Side Effects

Als letzter Kinofilm von Steven Soderbergh angekündigt, beweist einer der vielseitigsten Regisseure der letzten 30 Jahre mit „Side Effects“ erneut seine Wandlungsfähigkeit. Was als Film über die Kultur des exzessiven Medikamentengebrauchs beginnt, entwickelt sich zum verschachtelten Thriller, in dem Soderbergh bisweilen die Übersicht zu verlieren droht, aber einmal mehr seinen brillanten Stil und exzellente Schauspielführung beweist.

Webseite: www.senator.de

USA 2012
Regie: Steven Soderbergh
Buch: Scott Z. Burns
Darsteller: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum, Vinessa Shaw, Polly Draper
Länge: 106 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 25. April 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Vier Jahre hat Martin Taylor (Channing Tatum) wegen Insiderhandel im Gefängnis gesessen, nun kann ihn seine Frau Emily (Rooney Mara) endlich wieder in die Arme schließen. Doch die lange Zeit der Trennung, gepaart mit finanziellem und gesellschaftlichem Absturz, scheinen der jungen Frau schwer zugesetzt zu haben. Apathie, Heulkrämpfe und schließlich ein Selbstmordversuch sind die Folge. Der behandelnde Psycholge Dr. Jonathan Banks (Jude Law) setzt sie auf Medikamente, die zunächst ihre Wirkung verfehlen – bis er das gerade auf den Markt gekommene Psychopharmaka Ablixa (ein fiktives Medikament) empfohlen bekommt. Die Wirkung ist zunächst spektakulär: Emily hat wieder Spaß am Leben, an der Arbeit, am Sex. Doch die Nebenwirkungen sind nicht ohne: Gemütsschwankungen, Gedächtnisschwäche und vor allem Schlafwandeln.

Als Emily Martin in einem Moment der Umnachtung ersticht, scheint sie die perfekte Verteidigung parat zu haben: Das Medikament ist Schuld und somit auch Dr. Banks. Der sieht sich zunehmenden Vorwürfen ausgesetzt und beginnt mit wachsender Besessenheit auf eigene Faust zu ermitteln. Besonders die Psychologin Dr. Siebert (Catherine Zeta-Jones) scheint mehr zu wissen, als sie hinter ihrer kühlen Fassade zugibt: Nicht nur hat sie einst Emily behandelt, auch das sie Dr. Banks wie nebenbei ein Werbegeschenk von Ablixa zusteckte, kommt dem Arzt bald seltsam vor.

Wenn es eine Linie im Werk von Steven Soderbergh gibt, dann die, dass es keine Linie gibt. Indiedramen („Sex, Lügen und Videos“), glatte Hollywood-Filme („Oceans 11/12/13“), Biopics („Che“), Science-Fiction („Solaris“), Experimentalfilme (“Full Frontal”, Bubble”) oder Thriller („Contagion”), in den 27 Filmen, die Soderbergh seit 1989 gedreht hat, findet sich fast die gesamte Bandbreite des Kinos. So verwundert es dann auch nicht, dass der als letzter Kinofilm Soderberghs angekündigte „Side Effects“ gleich mehrere Genres vereint.

30, 40 Minuten meint man eine Kritik der gerade in Amerika so beliebten Psychopharmaka-Industrie beizuwohnen: Wie Bonbons verschreibt Dr. Banks diverse Medikamente, eine andere Methode mehr oder weniger starke, tatsächliche oder eingebildete Gemütsschwankungen zu behandeln wird gar nicht in Frage gezogen. Der moderne Mensch soll funktionieren, soll sich wenn nötig hinter einer glatten Fassade verstecken und seine Probleme betäuben. Mit welchen Methoden die Pharma-Industrie neue Medikamente bewirbt, auf welche fragwürdige Weise Ärzte in den Vermarktungsprozess eingebunden werden, deutet „Side Effects“ ganz beiläufig an – und schlägt bald eine völlig andere Richtung ein.

