Solist, Der

Robert Downey Jr. und Jamie Foxx zählen zu „Hollywood’s Finest“. Warum das so ist, beweisen sie in Joe Wrights („Abbitte“) klugem, überraschend unsentimentalem Sozialdrama, das seine Figuren jederzeit ernst nimmt und dabei auf ein erzwungenes, allzu übertriebenes Wohlfühlende verzichtet. „Der Solist“ erzählt von der ungewöhnlichen, zunächst rein zufälligen Begegnung eines Journalisten und eines obdachlosen, an Schizophrenie erkrankten Musikgenies.

Webseite: www.dersolist-film.de

OT: The Soloist
USA 2009
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Susannah Grant nach dem Buch von Steve Lopez
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Robert Downey Jr., Jamie Foxx, Catherine Keener, Tom Hollander, Lisa Gay Hamilton
Laufzeit: 117 Minuten
Kinostart: 10.12.2009
Verleih: Universal
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Es scheint, dass vor allem zufällige Begegnungen unser Leben in die eine oder andere Richtung lenken. Zum Beweis dieser These eignet sich auch die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte von Zeitungskolumnist Steve Lopez (Robert Downey Jr.). Während es dem einst leidenschaftlichen Journalisten zunehmend schwerer fällt, seine Leser mit interessanten Anekdoten aus der Metropole Los Angeles zu versorgen, trifft er bei einem Spaziergang zufällig auf den obdachlosen, offenkundig verwirrten Nathaniel Ayers (Jamie Foxx). Der redet nicht nur ohne Unterlass über Beethoven, die Schönheit der Musik und alles, was ihm sonst so gerade an Gedanken durch den Kopf schießt, Nathaniel spielt auch mit voller Leidenschaft auf einer derangierten Violine, die gerade einmal noch zwei Saiten besitzt.

Lopez ist fasziniert von dem Paradiesvogel, dessen Leben sich vornehmlich in öffentlichen Parks und unter Unterführungen abspielt. Er beginnt, über Nathaniel zu schreiben. Eine Leserin schenkt ihm daraufhin ihr altes Cello und damit jenes Instrument, auf dem Nathaniel einst als hochtalentierter Student an der Musikhochschule brillierte. Das war bevor er an Schizophrenie erkrankte und obdachlos wurde. Lopez versucht, das verwirrte Wunderkind, als das er Nathaniel sieht, mit allen Mitteln von der Straße zu holen. Sogar eine bescheidene Unterkunft in einer Sozialeinrichtung kann er auf die Schnelle organisieren. Doch allmählich wird ihm bewusst, dass nicht er es ist, der Nathaniels Leben verändert und in neue Bahnen lenkt.

„Der Solist“ ist auf den ersten Blick typisches Oscar-Material. Eine Geschichte nach einer wahren Begebenheit, zwei großartige Hauptdarsteller, dazu eine gute Portion Drama mit unübersehbaren sozialkritischen Untertönen, all das liebt die Academy für gewöhnlich. Umso erstaunlicher erscheint es daher, dass der Film bei der Jury bereits in der Vorauswahl durchfiel und ihn DreamWorks daraufhin im Frühjahr in die amerikanischen Kinos brachte. Wenn man jedoch insbesondere über die Auflösung des Films etwas nachdenkt, wird die Nichtbeachtung plötzlich erklärbar. Regisseur Joe Wright – Oscar-erfahren dank „Abbitte“ – verweigert sich sowohl einem glückseligen Wohlfühlende als auch einer dramatischen Zuspitzung von Nathaniels Schicksal. Das lässt seinen Film zunächst etwas unentschlossen erscheinen. Letztlich ist es doch die richtige Entscheidung, da er sich seine Figuren nicht wider besseres Wissen zurechtbiegt.

