Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Zeit. Man kann nie genug von ihr haben. Doch trotz immer niedriger Arbeitszeiten, immer neuer Techniken, die eigentlich Zeit sparen helfen sollen, haben immer mehr Menschen das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben. Den Ursachen dieses paradox anmutenden Zustands geht Florian Opitz in seiner über weite Strecken informativen Dokumentation nach.

Webseite: www.speed-derfilm.de

Deutschland 2012
Regie, Buch: Florian Opitz
Dokumentation
Länge: 95 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 27. September 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wer kennt es nicht, das Gefühl, keine Zeit zu haben. Beruf, Freunde, Familie, persönliche Interessen unter einen Hut zu bringen, dazu noch Sport zu betreiben, politisch informiert zu bleiben und natürlich regelmäßig ins Kino zu gehen, kann schnell überfordern. Und das, obwohl die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte die Kommunikation immer einfacher, unproblematischer, immer direkter und ja, auch schneller gemacht haben. Oder gerade deswegen? Gerade am Bildschirm Arbeitende, von denen es in den modernen Gesellschaften immer mehr gibt, kennen das Gefühl: Da will man einen Text schreiben, eine Tabelle erstellen, ein Foto bearbeiten und spürt doch ständig das Bedürfnis, mal eben emails zu checken oder die Nachrichtenlage zu überprüfen. Immer weniger Zeit, vor allem immer weniger Muße scheint man zu haben.

So ähnlich ging es auch dem in Berlin lebenden Filmemacher Florian Opitz, der als frischer Familienvater besonders mit der Zeit zu kämpfen hat. Seinem Beruf folgend hat Opitz die Fragestellung gleich in einen Film verarbeitet, der zum Teil sachliche Dokumentation ist, zum Teil eine sehr persönliche Suche nach Möglichkeiten, mehr Zeit zu haben.

„Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist in drei Segmente unterteilt. Im ersten betreibt Opitz eine Bestandsaufnahme seines Lebens, beschreibt, wie das Gefühl, keine Zeit zu haben gewachsen ist, lässt sich von einem Psychologen bestätigen, dass er zwar noch kein Burnout-Syndrom hat, aber auf dem besten Weg ist und beschließt somit, etwas zu verändern. Nur was? Vor einer Lösung muss natürlich erst die Ursache benannt werden, um die es im zweiten, dem interessantesten Teil des Films geht. Hier tritt vor allem der Soziologe Hartmut Rosa auf, der vor einigen Jahren die brillante Studie „Beschleunigung – Die Veränderung der Zeitstruktur“ vorgelegt hat, die die meisten Gedanken dieses Films weit vertieft. Rosa erklärt die Beschleunigung der Gesellschaft mit der Entwicklung des Kapitalismus. Der ist auf ständige Gewinnsteigerung aus, was nicht zuletzt durch beschleunigte Innovation erreicht wird, die sich in einer durch und durch kapitalistisch geprägten Gesellschaft auch auf alle anderen Sphären überträgt. Neben Rosa kommen Unternehmensberater, Broker und Wirtschaftsjournalisten zu Wort, die auf gleichermaßen faszinierende wie erschreckende Weise davon berichten, wie zunehmend automatisiert der Finanzmarkt funktioniert, da Entscheidungen schneller fallen müssen, als der Mensch handeln könnte. Das letzte Wort hat wiederum Rosa, der von einem Zirkel der Beschleunigung spricht, einem Hamsterrad, aus dem es kaum einen Ausweg zu geben scheint.

Und das ist das Problem, dem sich Opitz im letzten Drittel seines Films gegenübersieht: Einen gesamtgesellschaftlichen Ausstieg aus dieser Beschleunigungsspirale scheint es kaum zu geben, wie also eine Dokumentation zum Thema dennoch hoffnungsvoll enden lassen? Seine Lösung ist halbbacken. Zwar sind die Einzelschicksale der Aussteiger, die Opitz vorstellt, durchaus interessant – vom ehemaligen Banker, der nun Hüttenwirt ist, bis zum Gründer von Esprit, der nun eine Art Biofarm betriebt – nur exemplarisch sind sie keineswegs. Wenn man ohnehin Millionen auf dem Konto hat, ist das Aussteigen aus der Gesellschaft, der Rückzug in ein Ruhe und Gemütlichkeit versprechendes Landleben einfach, für die breite Masse der Bevölkerung aber keine realistische Möglichkeit. Doch Opitz ist von einer zu gutmeinenden Grundnaivität geprägt, als dass er die logische Konsequenz aus seinen Erkenntnissen ziehen würde. Statt die offensichtliche Kritik am kapitalistischen System fortzuführen, endet sein Film buchstäblich im Sandkasten, wo es sich die Kleinfamilie gemütlich gemacht hat.

Schade, dass Opitz gerade wenn es um die Lösungsmöglichkeiten geht, nicht mehr jene Klarheit zeigt, wie noch in der Analyse des Problems. Aber auch so bleibt „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ eine informative, teilweise sehr spannende Einführung in ein Problem, dass unsere Gesellschaft mehr prägt als man glaubt.

Michael Meyns