Mehr rigorose Filme wagen! Das nimmt sich der Schweizer Nicolas Steiner mit seinem Kinodebüt vor und er geht dabei all in: Eine ausgesprochen schräge Story über einen schrulligen Sonderling. Die lebensfrohe Studentin Lena (Luna Wedler) will den titelgebenden Kotzbrocken-Kauz (Karl Markovics) mit Schreibtherapie aus seinem Elend retten. Als wäre das nicht schwierig genug, mischt sich der mehr als merkwürdige Amtsleiter (Lars Eidinger) ständig ein. Kontrastreiches Schwarz-Weiß sorgt für atmosphärisch dichte Bilder. Die schwer angesagte Luna Wedler (Venedig-Gewinnerin für „Silent Friend“) erweist sich einmal mehr als eines der aktuell großartigsten Schauspieltalente hierzulande. Die Auftritte des Lars Eidinger sind kurz und clownesk. Er läuft rückwärts zur Pressekonferenz, oder darf mit einer Axt die Ananas auf seinem Schreibtisch spalten. Ob er sich solche kreativen Freiheiten als kommender „Superman“-Schurke Brainiac auch noch leisten kann?
Über den Film
Originaltitel
Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Deutscher Titel
Sie glauben an Engel, Herr Drowak?
Produktionsland
DEU
Filmdauer
90 min
Produktionsjahr
2024
Regisseur
Steiner, Nicolas
Verleih
X Verleih AG
Starttermin
19.02.2026
„Hattest du einen schlechten Tag?“ wird das Mädchen gefragt. „Sag bloß, es gibt auch gute!“. Prompt bekommt die Neunjährige einen Schnaps. „Wer alt genug ist, verprügelt zu werden, der darf auch saufen.“ Solch sarkastische Dialoge sollte man mögen, sonst sagt man schnell „Ich bin raus!“. Die Titelfigur, jener Herr Drowak, ist nicht unbedingt ein Sympathieträger. Ganz im Gegenteil: Hugo ist ein kauziger Kotzbrocken. Ein verbitterter Widerling, der die Menschen hasst und den Alkohol liebt. Im Vergleich zu Drowak sind Bernd Maria Stromberg oder Ekel Alfred unschuldige Waisenknaben, auf deren Nase gerne Schmetterlinge landen. Österreichs Schauspiel-Chamäleon Karl Markovics gibt den Stinkstiefel mit ähnlich großem Vergnügen und perfider Perfektion, wie einst Jack Nicholson den Miesepeter Melvin in „Besser geht’s nicht“ gab.
„Ich habe mich schon immer sehr für diese Art sozial ausgegrenzter Menschen interessiert und mich gefragt, was ihre Menschenfeindlichkeit und Feindseligkeit gegenüber anderen verursacht“, erläutert Drehbuchautorin Bettina Gundermann ihre Motivation für diese bittere Tragödie. Das findet auch ihre Heldin Lena (Luna Wedler), eine endlos optimistische Germanistik-Studentin, die anderen Menschen gerne etwas Gutes tun will. „Ich glaube an die Kraft des kreativen Schaffens!“, schwärmt sie begeistert bei ihrer Bewerbung als Schreibtrainerin beim „Amt für Ruhe und Ordnung“. Um in die Amtsstube vorzudringen, muss die Studentin erst kafkaeske Hürden überwinden. Eine lange Schlange wartet vor einer winzig kleinen Aufzugtür. Den Weg über die Treppe wagt niemand zu nehmen, tatsächlich lauern dort surreale Überraschungen. Solche Zustände herrschen auch in der Wohnung von Hugo Drowak, dem einzigen und ziemlich unfreiwilligen Teilnehmer am Resozialisierungsprogramm „Tolerant und gewaltfrei durch Kreativität“. Der aggressive Alte wirft lieber Urinbomben aus dem Fenster als seine Therapeutin zu begrüßen. Doch Lena lässt sich nicht erschüttern, sie glaubt unbeirrbar an das Gute. „Was fehlt Ihnen zum Glück?“, will sie wissen. „Die Abwesenheit aller Menschen!“, gibt es als mürrische Antwort.
Mit Engelsgeduld und einer Schreibmaschine kommt Lena schließlich ans Ziel. Ihr Klient erweist sich als begnadeter Autor. Wenn er poetisch über die Liebe schreibt, werden sogar die Schwarzweiß-Bilder plötzlich farbig: schließlich erzählt er hier seine eigene große Lovestory. Auch der seltsame Amtsleiter (Lars Eidinger) scheint gerührt vom literarischen Talent, „pure Poesie“ bescheinigt er dem Werk. Seine Pressekonferenz betritt er freilich lieber rückwärts laufend. Die Erfolgsstory endet jäh: Der Held fühlt sich von Rattenwesen bedroht und muss gegen seine verdrängten Dämonen kämpfen. Ein Engel käme da gerade recht…
Mit Fischaugen-Objektiv setzt Regisseur Nicolas Steiner sein kafkaeskes Trauerspiel in Szene. Bei den brutalistisch anmutenden Bauten durften die Gewerke sich ebenso austoben wie bei der Inneneinrichtung der Messi-Wohnung des Misanthropen. Ein altes Kraftwerk der Schiesspulverfabrik in Rottweil diente als Außenkulisse. Ein Meer leerer Flaschen sorgt für die trostlose „Wohnst du noch oder stirbst du schon?“-Atmosphäre. Auf dem Filmfestival von Shanghai erlebte das Kinodebüt seine Weltpremiere, beim Filmfestival Max Ophüls Preis erhält dieser Arthaus-Coup die Ehre der Ouvertüre: Mehr rigorose Filme wagen lohnt sich!
Dieter Oßwald







