Süsses Gift – Hilfe als Geschäft

Der Dokumentarfilm "Süsses Gift – Hilfe als Geschäft“ ist eine Revision zu fünfzig Jahren Entwicklungshilfe in Afrika. Während westliche Organisationen glücklich sind, wenn ihre Hilfsprogramme verlängert werden, kommt Regisseur Peter Heller gemeinsam mit afrikanischen Intellektuellen zu einer anderen Einsicht: Hilfe ist ein gefährliches Suchtmittel und schafft Abhängigkeit. Der "afrikanische Patient" wird nur gesund durch eine radikale Entziehungskur.

Webseite: www.suessesgift.wfilm.de

Deutschland / Österreich 2012
Regie: Peter Heller
FSK: ohne Altersbeschränkung
Fassung: teilweise O.m.d.U. 
Länge: 89 Min.
Verleih: W-Film
Kinostart: 8.11.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Peter Heller hat in seinen Dokumentarfilmen schon viele heiße Eisen angepackt. Hier ist ein weiteres Beispiel. In den 60er Jahren wurden die afrikanischen Länder vom jahrzehntelangen Kolonialismus befreit. Wo stehen sie heute? Wie haben sie sich entwickelt? Mit den westlichen Ländern sind sie nicht vergleichbar. Die gesellschaftlichen Strukturen, die Mentalitäten, das Verhältnis der Stämme untereinander, die klimatischen Bedingungen, das Übergewicht der Landwirtschaft, die Art und Weise, mit der Nahrungsmittelvorsorge umzugehen – alles ist völlig anders.

Hellers Film versucht objektiv vorzugehen. Ausgangspunkt: Die Lage in Ländern wie Mali, Kenia, Uganda, Mauretanien, Kongo usw. ist nicht gut. Die Afrikaner sagen selbst, dass es 50 Jahre nach der Befreiung besser sein müsste. Wo liegen die Gründe?

Zum Teil an den schrecklichen Dürreperioden, die den Bauern das Vieh raubten. Zum großen Teil aber an der Entwicklungshilfe. Diese ist eine Industrie geworden. In Bamako zum Beispiel, der Hauptstadt von Mali, existieren 120 Hilfsorganisationen. Sie sind zum Teil seit Jahren im Land – und beinahe zum Selbstzweck geworden. Aus der Entwicklungshilfe ist Nothilfe und Hungerhilfe geworden. Wenn aber die westlichen Flugzeuge die Nahrung bringen, wie soll dann ein Anreiz zur landwirtschaftlichen Produktion geschaffen werden? Vom Virus Entwicklungshilfe ist die Rede. Lediglich eine Starthilfe gälte als sinnvoll.

Von den von den Regierungen bereitgestellten Finanzen profitieren westliche Firmen, die Staudämme oder Fischverarbeitungsfabriken bauen. Das Entwicklungshilfegeld fließt also in die Geberländer zurück. Mali baut Baumwolle an, muss aber die daraus gefertigten Hemden importieren. Die Abhängigkeit ist total. Laut Hellers Film arbeiten 17 000 Deutsche in der Entwicklungshilfe.

„Die Hilfe zerstört“, sagen manche Afrikaner. Oder: Hilfe ist ein Geschäft. Hunger ist ein Geschäft. Sie sprechen von der Hilfefalle. Wie kann so etwas noch sinnvoll sein?

Natürlich liegt der Fehler auch reichlich in Afrika selbst. Heller berichtet von einem Land, in dem der Bauernstand 60 Prozent ausmacht, die staatlichen Investitionen für die Landwirtschaft sich aber nur auf 10 Prozent belaufen. Auch die Korruption blüht nach wie vor.

Gottlob gibt es auch sehr positive Beispiele. Bio-Betriebe werden aufgebaut, viele afrikanische Fachleute ermuntern die Bevölkerung, wirken der weitverbreiteten Lethargie entgegen. Letzten Endes entsteht doch das Bewusstsein, dass Afrika von selbst hochkommen muss. Allerdings wird dies wohl noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Peter Hellers Film ist verdienstvoll, weil er so objektiv wie möglich und an vielen filmisch plausiblen Beispielen das Problem ausbreitet. Dieses Problem allerdings ist so groß wie der Kontinent Afrika selbst.

Thomas Engel