Zoran – mein Neffe der Idiot

Alles dreht sich um den Wein im Nordosten Italiens, und das Trinken ist die wichtigste Freizeitbeschäftigung, besonders für den Säufer und Zyniker Paolo. Doch als er von einer verstorbenen Tante einen 15-jährigen Neffen erbt, ändert sich sein Leben komplett, denn der Junge hat eine einzigartige Begabung zum Dartspiel. Paolo beschließt, mit Hilfe von Zoran reich zu werden.
Die ungewöhnliche, kleine Männerkomödie handelt vom nur scheinbar langweiligen Leben in der Provinz. Es geht um Wein, Weib und Gesang, aber vor allem um den Sieg der Freundschaft über die Einsamkeit.

Webseite: www.movienetfilm.de

Italien 2013
Regie: Matteo Oleotto
Drehbuch: Daniela Gambaro, Pier Paolo Piciarelli, Matteo Oleotto, Marco Pettenello
Darsteller: Giuseppe Battiston, Teco Celio, Rok Praŝnikar, Roberto Citran, Marjuta Slamiĉ
Originalmusik: Antonio Gramentieri mit Sacri Cuori
112 Minuten
Verleih: movienet
Kinostart: 19.06.2014

Festivals und Preise:

2013 Internationale Filmfestspiele von Venedig, Settimana della Critica: Publikumspreis, Fedic Award, Fedeora Jury, Bester Schauspieler, Quality Label Award
2013 Festival des Slowenischen Films (Slowenien): Beste Koproduktion, Beste Ausstattung
2013 Rec Festival Tarragona (Spanien): Publikumspreis

FILMKRITIK:

Im östlichsten Winkel Italiens, im Friaul an der Grenze zu Slowenien, gedeihen wunderbare Weine auf lieblichen Hügeln. Hier gibt es weder Strände noch Tourismus und nicht einmal besonders schönes Wetter. Diese Gegend ist tiefste Provinz, mit dem Gesangsverein als Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens. Paolo ist um die Vierzig und lebt hier mangels anderer Möglichkeiten. Seine Frau Stefania hat ihn verlassen, was Paolo nicht verkraften kann. Ihr neuer Mann ist im Gegensatz zu Paolo richtig nett und hat ihm sogar eine Arbeit besorgt. Diesen Job als Küchenhelfer im Altersheim hasst Paolo, so wie er alles andere in seinem Leben hasst, vermutlich auch sich selbst. Wenn er mal nicht alleine saufen will, hockt er in der Taverne, einem Ort von bestürzender Zweckdienlichkeit: Ein paar Tische stehen in einer alten Scheune, ein Tresen gehört dazu – ansonsten jede Menge Winzerbedarf, leere Flaschen und leere Kisten, die gut zu den leeren Blicken der Dorfbewohner passen. Doch Paolos tristes Leben nimmt eine Wendung, als er Zoran kennenlernt. Der schüchterne Junge ist das einzige Erbe von Paolos slowenischer Tante. Mit seiner riesigen Brille und seinem altertümlichen Italienisch, das er aus alten Büchern gelernt hat, wirkt Zoran im Dorf wie ein Alien. Schnell stellt Paolo fest, dass der stille Zoran eine besondere Fähigkeit hat: Er trifft beim Pfeilewerfen immer ins Schwarze! Paolo wittert ein Geschäft und setzt nun alles daran, mit Zorans Talent zu Geld zu kommen.
 
In seinem mit Preisen geradezu überschütteten Kinodebüt gelingt Matteo Oleotto ein kleines Kunststück: Er zeigt in einfachen, ruhigen Bildern das Musterbeispiel eines negativen Helden und macht ihn von Minute zu Minute liebenswerter. Dieser Paolo ist ein echter Unsympath – ständig besoffen, schmierig und ungepflegt, ein notorischer Lügner und Zyniker, dazu fett, faul und gefräßig. Dass der Film als Komödie so gut funktioniert, liegt zum einen am Hauptdarsteller, Giuseppe Battiston, inzwischen schon italienisches Urgestein (u. a. BROT UND TULPEN, DER TIGER UND DER SCHNEE). Er spielt den Paolo als zunächst wenig aktiven Dorftrampel – ein Opfer der Umstände. Doch im Verlauf der Handlung packt Battiston immer mehr drauf. Sein Zynismus verstärkt sich angesichts eines unbekannten und ungeliebten Neffen, gleichzeitig aber wird aus dem bärigen Biest so etwas wie ein Mensch. Der verkommene Säufer hat plötzlich ein Ziel vor Augen und entwickelt sich. Das ist sowohl komisch als auch verständlich. Rok Praŝnikar hat als Zoran die undankbare Aufgabe, gegen Battistons darstellerische Urgewalt zu bestehen. Das gelingt ihm mit Respekt gebietender Disziplin und einem sehr feinen Humor. Er zeigt einen ängstlichen, schlaksigen Jungen, der immer mehr an Sicherheit gewinnt und schließlich beinahe erwachsener wirkt als sein Onkel.
 
Gelassen, beinahe bedächtig ist das Tempo dieses unspektakulären Films, der seine Komik aus eher sparsamen Dialogen und ganz kleinen Wendungen zieht – und aus einem liebevollen, leicht weinseligen Blick aufs wahre Leben.
 
Gaby Sikorski