Obwohl Titel, Plakat und Synopsis etwas anderes suggerieren, dreht sich in „Der Solist“ nicht alles um den Exoten Nathaniel Ayers und dessen fast schon manische Musikliebe. Im Grunde ist sogar L.A. Times-Kolumnist Steve Lopez die eigentliche Hauptfigur, was man schon daran erkennt, dass wir die Geschichte durch seine Augen erzählt bekommen. Wir lernen seinen nicht immer befriedigenden Job kennen, sein komplizierte Verhältnis zu seiner Noch-Ehefrau Mary (Catherine Keener), die zugleich sein Chef ist, und seine generelle Einstellung zu den kleinen und großen Dingen des Lebens. Nathaniels oftmals wirrer, ungeordneter Fluss an Assoziationen und Gedanken bleibt hingegen bis zuletzt ein nicht entschlüsselbares Mysterium.

Von gelegentlichen, kurzen Ausrutschern einmal abgesehen, vermeidet Wright es, sich einem allzu manipulativen Betroffenheitskino hinzugeben. Stattdessen bereitet er lieber seinen beiden Hauptdarstellern eine bisweilen recht unaufgeräumte Bühne. Diese wissen Jamie Foxx und vor allem Robert Downey Jr. dann auch höchst eindrucksvoll zu nutzen. Ihr Aufeinandertreffen verleiht einem nicht immer spektakulären Film das nötige Spektakel.

Marcus Wessel

Steve Lopez ist Reporter in Los Angeles. Um Karriere zu machen, braucht er gute Stories. Und da fällt ihm eines Tages eine in den Schoß.

Er trifft zufällig auf einen Straßenmusiker. Aber es ist kein gewöhnlicher, sondern der heruntergekommen aussehende Afro-Amerikaner Nathaniel Ayers, obdachlos, seine Habseligkeiten in einem Karren vor sich her schiebend, auf zwei Saiten einer Geige spielend, wirres Zeug redend, an Schizophrenie und Paranoia leidend.

Früher war Nathaniel eine Art Wunderkind mit seinem Cello – bis ihn die Krankheit ereilte.

Lopez berichtet über den Fall, erweckt bei den Lesern Anteilnahme, hat mit seinen Ayers-Kolumnen großen Erfolg und erhält dafür sogar einen Preis.

Doch nicht nur das. Er will den Musiker von der Straße weg bringen, ihm Unterricht verschaffen, seine versunkene Virtuosität wieder aufleben lassen.

Doch das ist leichter beabsichtigt als erreicht. Hartnäckig versucht Lopez es immer wieder, aber ebenso hartnäckig sind Ayers’ Weigerungen, Ängste, Panikattacken, Tobsuchtsanfälle.

Immerhin kommt es soweit, dass letzterer sich der Lamp Community anschließt, einer Organisation, die Obdachlose aufnimmt, verköstigt, verarztet, ihnen ein Dach über dem Kopf bietet. (Nicht weniger als 90 000 Obdachlose gibt es in Los Angeles.)

Lopez’ Freundschaft war für Nathaniel unzweifelhaft eine starke Hilfe, auch wenn die Krankheit als solche nicht zu heilen war. Gebessert hat sie sich allemal.

In Lopez hat sich dadurch jedenfalls ein Bewusstseinswandel vollzogen. Vielleicht kann er sogar zu seiner Ex-Frau (endlich wieder einmal Catherine Keener) zurückkehren.

Eine wahre – wenn auch in Teilen abgewandelte – Geschichte liegt zugrunde. Es ist ein harter Kampf zwischen den beiden Hauptbeteiligten: Hilfe und Freundschaft auf der einen Seite, guter Wille, Unfähigkeit, Krankheit auf der anderen – mit großen Gefühlen ziemlich eindrucksvoll inszeniert.

Eine besonders starke Leistung zeigt Robert Downey Jr. als Steve Lopez: ebenso unermüdlich wie umsorgend. Jamie Foxx übernahm den Part des kranken Ayers, eine insgesamt gut gelöste Aufgabe, aber so schwierig, dass manche Übertreibungen offenbar nicht zu vermeiden waren.

Thomas Engel