Es herrscht eine langanhaltende Dürre in den östlichen Ebenen Kolumbiens, den Llanos Orientales. Diese trifft auch Shaira und ihre Familie. Kraft gibt dem Mädchen ihr großer Traum: Sie will bei einem Rodeo mitmachen. Der dokumentarisch anmutende Coming-of-Age-Film „Semillas“ taucht tief in das entbehrliche, von Viehzucht und Landwirtschaft geprägt Leben der Los Llanos ein. Das Werk ist zutiefst poetisch, metaphorisch aufgeladen und entfaltet in all seiner Langsamkeit eine fast traumhaft-hypnotisierende Wirkung.
Über den Film
Originaltitel
Semillas
Deutscher Titel
Semillas – Bis der Regen fällt
Produktionsland
CO, ES
Filmdauer
100 min
Produktionsjahr
2025
Regisseur
Eliana Niño Oviedo
Verleih
barnsteiner-film
Starttermin
13.08.2026
Shaira (Shaira Castro) lebt mit ihrem Opa, Bruder Audrey und Pferd Semillas auf einer Farm im ländlichen Kolumbien. Ihr Wunsch ist es, eines Tages am traditionellen Rodeo-Festival „Caleo“ teilzunehmen. Dabei müssen die Reiter auf ihren Pferden Rindern hinterherjagen und sie zu Fall bringen. Nach einem tragischen Reitunfall von Audrey, will Shaira ihrem Bruder zu Ehren mit Semillas erst recht beim nächsten „Caleo“ dabei sein.
Aber ihr Opa beschließt, Semillas zu verkaufen. Mit dem Geld will er seine Schulden zurückzahlen und die Ernteausfälle wegen der Dürre ausgleichen. Shaira erzählt er, dass manche Wolken die Form von Tieren annehmen, weil der Himmel sie einfängt und sie erst wieder freigibt, wenn es regnet. Für die 12-Jährige gibt es nur eine Lösung: Sie will einen magischen Samen finden, der den Regen zurückbringt – und damit ihren geliebten Semillas.
Semillas heißt nicht nur das Pferd der Hauptfigur, sondern ist auch das spanische Wort für Samen – und steht damit für Aspekte wie „Leben“ und „Vergänglichkeit“. In getrockneter Form finden sich die Kügelchen zudem in volkstümlichen Instrumenten, etwa in Fuß- oder Gefäßrasseln (Maracas). Insofern ist der Titel des neuen Films der kolumbianischen Regisseurin Eliana Niño mehrdeutig. Auf all diese Bedeutungen spielt sie ihrem langsam erzählten, sorgfältig durchkomponierten Film an, der Coming-of-Age mit Roadmovie-Elementen und dramatischen Tönen vermengt.
In einer emotionalen Szene bringt Niño jene Entsprechungen direkt zusammen. Auf dem staubigen Boden legt Shaira (eine Entdeckung: Shaira Castro) mit den Samenkügelchen die Umrisse eines Pferdes. Es ist Semillas. Das kleine Kunstwerk sieht wunderschön aus und wirkt detailgetreu – jedoch ist es ebenso vergänglich. Denn schon der nächste Windstoß zerstört es. „Semillas“ nutzt gehäuft solche bildhaften Darstellungen und allegorischen Verweise, die zum genaueren Hinsehen und Reflektieren einladen.
Daneben zeigt Niño ausführlich das einfache, harte aber gleichsam erfüllende Farm- und Landleben in den Los Llanos. Minutenlang dokumentiert sie den Tagesablauf von Shaira und ihrem Großvater und macht den Zuschauer damit zum stillen Beobachter. Vom Ausmisten der Ställe über die Tierpflege bis hin zum Reparieren von Zäunen und Türen: Gänzlich ohne Dialoge oder Off-Erzähler fängt Niño den Arbeitsalltag der kleinen Familie ein. Auffällig ist hierbei das sparsame Sounddesign. Nur wenige Szenen haben eine musikalische Untermalung. Stattdessen verwendet Niño Stille oder die natürliche Soundkulisse als narratives Mittel – und intensiviert damit die emotionale Fallhöhe einzelner Szenen.
Die Verwendung dieser natürlichen Hintergrundgeräusche verleiht dem Gezeigten eine tiefe Wahrhaftigkeit und etwas Dokumentarisches. Das Werkzeug klappert. Die alten Holztore und Dielen knarzen. Das trockene Gras rauscht im Wind. Damit erzeugt „Semillas“ eine einnehmende, ungekünstelte Stimmung, die direkt in das Geschehen hineinzieht. Auf optischer Ebene setzt sich diese Atmosphäre fort. Im Gedächtnis bleiben vor allem die langen, statischen Einstellungen der ausgetrockneten Böden während der Dürre-Phase. Ergänzend kommen helle, lichtdurchflutete Sequenzen hinzu, die eine ungemeine visuelle Kraft entfalten. Die flirrende Hitze und die unnachgiebige Trockenheit werden so förmlich spürbar.
Björn Schneider







