Schläfer

Seinen Abschlussfilm als Student der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen stellte Benjamin Heisenberg im Frühjahr 2005 bei den Filmfestspielen in Cannes in der Reihe „Un certain regard“ vor. In ruhigen, unspektakulären Bildern erzählt „Schläfer“ von zwei jungen Wissenschaftlern, von denen der eine den anderen im Auftrag des Verfassungsschutzes bespitzelt. Heisenbergs Film interessiert sich dabei für den schmalen Grat zwischen Zuneigung und Misstrauen und was die Legitimation solchen Verhaltens moralisch und seelisch mit seinen Protagonisten anstellt. Sein langsamer Erzählstil veranlasste die französische Filmkritik, „Schläfer“ der neuen „vague allemande“ zuzurechnen.

Webseite: www.coop99.at/schlaefer/

Deutschland/Österreich 2005
Regie: Benjamin Heisenberg
Darsteller: Bastian Trost, Mehdi Nebbou, Loretta Pflaum, Gundi Ellert, Wolfgang Pregler
100 Minuten
Verleih: Zorro
Start am 11.5.06

Ausgezeichnet mit dem Max-Ophüls-Preis 2006

PRESSESTIMMEN:

Eine exzellente Studie über Verrat in Zeiten globaler Terrorängste.
Spiegel

Endlich ein guter Film über die Stasi-Methoden. Der Film "Der Schläfer" macht seinem Namen alle Ehre. Ein Jahr lang zirkulierte er unbemerkt auf Filmfestivals von Cannes bis Ludwigshafen. Endlich erreicht er die Öffentlichkeit, die er verdient…
Ein beklemmendes Gefühl wie im gut gemachten Science-Fiction beschleicht den Zuschauer. Befinden wir uns etwa in den Wohlstandsdiktaturen von Fahrenheit 451 oder Minority Report, oder in einer Welt, die aussieht wie unsere, nur eben mit einem intakten Staatsicherheitsapparat? Der politische Mut von Heisenbergs Vision besteht darin, keinen Unterschied zu machen zwischen den Methoden der Geheimdienste. Es geht um Konspiration, das Säen von Argwohn und Neid, das Vergiften von Freundschaft zum Zweck der Spionage.
Frankfurter Rundschau

Die Logik des Verdachts: In seinem Regiedebüt "Schläfer" entwirft Benjamin Heisenberg ein in intelligenter Distanz entwickeltes realitätsnahes Drama um Terrorangst, Konkurrenz und Paranoia.
tageszeitung

„Schläfer“ ist die beunruhigende Psychostudie eines Menschen, der sich aus beruflichem Neid und privater Eifersucht zu eigenen und fremden Zwecken moralisch einschmutzt und schließlich Verrat begeht. Johannes heißt er, aber Judas ist er – trotz aller zeitweiliger innerer Widerstände. Der Film erzählt von einer Katastrophe, wie sie sich unspektakulärer kaum denken lässt. Vom Bösen in uns Normalos selber.
Benjamin Heisenbergs mit dem renommierten Max-Ophüls-Preis ausgezeichneter „Schläfer“ gastierte letzten Mai beim Filmfestival in Cannes. Eine Palme gab’s dafür noch nicht. Aber man kann sie schon mal wachsen hören.
Tagesspiegel Berlin

Erstlingsfilm, der die Anschläge vom 11. September 2001 zum Anlass nimmt, um das Bild einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft zu zeichnen, die ihre Mitglieder unter Generalverdacht stellt. Ein subtil entwickelter Film, der die Atmosphäre von Beklemmung und Paranoia spürbar macht und seine formalen Mittel kongenial in den Dienst dieser Erfahrbarmachung stellt. – Sehenswert.
film-dienst 

FILMKRITIK:

Farid Madani (Mehdi Nebbou) steht – so ist es eben in der Zeit nach dem 11. September 2001 – wegen seiner Herkunft aus Algerien unter Generalverdacht, ein islamischer Terrorist zu sein. Johannes Merveldt (Bastian Trost), der neue Arbeitskollege in einer Abteilung für Virenforschung an der Universität München, soll herausfinden, ob was dran ist. Geködert wird der introvertierte Johannes mit so aufmunternden Worten wie „Ihre Motive stimmen, sie sind integer. Deswegen haben wir sie ausgewählt, da kann der Herr Madani sich freuen, dass er von Ihnen beobachtet wird und nicht von jemandem anderen.“ Zunächst ist der zuhause seine Großmutter pflegende Johannes empört. Doch er akzeptiert und freundet sich mit dem neuen Kollegen an. Sie gehen ins Wirtshaus und in die Spielhölle. Ob ein Ego-Shooter mit Nahkampfszenario und Häuserkampf bereits ein Verdacht auf eine terroristische Biografie sein könnte? „Das Schlimmste im Leben ist: man kann jeden verstehen, jeder hat seine Gründe“, rechtfertigt sich Johannes später, als Farid nach einer tatsächlichen Explosion in einem Münchner Club ins Visier der Rasterfahndung gerät. Statt der Polizei ein wahres Alibi für den Kollegen und Freund zu nennen, bleibt Johannes stumm. Vielleicht auch aus Eifersucht, denn die gemeinsame Bekannte Beate (Loretta Pflaum) fühlt sich deutlich mehr zu Farid denn zu Johannes hingezogen. Auch beruflicher Neid könnte eine Rolle für den Verrat sein.

Spannend an „Schläfer“ ist, das tatsächlich nichts passiert, die Möglichkeit dazu aber immer besteht. Mancher mag das langatmig und langweilig finden, doch sind in der Darstellung des zwischenmenschlichen Verhaltens wie auch der im Fall Johannes immer wieder selbst hinterfragten moralischen Rechtfertigung genügend Veränderungen zu entdecken. Heisenberg gibt wenig von der Vorgeschichte seiner Figuren preis, nimmt sich Zeit, sein „Schläfer“-Thema zu entwickeln. Das wiederum lässt Raum für Spekulationen und ein Kino im Kopf offen, mehr noch, als durch den Filmtitel eine Zuordnung alles Islamischen in die Terrorecke und ein damit einhergehendes Misstrauen und allgemeine gesellschaftliche Verunsicherung heraufbeschworen werden. Den Zwiespalt seines Protagonisten aber legitimiert Heisenberg durch ein vom Verfassungsschutz abgesegnetes Gutmenschentum. Klar, dass unter diesen Umständen ein gewisses Unbehagen zurück bleibt.

Als Gründer und Mitherausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“ steht der gelernte Bildhauer Benjamin Heisenberg zusammen mit Filmemachern wie Christoph Hochhäusler, Angela Schanelec, Ulrich Köhler oder auch Christian Petzold für eine neue filmerzählerische Strömung im deutschen Kino, einem „neuen deutschen Realismus“. Politische Inhalte, heruntergebrochen auf eine persönliche, private Ebene, spielen darin durchaus eine Rolle, mit ihrer leisen Filmsprache sind diese ambitionierten Werke teilweise noch gewöhnungsbedürftig und nicht immer einfach zu lesen. Zu wünschen wäre diesen filmischen Schläfern, dass sie ihr diskussionsreiches Potenzial entfalten.

Thomas Volkmann