Kaltes Land

Eine wahre Geschichte liegt dem neuen Film von „Whale Rider“-Regisseurin Niki Caro zugrunde. Ein Drama, in dem es wie schon im Vorgängerfilm um die Gleichberechtigung von Frauen in einer von Männerspielregeln bestimmten Welt geht. Oscar-Preisträgerin Charlize Theron beweist darin einmal mehr den Mut für eine Rolle tief unten im sozialen Sumpf. Dass der Kampf gegen eine gesellschaftliche Ächtung, konkret der gerichtliche Streit für ein Gesetz gegen die diskriminierende Behandlung von Frauen durch ihre männlichen Kollegen, auf der Leinwand gewissen Überhöhungen ausgesetzt ist, nervt bisweilen – ein sehenswerter Film ist „Kaltes Land“ trotzdem.

Webseite: www.kaltesland.de

„North Country“
USA 2005
Regie: Niki Caro
Darsteller: Charlize Theron, Frances McDormand, Woody Harrelson, Sean Bean, Richard Jenkins, Sissy Spacek
126 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 9.2.06

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Es mag ein Zufall sein, dass in diesem in den kalten Breiten Minnesotas spielenden Film eine Frau mitspielt, die schon einmal vor ähnlicher Kulisse gegen sturköpfige Machomänner antrat. In „Fargo“ tat Frances McDormand als Polizistin ihren Dienst, in „Kaltes Land“ ist sie nun ein toughes Mädel vom Land, das kräftig anzupacken weiß und sich in der Gewerkschaft der Bergarbeiter für Frauenrechte einsetzt. Eine schleichende Krankheit schwächt ihren Körper allerdings zusehends. Sie ist es, die der nach einem Ehekrach in ihre Heimatstadt zurück gekehrten Josey Aimes (Charlize Theron) einen Job in der Bergbaufirma vermittelt. Ein sechs Mal höheres Gehalt als für ihre Arbeit als Friseuse ist Josey die Knochenarbeit in diesem teilweise gefährlichen Männerjob wert. Allerdings ahnt sie da noch nichts von den militanten sexuellen Belästigungen und diskriminierenden Anfeindungen der Kollegen. Die nehmen mit der Zeit so überhand, dass Josey vor Gericht zieht.

Dort kommt nebenbei heraus, was die zweifache Mutter ihr Leben lang verdrängte: eine Vergewaltigung durch ihren damaligen Lehrer, dem, wie sich herausstellt, Vater ihres Sohnes, der sich gerade in einem schwierigen Alter befindet und seinerseits von den Mitschülern wegen Mutters Geschlechterkampf schwer gehänselt wird. Erschwerend für die familiäre Situation kommt hinzu, dass Joseys Vater (Richard Jenkins) mit dem Werdegang und dem Leben seiner Tochter ganz und gar nicht einverstanden ist und ihren kämpferischen Weg mit einer Mischung aus Stur- und Feigheit ignoriert. Das ändert sich erst, als Hanks Frau (Sissy Spacek) ihren gefühlskalten Gatten spüren lässt, wie sich ein Leben ohne eine dem hohen Herrn die Pantoffeln hinterhertragende Dienerin anfühlt. Jetzt, wo er merkt, was er an seiner Frau hat, bekennt er sich auf der Gewerkschaftsversammlung in einer rührseligen Rede auch zu seiner für ihr Recht kämpfenden Tochter.

Dramaturgisch markiert diese Versammlung in einem Saal voller halbstarker Proleten einen Wendepunkt der Geschichte. Denn sowohl hier wie auch später im Gerichtssaal stehen nun doch mehr und mehr der bislang aus Angst vor Unterdrückung schweigsamen Frauen und um die Sympathien ihrer Kollegen fürchtenden Männer mit einem positiven Gespür für Gleichberechtigung auf – wobei nicht verschwiegen werden soll, dass es auch Männer in diesem Film gibt, die von vornherein auf der Seite der Frauen sind. Sean Bean gehört als Lebensgefährte von Glory (Frances McDormand) dazu, Woody Harrelson ist als dessen Freund von Berufs wegen als Rechtsanwalt an diesem Fall interessiert. Über seine Beweisführung im Gerichtssaal mag man sich vielleicht verwundert die Augen reiben, doch dient sie letztendlich nur dazu, das Urteil unter Verwendung einer hollywoodtypischen Dramaturgie dorthin zu führen, wo am Ende ein Happy End für die unterdrückte Seite wartet. Der dem Film zugrunde liegende Fall jedenfalls ging 1984 als „The landmark case that changed sexual harassment law“ in die Geschichte der US-amerikanischen Rechtssprechung ein.

Interessant dabei ist, wie Niki Caro schon frühzeitig Szenen aus dem Gerichtssaal in die fortlaufende Handlung einbaut. So ist am Anfang noch gar nicht klar, was überhaupt verhandelt wird. Ist die verletzliche und von Charlize Theron glaubhaft dargestellte Josey möglicherweise unter dem Druck sexueller Belästigung ausgeflippt und hat einen ihrer provozierenden Kollegen ums Eck gebracht? Unwahrscheinlich wäre dies in diesem kalten Land mit seinem Hang zur Selbstgerechtigkeit nicht gewesen.

Thomas Volkmann