singende Stadt, Die

Im Jahr 2010 war Regisseur Vadim Jendreyko mit „Die Frau mit den fünf Elefanten“ für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert. In seinem neuen Film gewährt er einen beeindruckenden Blick hinter die Kulissen einer Opernproduktion. Wieder verzichtet Jendreyko dabei auf erklärende Off-Kommentare, lässt sich allein von seinen Eindrücken und Beobachtungen treiben und den Zuschauer teilhaben an den Höhen und Tiefen bei der Entstehung einer Oper, für die eine Vielzahl unterschiedlicher Menschen auf den Punkt hin ein perfektes Ergebnis abzuliefern gewillt ist. „Die singende Stadt“ steht dabei exemplarisch für die Komplexität der Arbeit an Opernhäusern generell.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2010
Regie: Vadim Jendreyko
Dokumentarfilm
92 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 10.2.2011 (BaWü ab 20.1.2011)
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

So wenig wie man in Vadim Jendreykos letztem Dokumentarfilm „Die Frau mit den fünf Elefanten“ über die kürzlich verstorbene Dostojewskij-Übersetzerin Svetlana Geier ein Kenner des Werkes des großen „Schuld und Sühne“-Schriftstellers sein musste, so wenig setzt der 1965 in Deutschland geborene Regisseur in seinem neuen Film tiefere Kenntnisse über die Welt der Oper voraus. Gleichwohl hat sich Jendreyko für seinen Film mit der Staatsoper Stuttgart nicht nur eines der renommiertesten Opernhäuser Deutschlands ausgesucht, sondern mit seinem ungewöhnlichen Making-Of von Richard Wagners „Parsifal“ auch eine Produktion gewählt, in der es dem Helden auf eine ähnlich Weise ergeht wie nun den Kinozuschauern: es geht um das Vordingen in eine unbekannte Welt voller neuer Erkenntnisse und Abenteuer, um Erlebnisse dramatischer wie witziger Natur – vor allem aber um ein Staunen auf hohem Niveau. Auch hier gilt: Vorkenntnisse über die Handlung des „Parsifal“ sind nicht zwingend. „Die singende Stadt“ ist also auch für ein bislang einen Bogen um Opern machendes Publikum höchst interessant.

Um was es im „Parsifal“ geht und wer die Macher hinter dieser Opernproduktion sind, das spielt für Jendreyko keine ganz so wichtige Rolle. Der Zufall freilich wollte es, dass sich dennoch aktuelle gesellschaftliche Bezüge ergaben – zur Krise der Religionen etwa oder der Missbrauchsdebatte an Internaten. Nur ganz kurz werden der katalanische Opernregisseur Calixto Bieito (der als Knabe in einem Jesuitenkolleg angeblich selbst Missbrauchserfahrungen gemacht haben soll), Bühnenbildnerin Susanne Gschwender, die für die Kostüme zuständige Mercè Paloma aus Barcelona sowie Dramaturg Xavier Zuber in einer Szene einer Pressekonferenz vorgestellt. Ansonsten aber verzichtet die Dokumentation auf die Nennung der Namen und ihrer Zuständigkeiten. Insidern mögen sicherlich Bescheid wissen, dass Generalmusikdirektor Manfred Honeck am Dirigentenpult steht und Andrew Richards den Parsifal singt, doch schon bei der Präsentation der Verantwortlichen etwa in der Rüstmeisterei, beim Sprachtraining oder der Abteilung für Spezialeffekte (ja, auch auf Opernbühnen spritzt das Blut mitunter heftig) hätte eine kurz eingeblendete Zeile für Klarheit gesorgt, um welchen Künstler oder welche Abteilung es sich handelt. Wer also näheres zur Person etwa von Calixto Bieixo oder den Solisten erfahren möchte, muss sich dazu anderer Quellen bedienen.

Andererseits: bei 1300 Mitarbeitern, die in 95 verschiedenen Berufen Jahr für Jahr allein an der Staatsoper Stuttgart durchschnittlich zehn Neuinszenierungen pro Jahr stemmen, hätte dieser bescheidene Wunsch schnell auch zu einem endlosen Name-Dropping ausufern können. Entscheidend ist ja, wie die verschiedenen Gewerke Zahnrädern einer komplizierten Maschinerie gleich ineinander greifen und zusammen mit den Künstlern, den Musikern und dem Chor im Laufe eines mehrmonatigen Kreativprozesses bis zum Tag der Premiere an einem optimalen Ergebnis gefeilt wird.

Zu Bieito und seiner Vision des „Parsifal“ gilt es aber dennoch ein paar Sätze zu verlieren. Für seine Inszenierung hat er sich nämlich von Cormac McCarthys Roman „The Road“ inspirieren lassen – und so verwundert es nicht, dass so manches Bild der Stuttgarter Wagner-Produktion an das Endzeitszenario aus John Hillcoats Romanverfilmung erinnert. Susanne Gschwender hat dazu die Ruinen einer Autobahnbrücke auf die Bühne gestellt und Mercè Paloma die Darsteller in Kostüme gesteckt, die vor Umweltgiften, Hitze und Kälte schützen.

Klar auch, dass eine solche Mammutproduktion nicht ohne Konflikte abgeht. Da werden statische Probleme besprochen und über den von Bieito gewünschten Sand auf der Bühne diskutiert, weil der sich garantiert bis in den letzten Ritzen des Hauses auf Jahre hin festsetzen könnte. Die Nacktheit des Chores ist ein heißdiskutiertes Thema, als Running Gag eingestreut sind immer wieder die Sprachproben von Amfortas-Darsteller Gregg Baker aus Memphis/Tennessee, dem das Wörtchen „unenthüllt“ und rollende R’s nicht so flott über die Lippen kommen wie gewünscht. Dass er in einer Probenpause einem Sängerkollegen vom Horror des Vietnamkriegs erzählt, mag auf den ersten Moment aus dem Zusammenhang gerissen erscheinen – in Bezug auf das Chaos bei der Erarbeitung von Bieitos apokalyptischer „Parsifal“-Welt macht dieser recht persönliche Exkurs aber dennoch Sinn.

Dem roten Faden einer aufwändigen Operninszenierung zu folgen, den Kampf der Visionen gegen die Möglichkeiten des Machbaren zu begleiten, sich einmal hinter die Kulissen eines gewaltigen Apparates zu begeben, das alles leistet dieser Dokumentarfilm in seinen kurzweiligen und unterhaltsamen 90 Minuten auf eine staunen machende Weise. Jendreyko und sein Kameramann Lothar Heinrich haben die Dynamik und den konzentrierten Enthusiasmus bei der Entstehung des „Parsifal“ in sehenswerten und sinnlichen Bildern festgehalten. Wer übrigens das Ergebnis dessen, was „Die singende Stadt“ mit ihrem lohnenswerten Blick hinter die Kulissen offenbart, erleben möchte: ab dem 6. März 2011 steht die Inszenierung wieder auf dem Spielplan der Stuttgarter Staatsoper.

Thomas Volkmann

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