Shinobi

Ang Lees „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ und Yimou Zhangs „Hero“ haben Martial-Arts-Filme auch in Europa populär gemacht. Deshalb bekommen jetzt auch Filme wie „Shinobi“ eine Chance im hiesigen Kino. Im Vergleich zu den großen Vorbildern mangelt es der japanischen Großproduktion „Shinobi“ vielleicht etwas an Opulenz, dafür ist die Geschichte komplexer. Geradezu kurios für einen Martial-Arts-Film ist der Umstand, dass Feindschaft und Kampf als Daseinsgrund in Frage gestellt werden.

Webseite: www.shinobi-derfilm.de

Japan 2005
Regie: Ten Shimoyama
Buch: Kenya Hirata
Darsteller: Yukie Nakama, Joe Odagiri, Kippei Shiina, Taku Sakaguchi, Erika Sawajiri
107 Minuten
Verleih: Independent Partners, Vertrieb: Neue Visionen
Kinostart: 14. Dezember 2006

PRESSESTIMMEN:

Ein zwar gewöhnungsbedürftiger Martial-Arts-Film, reizvoll aber durch die gefühlvolle Liebesgeschichte, komplexe Frauenfiguren und die mitreißende Inszenierung.
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FILMKRITIK:

Die Geschichte ist im 17. Jahrhundert angesiedelt und orientiert sich locker an historischen Fakten. Nach einer langen Phase kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen etlichen Fürsten um die Vorherrschaft im Land wird Japan unter der Herrschaft des Tokogawa-Shogunats befriedet. Die Waffen schweigen, die Krieger haben nichts zu tun. Letzteres könnte nach Ansicht des Shoguns ein Problem werden. Er denkt dabei weniger an die Samurai-Kämpfer, die einem strengen Ehrenkodex verpflichtet waren, sondern an die geheimen Personen („Shinobi“), die in Kriegen für die Drecksarbeit zuständig waren. Sie lebten in einer Bergregion und hatten in einer Welt des Friedens keine Perspektive. Der Shogun will sich der Shinobi entledigen, indem er zwei Clans gegeneinander ausspielt und sie in die Vernichtung treibt.

 

Das ist kein übermäßig origineller Stoff, aber Regisseur Ten Shimoyama, der Action-Experten durch seinen Film „Muscle Heat“ bekannt ist, versteht es, die Geschichte in populären Kontexten zu verankern. In erster Linie ist die in Japan überaus beliebte Ninja-Kultur zu nennen, deren historisches Vorbild die geheimen Personen sind. Zusammengehalten wird die Geschichte durch einen West-Import: eine klassische Romeo-und-Julia-Konstruktion. Jeweils fünf Mitglieder der beiden Clans müssen gegeneinander antreten. Deren Anführer Oboro (Yukie Nakama) und Gennosukke (Joe Odagiri) sind ein Liebespaar, von dem niemand etwas wissen darf. Neben der historischen und der emotionalen Ebene etabliert Shimoyama noch eine philosophische Dimension – eine Reflexion über Schicksal, Freiheit und Frieden. Und ordentlich gekämpft wird natürlich auch.

Die Geschichte nimmt die klassische Form der Tragödie an, deren Helden auf ein unheilvolles Ende zutreiben. Oboro und Gennosukke haben offenkundig keine Chance. Wenn sie den Kampf-Auftrag ausführen, kann nur einer von ihnen überleben. Während die eher konservative Oboro bereit ist, dies als Schicksal und Bestimmung hinzunehmen, denkt ihr Geliebter Gennosukke moderner. Er will den „törichten Krieg“ nicht akzeptieren, und Schicksal ist für ihn nur das, „was wir selbst erschaffen“. So gerät er in Konflikte mit seinen Gefolgsleuten, die ihre Identität bedroht sehen. Die Shinobi seien Waffen, sagt einer seiner Gefährten. „Wenn wir nicht kämpfen, ergibt das Leben für uns keinen Sinn.“ Gennosukke pfeift auf solche angeblich ehernen Regeln. Er kann mit gut mit dem Frieden leben, der im Übrigen zwingende Voraussetzung für sein persönliches Glück ist. So macht er sich auf den Weg zum Shogun, um den Kampf abzuwenden.

Dass Weltbilder und Prinzipien in Frage gestellt werden, ist ein angenehmer Zug von „Shinobi“ – gerade für europäische Zuschauer, denen die archaische Wucht starrer Rituale und Regeln in Martial-Arts-Filmen etwas fremd ist. Das ist zweifellos eine der Stärken dieses Dramas, das sich gleichwohl nicht in philosophischen Erörterungen verliert. Ganz im Gegenteil: Über die Hauptfiguren hätte man gern etwas mehr erfahren. Doch der Regisseur hat sich entschieden, immer schnell die Handlung voranzutreiben, statt Charakterisierungen zu vertiefen. Zu optischen Höhepunkten werden natürlich die rasant choreographierten Kämpfe, die erfreulich abwechslungsreich sind. Ermüdende Wiederholungen werden dadurch vermieden, dass jeder Kämpfer über eine spezielle Fähigkeit verfügt, um den Gegner zu besiegen. Da sind ein paar interessante Einfälle zu bestaunen. So ist „Shinobi“ nicht nur intellektuell erfrischend, sondern überzeugt auch mit schönen Bildern.

Volker Mazassek