Somewhere

Seit „Lost in Translation“ gilt Sofia Coppola als Meisterin des leisen Gefühls und der Melancholie. Für ihr neues Projekt „Somewhere“ tauscht die Oscar-Preisträgerin die Neonlichter der japanischen Metropole Tokio gegen das luxuriöse Hotel Chateau Marmont am weltberühmten Sunset Boulevard ein. Dort hat sich ein vom Leben gelangweilter Hollywood-Star einquartiert, der vom Besuch seiner 11-jährigen Tochter aus seiner dekadenten Lethargie gerissen wird. Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde Coppolas Sinnsuche unlängst mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet.

Webseite: www.somewhere-derfilm.de

USA 2010
Regie & Drehbuch: Sofia Coppola
Musik: Phoenix
Darsteller: Stephen Dorff, Elle Fanning, Chris Pontius, Michelle Monaghan
Laufzeit: 98 Minuten
Kinostart: 11.11.2010
Verleih: Tobis
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Sofia Coppola scheinen es Hotels als Bühne ihrer Geschichten über Einsamkeit und Entfremdung angetan zu haben. Es sind Orte, an denen sich Menschen meist für nur wenige Tage oder Wochen aufhalten, wo sie ihren stressigen Alltag vergessen oder wo ihr Beruf sie hinführt. Für den gefeierten Hollywood-Superstar Johnny Marco (Stephen Dorff) ist das legendäre Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard jedoch inzwischen mehr als nur eine Durchgangsstation. Er lebt dort in einer luxuriösen Suite, umgeben von fleißigen, meist unsichtbaren Helfern. Auf den ersten Blick ist es ein sorgenfreies Leben voller Luxus, um das man ihn beneiden möchte.

Da wir uns jedoch in einem Film von Sofia Coppola befinden, hält die schicke Fassade auch in diesem Fall einer näheren Betrachtung nicht stand. Johnny ist vielmehr gefangen in einem monotonen Alltag, aus dem ihm selbst sein teurer Ferrari und flüchtige Bettbekanntschaften nicht ausbrechen lassen. Beides scheint ohnehin mehr Teil des Problems als Teil einer möglichen Lösung. Allein die unregelmäßigen Besuche seiner 11-jährigen Tochter Cleo (Elle Fanning) aus einer gescheiterten Ehe lassen ihn die dekadente Tristesse seines Hotellebens kurzzeitig vergessen. Als Cleos Mutter für unbestimmte Zeit verreisen muss, soll Johnny auf seine Tochter aufpassen. Das erste Mal seit sehr langer Zeit verbringen beide mehr als nur einige Stunden zusammen.

Coppola begleitet Vater und Tochter bei ihrer zaghaften Annäherung, aus der – das ist kein Geheimnis – bei Johnny allmählich ein Bewusstseinswandel erwächst. Wie schon in „Lost in Translation“ kommt es auch in „Somewhere“ zu einer Kollision zweier Leben – weniger aus Zufall denn aus einer simplen Notwendigkeit. Am Ende, wenn sich die Wege der beiden wieder trennen, ist Johnny nicht länger der gelangweilte Hollywoodstar, als den wir ihn noch kennengelernt haben. Diese Form der inneren Läuterung erfuhr bereits Bill Murrays Figur in Coppolas zarter Tokio-Romanze, was sie in ihrer Wiederholung umso vorhersehbarer macht. Ohnehin wirkt der Film bisweilen wie Coppolas eigenes Remake ihres Oscar-Erfolgs. Auch hier bleibt die Kamera zumeist ein Beobachter scheinbar banaler Alltagserlebnisse. Mal wird ein Videospiel gezockt, dann zusammen gefrühstückt oder im Pool herumgealbert. Einen Kontrast bilden lediglich Johnnys Ausflüge in die von Coppola als absurden Zirkus enttarnte Welt des Showgeschäfts.