Was folgt, ist durchaus interessant, verlässt sich bisweilen zu sehr auf lange Dialogpassagen, in denen die zunehmend verwickelter werdenden Verstrickungen erläutert werden müssen, und bedient sich eines merkwürdig konventionellen, befremdlichen Frauenbildes.

Und doch ist auch „Side Effects“ in vielerlei Hinsicht ein Vergnügen: Mit welcher Leichtigkeit Soderbergh (der einmal mehr als sein eigener Kameramann agierte) seine Filme inszeniert, brillante, zwar stilisierte, aber nie von der Geschichte ablenkende Bilder auf die Leinwand wirft und dazu seinen Darstellern viel Raum zur Entfaltung lässt, ist im modernen Kino fast einzigartig. Dass angesichts der Menge von 27 Filmen in 25 Jahren nicht jeder Film ein Volltreffer ist, manches Projekt scheiterten fällt angesichts der Breite von Soderberghs Oeuvre, der schieren Freude am Experiment nicht ins Gewicht. Bleibt nur zu hoffen, dass „Side Effects“ nicht das endgültige Ende von Soderberghs Filmkarriere ist, sondern nur den Beginn einer hoffentlich kurzen Pause markiert.

Michael Meyns

Die Taylors, ein junges Ehepaar, leben in New York. Und sie leben gut, haben alles, was man in der oberen Mittelklasse so sein eigen nennen kann. Martin, der Ehemann, ist Banker.

Dann allerdings wird er verhaftet: Insiderhandel. Vier Jahre Haft. Emily, die Ehefrau, muss sich einschränken. Sie tut es und wartet auf ihren Mann, verfällt aber nach dessen Entlassung in eine tiefe Depression. Tatsächlich?

Sie unternimmt einen Selbstmordversuch, wird danach von Dr. Banks behandelt. Der verschreibt ihr ein starkes Medikament – offenbar steht er mit der Pharmaindustrie in Verbindung. Die Nebenwirkungen bleiben nicht aus. Emily tötet ihren Mann.

Wusste sie, was sie tut? Ist sie so manisch depressiv, dass sie in einer Art Ekstase handelte? Es ist nicht sicher. Auf jeden Fall muss die Sache vor Gericht.

Dr. Banks wird schwer mit hineingezogen. Man wirft ihm vor, ein viel zu starkes, ein unbrauchbares Medikament verschrieben zu haben. Die ermittelnden Behörden machen ihm das Leben ganz schön schwer.

Vor der Zeit von Dr. Banks wurde Emily bereits von Dr. Siebert behandelt. Banks und Siebert geraten aneinander, scheinen sich dann aber doch zu einigen. Doch was geschieht dann zwischen Emily und Dr. Siebert. Die beiden sind sexuell liiert. War alles nur Theater, Täuschung, Irreführung, um Martin aus der Welt zu schaffen? Und warum verrät Emily die Ärztin schließlich doch?

Während zwei Dritteln seiner Dauer wirkt dieser Film superrealistisch: Emilys Depression geht tief, die Sorge, die Dr. Banks sich um sie macht, ebenfalls. Die Ermittlungen nehmen einen glaubhaften Verlauf, die Gerichtsszenen wirken überzeugend. Alles scheint Drama, scheint Tragödie. Der Kinozuschauer leidet mit Emily.

Aber immer wird er auch durch Ungereimtheiten, Nebenhandlungen, drehbuch- und handlungsmäßige Manipulationen und Fragestellungen verführt. So dass letztlich ein Depressions-Mord-Ärzte-Pharma-Vorspiegelungs-Krimi herauskommt.

Ein echter Soderbergh eben.

Ein solcher Regisseur kann es sich leisten, Spitzenschauspieler zu engagieren. Jude Law als Dr. Banks und Catherine Zeta-Jones als Dr. Siebert sind schon erste Klasse. Überflügelt werden sie aber noch von der jungen Rooney Mara als Emily Taylor. Wie sie die Kranke (und bis zu einem gewissen Grad Schwindlerin) spielt, das ist schon einsame Spitze.

Thomas Engel