Unwertigen, Die

Der außergewöhnliche Dokumentarfilm „Die Unwertigen“ über Rassenhygiene und Eugenik im Dritten Reich bei Heimjugendlichen und Kindern ist ein wertvolles Dokument gegen Vergessen, Verdrängen und Verleugnen der Verbrechen aus der NS-Zeit. Mutig gibt Regisseurin Renate Günther-Greene mit ihrem ergreifenden Film den Ausgegrenzten von damals eine Stimme und ein Gesicht, bevor es zu spät ist. Menschliche Schicksale werden schmerzhaft lebendig. Gleichzeitig zwingt der erschütternde Film zu einem luziden Blick auf unser Erziehungssystem von den 50ziger Jahren bis heute.

Webseite: www.die-unwertigen.de

Deutschland 2009
Regie: Renate Günther-Greene
Kamera: Justyna Feicht
Schnitt: Margit Bauer
Darsteller: Richard Sucker, Günter Discher, Linda Toleikiene, Waltraut Richard, Elfriede Rybak, Heinz Schreyer
Länge: 86 Minuten
Verleih: Agentur Kulturprojektor
Kinostart: 19.11.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Bus, die Fenster verhängt mit dunklen Vorhängen, parkt auf dem hessischen Kalmenhof. „Da sind die Kinder ausgeladen worden“, spricht eine Stimme aus dem Off. Sie gehört Heinrich Lohne. Als Junge half er 1942 mit die angekommenen Kinder in die Krankenzimmer des Heims zu verfrachten. NS-Ärzte gaben ihnen dort die Todesspritze. Mehrere Tage litten die Opfer bis sie qualvoll starben. „Die hatten oft Schaum vor dem Mund“, weiß der ehemalige Schreinerlehrling. Später musste er die ermordeten Kinder auf dem Judenfriedhof in Idstein beerdigen. „565 waren es, an die ich mich noch deutlich erinnern kann“, sagt er, „die ich begraben habe“.

Der Kalmenhof war im Dritten Reich Durchgangsstation für Transporte in die Tötungsanstalt Hadamar. Ab 1941 mordeten NS-Ärzte im eigenen Krankenhaus Kinder, die sie willkürlich als „schwachsinnig“ diagnostiziert hatten. Auch Elfriede Rybak war im Kalmenhof. Das Waisenkind entkommt als junges Mädchen der Euthanasie. Doch „als Überbleibsel aus dem Dritten Reich“ bleibt die heute 77jährige bis 1970 dort eingesperrt. Sie bedient im Casino das Ärztepersonal. Ihre Kindheit stiehlt ihr das Nazi-Regime. Entlassen wird die 42jährige erst als eine Psychologin im Heim auf sie aufmerksam wird und sich für sie einsetzt.

Auf dem Plattenteller des alten Grammophons dreht sich eine Glenn Miller Scheibe. Plötzlich verzerren sich die Klänge des Big-Band-Sounds der Swingmusik. „Geheime Staatspolizei, Schutzhaftbefehl für Günther Leonhard Johannes Discher“, heißt es in Sütterlinschrift auf einem Stück vergilbtem Papier. Kurz danach, eingeblendet, ein maschinengeschriebener Brief von Heinrich Himmler, dem skrupellosesten Handlanger Hitlers, an Heydrich: „Lieber Heydrich, alle Rädelsführer der Swingjugend sind in Konzentrationslager einzuweisen, dort muss die Jugend erst mal Prügel bekommen und dann in schärfster Form exerziert und zur Arbeit angehalten werden.“ Auch Günther Discher, begeisterter Swing-Anhänger, holen die Nazi-Schergen ab. Der 17jährige kaufmännische Lehrling kommt als Rädelsführer ins Jugendkonzentrationslager Moringen. „Jetzt war man kein Mensch mehr“, sagt der heute 86jährige Hamburger, „nur noch eine Nummer“. Seine Liebe zur Swing-Musik konnten die Nazis ihm dennoch nicht austreiben.

„So sieht ein Ochsenziemer aus“, sagt Richard Sucker und erklärt: „Das ist der Penis eines Stieres oder Ochsen, damit kann man Ziegelsteine durchschlagen.“ Sein Heimleiter prügelte das „asoziale“ Kind täglich damit. 1935 wird der gebürtige Breslauer als unehelicher Sohn mit eineinhalb Jahren seiner Mutter weggenommen. Er lernt sie nie kennen, weiß nichts über sie. Als Jugendlicher leistet er Zwangsarbeit. Nach dem Krieg landet er in deutschen Heimen. Es ändert sich nichts. Sein Martyrium von Misshandlung und Zwangsarbeit setzt sich über Jahre fort. Heute kämpft Sucker mit andern Betroffenen als Zeuge im aktuellen Petitionsausschuss Heimkinder im Bundestag um eine Wiedergutmachung. Denn die Geschichte der Heimkinder ist nach wie vor ein blinder Fleck – nicht nur in der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

Derzeit bemüht sich der Runde Tisch Berlin der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe Gewalt in der Heimerziehung in den 1950er und 70er Jahren aufzuarbeiten. Dabei zeigt sich, dass es nicht nur um Einzelschicksale geht, sondern um ein System struktureller Gewalt in den Heimen. Dass dieses finstere Kapitel von Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe nicht zuletzt im wahnhaften NS-Wertesystem wurzelt, auch das macht die überfällige Dokumentation über die Opfer des Rassenhygienewahns der Nazis offenkundig.

Bewusst verzichtet Regisseurin Renate Günther-Greene bei ihrem erschütternden Dokumentarfilm auf einen Sprecherkommentar. Das verleiht den ruhigen atmosphärischen Bildern nur noch mehr Authentizität. Außerdem sprechen die Erzählungen der vier ehemaligen Heimkinder für sich. Beispielhaft behutsam, niemals distanzlos oder gar voyeuristisch, nähert sich die Kamera den Protagonisten. Auch, wenn das Erinnern an das empörende Unrecht – selbst für den Zuschauer – schmerzhaft ist, besticht der Film durch seine unaufdringlich, aufklärerische Haltung.

Luitgard Koch

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