Slow – Langsam ist das neue Schnell

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Die Entdeckung der Langsamkeit, sie ist in unserer schnelllebigen Zeit mehr denn je gefragt. Sascha Seiferts Naturdokumentarfilm „Slow“ ist in dieser Hinsicht nicht nur eine besondere Erfahrung, sondern zugleich auch eine Übung des Sehens und Zur-Ruhe-Kommens. Hauptdarsteller seines Experiments sind heimische Gehäuseschnecken, denen die Kamera in Echtzeit und in Großaufnahme bei der Fortbewegung zuschaut. Sinnsprüche des buddhistischen Mönches Thích Nhất Hạnh geben dazu Denkanstöße und machen aus „Slow“ einen Film zwischen „Mikrokosmos“ und „Die große Stille“.

Webseite: www.slowthefilm.com

Deutschland 2013
Regie: Sascha Seifert
Dokumentarfilm
87 Minuten
Verleih: Mouna
Kinostart: 23.5.2013

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Vögel zwitschern, der Wald strömt Ruhe aus. Langsam tasten sich die Fühler einer Gehäuseschnecke vorwärts durch das Gras. Im Größenvergleich wirken dessen Halme nun selbst wie ein junger Wald. Hunger hat sie, die Schnecke. Also knabbert sie an Blättern, was sich auf der Tonspur anhört, als kaue sie einen knackigen Salat. Im weiteren Verlauf des Streifzugs durch den Stuttgarter Stadtwald nimmt Regisseur Sascha Seifert immer wieder weitere Brüder und Schwestern des zu 85 Prozent aus Wasser bestehenden Weichtiers ins Visier, beobachtet sie beim Balanceakt über einen dünnen Ast oder beim Verzehr einer Kirsche (was im Größenverhältnis aussieht, als würde ein Löwe ein Zicklein verspeisen). Dann wieder „kuscheln“ mehrere Schnecken miteinander oder muss ein Hindernis umschifft werden.

In ein paar wenigen Momenten gestattet Seifert seinem Film aber auch etwas mehr Dynamik, was durchaus wohltuend ist. Zeitbeschleunigt gleitet da etwa eine Nacktschnecke über den Boden, was ihren länglichen Körper wie ein über einen Fluss fahrendes Schiff mit leichtem Wellengang aussehen lässt. Besonders ist auch jener Moment, als eine Schecke durch eine Glasscheibe hindurch gefilmt wird und plötzlich die Schleimspur auf dem Glas sichtbar wird. Impressionen des Waldes mit Aufnahmen von Pilzen sorgen immer wieder für Abwechslung. Mit jenen eindrucksvollen Detailaufnahmen, wie sie zuletzt Jan Haft in seinem Dokumentarfilm „Das grüne Wunder – Unser Wald“ gezeigt hat, kann „Slow“ indes nicht aufwarten.

Dass Sascha Seifert auf erklärende Worte über das Wesen der Schnecken oder die Bedeutung der Langsamkeit in Zeiten schneller Veränderungen und einem ewigen Husch-Husch verzichtet, ist hingegen eine kluge Entscheidung, gewissermaßen aber auch Teil der Übung. Die Unterteilung des Films in Kapitel, die jeweils mit einem doppelten Gongschlag beginnen und mit einem Sinnspruch des 1926 in Vietnam geborenen Mönchs Thích Nhất Hạnh, der neben dem Dalai Lama als einer der profiliertesten zeitgenössischen Meister der buddhistischen Lehre gilt, überschrieben sind, lässt einen tatsächlich an eine Meditationsaufgabe denken. „Verstehe, dass Leben nur im gegenwärtigen Moment gefunden werden kann“, nennt sich einer dieser Leitsätze, über die sich nun die nächsten Minuten sinnieren lässt. Immer wieder setzt dazu auch entspannte Musik ein. Gut möglich, dass der sanfte Gong den ein oder anderen Kinobesucher aus seinen Gedanken erlöst und die Konzentration wieder zurück auf Leinwand oder Bildschirm führt.

Ähnlich wie „Das grüne Wunder“ lenkt „Slow“ seinen Blick auf einen Lebensraum, der im Alltag gerne links liegen gelassen wird (außer vielleicht, wenn Schnecken sich im Garten über das Salatbeet hermachen). Doch auch wenn hier explizit Schnecken im Mittelpunkt stehen, so geht es nebenbei doch mindestens auch um den Menschen und ein von ihm beeinflussbares Bewusstsein auf alles um ihn herum. „Lächle, atme und gehe langsam“, heißt es mit Thích Nhất Hạnhs Worten. Vielleicht verspürt der ein oder andere Kinozuschauer ja nach diesem meditativen Filmerlebnis Lust, sich irgendwo in der Natur unter einen Baum zu legen und nicht nur zu beobachten, sondern auch zu spüren, wie es um ihn herum krabbelt.

Thomas Volkmann