Es ist zugleich ein Mikrokosmos, den die Tochter von Regie-Legende Francis Ford Coppola aus eigener Anschauung nur zu genau kennt. Zu den komischen Höhepunkten zählt Johnnys Auftritt bei einer komplett sinnfreien Preisverleihung im italienischen Fernsehen. Auch dabei handelt es sich wiederum um die Spiegelung einer „Lost in Translation“-Episode, was letztlich die Frage aufwirft, inwieweit hier eine Regisseurin lediglich versucht, ihr bewährtes Erfolgsrezept zu kopieren. Für ihren letzten, zumindest formal durchaus experimentellen Geschichts-Popkultur-Mix „Marie Antoinette“ hatte sie viel (unberechtigte) Kritik und Häme einstecken müssen. Ihr Mut, ein filmisches Wagnis einzugehen, wurde nicht belohnt, was die Rückbesinnung auf Altbewährtes erklärt.

„Somewhere“ leidet über Gebühr unter dem Vergleich mit seinem Vorvorgänger, der wie ein unsichtbarer Zwilling stets präsent ist. Das ist bedauerlich, schließlich ist Coppolas neueste Arbeit das Gegenteil eines misslungenen Films. Immer wieder gibt es in den elegant gefilmten Hotelimpressionen Spannendes zu entdecken. Die intimen Szenen zwischen Vater und Tochter gehören dazu und bilden gewissermaßen das Herzstück dieser melancholischen, kleinen Sinnsuche, in der bereits ein Eis ausreicht, um selbiges zum Schmelzen zu bringen.

Marcus Wessel

Filmstadt Los Angeles. Hunderte würden es gerne schaffen, berühmt zu werden. Johnny Marco hat es geschafft. Seit er geschieden ist, residiert er in einem feudalen Hotel und fährt einen Superschlitten. Überall hängen Plakate von seinem nächsten Film.

Allerdings hat das Leben wie alles auch eine Kehrseite. Was ist, wenn die Premiere, die Partys, die Interviews, die Dates, die One-Night-Stands vorbei sind? Ziemliche Leere.

Zum Glück hat Marco die 11jährige Tochter Cleo. Zu den verabredeten Zeiten kann er sie treffen. Dann stehen gemeinsame Mahlzeiten, Eiskunstlauftraining oder Video-Spiele auf dem Programm.

Die Mutter verreist auf unbestimmte Zeit. Zum ersten Mal seit langem sind als Cleo und Marco aufeinander angewiesen. Eine Reise nach Mailand steht an. Marco wird dort einen Preis entgegennehmen. Die Veranstaltung fällt ziemlich skurril aus. Cleo gefällt’s.

Wenn Johnny Marco allein ist, wieder dieses Gefühl der Leere. Ist der Bekanntheitsgrad der Maßstab und der Inhalt seines Lebens? Das reicht nicht. Jetzt, nicht zuletzt durch die intensivere Begegnung mit seinem Kind, ist er sich dessen bewusst geworden. Er lässt seinen Superkarren am Straßenrand stehen und geht zu Fuß in eine neue Zukunft. „Somewhere“. Wie diese Zukunft aussehen wird, weiß kein Mensch. Ein sehr starker Abgang.

Die Kehrseite des Promi-, des VIP-, des Star-Lebens. Man hört von den Betroffenen Künstlern nicht selten, dass nach Höhepunkten im Berufsleben das Alleinsein in den Hotelfluchten folgt. Doch bei Johnny Marco geht es nicht nur um diesen periodisch wiederkehrenden luftleeren Raum, um diesen Nichtzustand. Es geht darum, ob sein Leben in die richtige Richtung läuft, ob es heißt „das war’s“.

Sofia Coppola analysiert und seziert den Kasus. Manchmal etwas zögerlich, aber doch geltend. Und mit einer Fragestellung, die keineswegs nur für Johnny Marco gilt. Sondern für eine Menge Menschen.

Mit den Darstellern hatte sie Glück. Stephen Dorff spielt einen glaubwürdigen Star – im Glanz und im Zweifel. Erstaunlich: die Darstellerin der Cleo obwohl noch blutjung ist ebenso glänzend.

Thomas Engel