Schimmelreiter, Die

Kurz nach „Dorfpunks“ kommt schon der nächste Film von Lars Jessen in die Kinos, der ähnliche Qualitäten und Probleme aufweist. Erneut beweist der Regisseur viel Gespür für Lokalkolorit, für die Eigenarten von Land und Leuten im Norden der Republik, aber deutlich weniger Talent für eine konstant fesselnde Geschichte. So plätschern „Die Schimmelreiter“ ein wenig dahin, leidlich unterhaltsam, getragen vor allem von Hauptdarsteller Peter Jordan, heruntergezogen von einer kaum vorhandenen Geschichte.

Webseite: www.die-schimmelreiter-im-kino.de

Deutschland 2008
Regie: Lars Jessen
Buch: Ingo Haeb, Lars Jessen
Darsteller: Axel Prahl, Peter Jordan, Katharina Wackernagel, Uwe Rohde, Adam Bousdoukos, Kai Maertens
92 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Aries Images, Vertrieb: Zorro
Kinostart: 21. Mai 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Fuchs (Peter Jordan) ist ein Unikat. Frisur, Brille, Auto, Habitus wirken, als befände er sich in einem 50er Jahre-Film. Doch seine Realität sieht anders aus, banaler. Fuchs ist Lebensmittelkontrolleur in der Dithmarschener Provinz, fährt Tag für Tag von Imbissbude zu Hähnchengrill und bemängelt mangelnde Hygiene und fehlende Armaturen. 

Fuchs träumt von Höherem, was für ihn ein Posten in Hamburg ist, und dafür ist er bereit, einiges auf sich zu nehmen. Und das heißt, den wortkargen Tilmann (Axel Prahl) bei sich einzuquartieren, den Bruder von Fuchs’ Boss, eine Konstellation die der stets mürrische, unfreundliche Tilmann schnell durchschaut. 

In Fuchs’ Plattenbau zu veröden sagt Tilmann wenig zu und so nötigt er sich Fuchs als Beifahrer bei einer mehrtägigen Tour durch die Provinz auf. Wohl oder übel stimmt Fuchs zu, nichts ahnend, welche Probleme er sich aufgehalst hat. Denn während Fuchs um Harmonie bemüht ist, bei den Kontrollen schon mal großzügig ist, nutzt Tilmann die Gelegenheit zur persönlichen Bereicherung. Er will aus Deutschland verschwinden, warum wird nicht wirklich klar, ebenso wenig wie der Grund für die Tasche voller Arzneimittel, die Tilmann mit sich herumschleppt. Irgendwann ist Tilmann schwer krank, eine verletzliche Seite bricht heraus, die ebenso wenig motiviert erscheint, wie das Ekelpaket, als das er sich vorher gab. 

Axel Prahl begnügt sich damit, seine Figur unwirsch erscheinen zu lassen, als undurchschaubaren Typen, der immer wieder mit breiter Bildung und fernen Reisen protzt, aber ohne das ein runder Charakter entstände.

Natürlich will das Drehbuch dennoch, dass sich Fuchs im Laufe der Erzählung Tilmann nähert, dass das ungleiche Paar im Laufe ihrer alkoholgeschwängerten Erlebnisse zwar nicht unbedingt zu den besten Freunden werden, aber doch erkennen, dass sie ähnlicher sind, als es zunächst den Anschein hatte. 

Dass diese Geschichte altbekannt ist, wäre nicht weiter problematisch, wenn es den Autoren gelingen würde, sie auf anderem Wege originell zu erzählen. Doch das gelingt nur bedingt. Nach Jahren von ähnlich gelagerten Filmen, die das betont urige, skurrile Leben in abgelegenen Landstrichen in den Vordergrund gestellt haben, wirkt auch die Dithmarschener Provinz nicht mehr neu, geschweige denn originell. Ähnlich wie in seinen vorherigen Filmen „Am Tag als Bobby Ewing starb“ und „Dorfpunks“ verlässt sich Lars Jessen ein wenig zu sehr auf den Lokalkolorit. Der sorgt zwar immer wieder für einzelne gelungene Szenen, ist jedoch zu wenig, um eine mitreißende Geschichte zu ersetzen.

Michael Meyns

 

Ein „neu definierter“ Low-Budget-Heimatfilm aus Dithmarschen, einer Gegend, die, wie gesagt wird, so flach und baumlos ist, dass man schon am Montag sieht, wer am Sonntag zum Kaffee kommt.

Fuchs ist Lebensmittelkontrolleur. Er überprüft Kioske, Imbiss-Stände, China-Restaurants, Discos, Hähnchen-Grills, Pommes-Buden. Kulinarischer Abgrund. Alles auf dem flachen Lande. Natürlich wäre er lieber in Hamburg, auf St. Pauli beispielsweise. Sein Auftraggeber Koch stellt ihm die Versetzung nach Hamburg in Aussicht, allerdings unter der Bedingung, dass Fuchs sich einige Zeit um Kochs Bruder Tilmann kümmert.

Das geschieht. Dumm ist nur, dass Tilmann nicht nur bei Fuchs wohnen, sondern auf Geschäftsreise mitfahren will. Eine Zeit lang läuft alles gut. Fuchs, der Saubermann, ist ein netter Kerl, der schon mal ein Auge zudrückt, wenn die Bouletten zu alt sind und das Frittenfett sich als zu ranzig erweist.

Ganz anders Tilmann. Er stellt sich als Ekel heraus, der das Geschäft an sich reißt, zum Entsetzen von Fuchs die Kontrollen selber vornimmt, Bußgelder verhängt und sie in die eigene Tasche steckt. Vielleicht sogar Alkoholiker ist, der eine Entwöhnung und eine Therapie braucht.

Das kann nicht gut gehen. Verständnislosigkeit, Misstrauen, Streit und Schlägerei mit Krankenhausaufenthalt sind denn auch die Folge.

Trotzdem, die beiden, die korrekterweise für Migranten etwas übrig haben, geben sich am Schluss die Hand. Jeder scheint vom anderen etwas gelernt zu haben. Und es sieht so aus, als würden sowohl Fuchs als auch Tilmann ihr Leben ändern.

Eine schwierige Phase für beide Männer, zumal sie auch mit ihren Frauen wenig Glück haben, sowohl Fuchs mit Beate als auch Tilmann mit seiner italienischen Freundin. Zum Teil versuchen sie es zu überspielen, indem sie sich etwas vormachen, übertreiben, lügen. Tilmann beispielsweise will Literaturwissenschaft studiert haben, doziert über griechische Säulen, Goethe und das Wiener Geistesleben. Fuchs seinerseits gibt zum Besten, dass Imbisse wichtig seien für unsere Kultur und dass diese Säule erhalten werden müsse. Oder: dass Menschen wie Tilmann das Leben anderer ruinieren und die Welt zugrunde richten.

Ursprünglich war erklärtermaßen eine Komödie geplant. Sie ist nun doch etwas düsterer geworden, also ein Film, bei dem das Lachen manchmal im Halse stecken bleibt. Immerhin konnte einer dem andern etwas abschauen: der eher nette und gute Altruist Fuchs vom misanthropischen unausstehlichen Egoisten Tilmann und umgekehrt.

Übrigens: Axel Prahl (Tilmann) und Peter Jordan (Fuchs) spielen das ziemlich gut.

Thomas Engel