Sehnsucht

„Sehnsucht“ von Valeska Grisebach ging als einer von vier deutschen Beiträgen in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale und galt schnell als eine Entdeckung. Nun hat er  den Filmkunstpreis beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen gewonnen.  Grisebach filmt ein großes Melodram, als sei es eine kleine alltägliche Geschichte. Gedreht in der brandenburgischen Provinz, gespielt von Laiendarstellern, erzählt es von einem Mann, der seine Ehefrau betrügt und sich am Ende vor Kummer ins Herz schießt. Eine Liebesgeschichte in Großbuchstaben.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2006
Buch, Regie: Valeska Grisebach
Länge: 88 min.
Darsteller: Andreas Müller, Ilka Welz, Anett Dornbusch
Kamera: Bernhard Keller
Produktion: Peter Rommel Productions
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 31.8.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein Heimatfilm ohne heimelige Folklore: Die junge Berliner Filmemacherin Valeska Grisebach erzählt in "Sehnsucht" eine Dreiecksgeschichte auf dem Land – das Dorf Zühlen spielt dabei sich selbst.
Der Spiegel

Eine einfache (Liebes-)Geschichte, schnörkellos erzählt und immens anrührend. In Valeska Grisebachs Kinodebüt hält die Wirklichkeit Einzug ins Melodram.
Blickpunkt:Film

Das Leben eines Ehepaars in der brandenburgischen Provinz gerät in eine schwere Krise, als sich der Mann in eine Andere verliebt und sich nicht zu der Entscheidung durchringen kann, wie sein weiteres Leben aussehen soll. Die schlichte, wortarm und still erzählte Ehebruchgeschichte fesselt durch die einfühlsame Fotografie, die in den Landschaftsaufnahmen das Seelenleben der Protagonisten spiegelt, präzise (Alltags-)Beobachtungen und vor allem überzeugende Darsteller, die die verborgenen Wünsche der Charaktere, aber auch ihre seelische Not zum Ausdruck bringen. – Sehenswert ab 16.
film-dienst

FILMKRITIK:

Romeo: „Unglückliche Liebe ist eine See, die mit den Tränen der Liebenden genährt wird“.
Ella, seit Jahren glücklich mit Markus verheiratet, liebt „Romeo und Julia“, weil es doch so romantisch ist, wenn der eine nicht ohne den anderen leben kann und sogar in den Tod gehen würde für ihn. Ella und Markus gelten als Traumpaar in ihrem ruhigen Dörfchen. Bis er eines Tages beim Betriebsausflug der freiwilligen Feuerwehr ein bisschen zu viel trinkt, zu sehnsüchtiger Robbie Williams Ballade selbstvergessen tanzt („I got too much life, running through my veins going to waste…“) , dem Leben wohl noch irgendetwas abringen will und dann am nächsten Morgen im Bett einer anderen aufwacht. Die Affäre wird entdeckt, die Ehefrau verlässt ihn,  Rose, die Geliebte, stürzt sich aus dem Fenster,  und auch Markus will nicht mehr leben.

Die Liebe, die den Tod überdauert – diesen Urmythos, siedelt Grisebach nicht in der Unterwelt an (wie jüngst Helmut Dietl) oder im fernen Indien (wie Dietls Schüler Florian Gallenberger), nein sie erzählt in der brandenburgischen Provinz. Und ihre Heldinnen und Helden sprechen keine Kitschpostkarten-One-Liner, sondern beschreiben die große Liebe mit kleinen Worten: Beim Kaffeekränzchen schwärmt die eine von ihrem Mann, der immer, wenn sie im Krankenhaus lag um ein Kind zu gebären, eine Überraschung vorbereitet hatte. Beim ersten Kind war der Zaun gebaut als sie heimkam, beim zweiten die Etagenheizung installiert.

Grisebach hat vor den Dreharbeiten Menschen auf der Straße interviewt um Eindrücke von Sehnsüchten und schlummernden Träumen zu sammeln.  Dieses methodische Vorgehen und ihr Entschluss mit Laiendarstellern zu drehen, verleiht dem Film jene halbdokumentarische Anmutung, die man in perfekter Form häufig bei Andreas Dresen findet. Auch Grisebach kann sich in dieser Filmsprache hervorragend ausdrücken: Sie umfängt ihre Figuren auch in vermeintlich schwachen Momenten mit respektvoller Zärtlichkeit, beobachtet kluge Details, verliert sich aber nicht in pseudowahrhaftiger Doku-Folklore.

Um den Zauber von „Sehnsucht“ zu beschreiben muss man jedoch einen Schritt weitergehen. Weg von der Form – hin zum Inhalt, zu der in stärksten Farben ausgemalten Liebesgeschichte, der Urerzählung von dem Traum nach immerwährender Gemeinsamkeit. Das entscheidende Bild ist ein wunderbar stilisiertes: Eine ruhige Einstellung: Ella  und Markus liegen gemeinsam im Bett, ganz still, umschlungen halten sie einander und verströmen den größtmöglichen Frieden.

Am Ende wiederholt sich die Kaffeekränzchen-Szene, aber statt erwachsener Frauen sitzen jetzt Kinder in einer Runde und schwärmen von der großen Liebe. Wenn einer für den anderen sterben will, dann sei das soo romantisch. Ein neuer Kreislauf beginnt. Die Sehnsucht stirbt nie.

Sandra Vogell