monumentales Bauwerk, und sie lockt jährlich Millionen von Touristen an: Die Sagrada Família in Barcelona. Seit 125 Jahren im Bau und noch immer erst zur Hälfte fertiggestellt, fasziniert die Kathedrale, ruft aber auch Widerspruch hervor. Stefan Haupt erzählt in seiner Dokumentation die faszinierende Geschichte der Sagrada, geht aber vor allem den Fragen auf den Grund, die sie uns heute stellt.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Schweiz 2012
Buch und Regie: Stefan Haupt
Kamera: Patrick Lindenmaier
Länge: 93 Minuten
Kinostart: 20. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Am 19. März 1882 wurde in Barcelona der Grundstein für den „Temple Expiatori de la Sagrada Família“ gelegt. Schon nach der Fertigstellung der Kryptenkapelle kam es zu Streitigkeiten zwischen den Bauverantwortlichen, und der ursprüngliche Architekt legte sein Amt nieder. Am 3. November 1883 übernahm ein junger Kollege, der zwar durch radikale Ideen von sich Reden machte, aber bisher wenig praktische Erfahrung vorweisen konnte: Antoni Gaudí. Für seine gewaltige Vision der Sagrada diente ihm die Natur um Barcelona als Vorbild. Aber bei seinem Tod 1926 war die Kathedarel noch lange nicht fertiggestellt. Zehn Jahre später zerstörten Anarchisten seine Werkstatt und vernichteten beinahe alle Gipsmodelle und Bauzeichnungen. Erst 1954 gingen die Bauarbeiten weiter, 1972 konnten die ersten vier der geplanten 18 Türme eingeweiht werden. Heute kommen jährlich drei Millionen Besucher, um die Sagrada zu sehen und sorgen mit ihrem Geld für einen zügigen Fortgang der Bauarbeiten. 2010 weihte Papst Benedikt den Innenraum der Kirche. Jüngsten Prognosen zufolge soll die Sagrada im Jahr 2026 fertiggestellt sein.

„Der Stein sagt mir, wo ich ihn bearbeiten darf und wo nicht“. Es sind faszinierende Menschen wie der japanische Bildhauer Etsuro Sotoo, die Haupts Film lebendig machen. Der Mann war von Gaudís Vision so fasziniert, dass er vom Buddhismus zum Katholizismus übertrat und seit Jahren an der Kirche mitarbeitet. Auch andere hier Tätige wie Chefarchitekt Jordi Bonet oder Vorarbeiter Jaume Torreguitart erzählen aus ihrer ganz persönlichen Perspektive, was die Sagrada ihnen bedeutet. So füllt Haupt die ohnehin mitreißende Geschichte des Bauwerks mit Leben. Immer wieder vermisst er mit der Kamera seine ungeheuren Dimensionen, lässt sie durch den Innenraum schweben und sich auf 170 Meter schrauben – die Höhe, in der in einigen Jahren der Christusturm aufragen und damit zum höchsten Kirchenturm der Welt werden soll.

Aber Haupt interessiert sich nicht nur für die monumentalen Dimensionen der Sagrada und ihrer Geschichte. Im Kern geht er anderen Fragen auf den Grund, die die Kathedarale stellt. Zum Beispiel: Was ist ein Kunstwerk? Ein abgeschlossenes Werk, das nicht mehr verändert werden darf? Oder ein work in progress, das in jeder neuen Zeit immer neu interpretiert wird? Wie Gaudí treu bleiben und doch geänderten Ansichten und Geschmäckern gerecht werden? In ihrer Monumentalität wirkt die Sagrada wie aus der Zeit gefallen, und Haupt zeigt die Konflikte, die das mit sich bringt. So baut die Stadt Barcelona einen neuen unterirdischen Schnellzug, dessen Tunnel unter einem Kirchturm hindurchführt. Niemand vermag zu sagen, welche Konsequenzen die Erschütterungen haben werden. Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, wofür diese Kirche heute überhaupt noch stehen könnte. Wird sie offen sein für alle religiösen oder spirituellen Richtungen? Haupt gibt auf diese Fragen keine Antworten, aber er stellt sie gleichsam in den Kirchenraum und fordert zur Auseinandersetzung heraus.

Oliver Kaever

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