Sweeney Todd

Ein Friseur sieht rot. In Stephen Sondheims Musical-Thriller Sweeney Todd übt ein zu Unrecht Verurteilter blutige Rache an seinen Peinigern. Tim Burton nahm sich den düsteren Stoff nun als Kinofilm vor. Seine sechste Zusammenarbeit mit Johnny Depp vereint große Gefühle mit expliziter Gewalt und einer pittoresk-morbiden Optik. Burtons Ehefrau Helena Bonham Carter, Alan Rickman und der britische Comedian Sacha Baron Cohen komplettieren die größtenteils Musical-unerfahrene Besetzung.

Webseite: www.sweeneytodd-derfilm.de

Sweeney Todd – Der teuflische Barbier aus der Fleet Street
OT: Sweeney Todd – The Demon Barber of Fleet Street
USA 2007
Regie: Tim Burton
Drehbuch: John Logan nach dem gleichnamigen Musical von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler
Kamera: Dariusz Wolski
Ausstattung: Dante Ferretti
Mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Timothy Spall, Jayne Wisener, Jamie Campbell Bower, Sacha Baron Cohen
Kinostart: 21.2.2008
Verleih: Warner

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ihm und seiner Familie ist unbeschreibliches Unrecht widerfahren. Benjamin Barker (Johnny Depp) landet für 15 Jahre unschuldig hinter Gittern. Zu allem Überfluss muss er die Strafe am anderen Ende der Welt absitzen, während seine Frau und Tochter in die Hände des skrupellosen Richter Turpin (Alan Rickman) fallen. Doch Barker entkommt und kehrt in seine Heimatstadt London zurück, wo er sein grausames Schicksal auf ebenso grausame Weise rächen will. Er erfährt, dass seine Frau von Turpin missbraucht wurde. Daraufhin habe sie sich das Leben genommen. Barkers inzwischen halbwüchsige Tochter Johanna (Jayne Wisener) lebt derweil wie eine Gefangene in Turpins Haus. Der einflussreiche Richter hat sich in das bildschöne Mädchen unsterblich verliebt und betrachtet sie als seinen Besitz. Bei seinen Racheplänen erfährt Barker, der sich fortan „Sweeney Todd“ nennt, Unterstützung von Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter). Die Witwe betreibt unterhalb des Friseurladens ein schlecht gehendes Pasteten-Geschäft. Erst als sie ihre Backwaren mit dem Fleisch von Sweeneys Opfern „verfeinert“, kann sie sich vor Kunden nicht mehr retten.

 

Allein die Ankündigung, dass Tim Burton bei der Verfilmung des erfolgreichen Bühnenstücks und Musicals auf dem Regiestuhl Platz nehmen wird, trieb die Erwartungshaltung in schwindelerregende Höhen. Denn obwohl der eigenwillige Filmemacher noch nie zuvor ein Musical inszeniert hatte, schien er angesichts seiner Vorliebe für märchenhafte Grusel-Geschichten geradezu prädestiniert für den düsteren Stoff. Deshalb zunächst das Wichtigste: Sweeney Todd bietet Burton in hochgradig konzentrierter Form. Jede Szene, jedes der schaurig-schönen Sets, die der mehrfache Oscar-Preisträger Dante Ferretti in Anlehnung an das viktorianische England der Jack the Ripper-Zeit entwarf, sind von seiner morbiden Ästhetik durchzogen.

Die hochstilisierte Optik mit ihrer stark auf verwaschene Grau- und Brauntöne reduzierten Farbpalette erinnert an ältere Burton-Filme wie Edward mit den Scherenhänden und vor allem Sleepy Hollow. Dass in beiden auch Johnny Depp die Hauptrolle übernahm, dürfte kaum ein Zufall sein. Denn in Depps Darstellung des einsamen, von Rachegelüsten infizierten Friseurs spiegeln sich ebenfalls vieler seiner früheren Rollen wider. Insgesamt sechs Mal arbeitete er mit Burton bereits zusammen. Die beiden sind ein eingespieltes Team. Depp ist am besten, wenn er unter Burton spielt und vice versa.

Depp meistert die Musicaleinlagen mit Bravour. Seine sonore Stimme passt perfekt zu Sweeney Todds mysteriösen, dunklen Charakter und zur düsteren Atmosphäre, die der Film mit seiner verstörend schönen wie blutigen Einleitungssequenz vorgibt. Helena Bonham Carter, Burtons Ehefrau und die zweite schauspielerische Konstante während seiner letzten Arbeiten, merkt man dagegen an, dass das Musical nicht unbedingt ihre Domäne ist. In anspruchsvolleren Gesangspassagen wirkt Bonhams Stimme allzu dünn.

Für die Umsetzung des Broadway-Musicals von Stephen Sondheim und Hugh Wheeler mussten einzelne Stücke filmgerecht gekürzt und umgeschrieben werden. Burton schaffte es, die Spielszenen und Musicaleinlagen sanft ineinander fließen zu lassen, wodurch sich ein organisches Ganzes ergibt. Ein gewisses Faible für das Musical-Genre sollte man allerdings schon mitbringen, immerhin wird hier ausgiebig bei jeder sich bietenden Gelegenheit gesungen und musiziert.

Seit seiner Uraufführung im Jahr 1979 erfreute sich Sondheims musikalische Interpretation der Sweeney-Legende einer stetig wachsenden Fangemeinde. Die vom Filmkomponisten Bernard Herrmann beeinflussten Songs erwiesen sich als ideale Untermalung einer zu gleichen Teilen brutalen wie zärtlichen Geschichte. Der Film konserviert diese Essenz. Bei Burton stehen das Drama und die Horrorelemente gleichberechtigt nebeneinander. Wenn Sweeney Tood seinen blutigen Racheplan in die Tat umsetzt, fühlt er keine Genugtuung oder gar Freude. Ihm geht es vielmehr darum, dass diejenigen, die ihm alles genommen haben, seinen Schmerz teilen. Zumindest für den Bruchteil einer Sekunde. Bis die Klinge ihre Arbeit vollbracht hat.

Marcus Wessel

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Frühes 20. Jahrhundert. Der Londoner Fleet-Street-Friseur Sweeney Todd ist liiert mit einer jungen blonden strahlenden Frau mit Nachwuchs. Sie wird ihm aus sexueller Gier von dem niederträchtigen Richter Turpin weggenommen. Todd landet unschuldig hinter Gittern.

Nach langer Zeit wieder in Freiheit, sinnt er auf was? Auf Rache natürlich. Aber diese erstreckt sich nicht nur auf Turpin und seinen Gehilfen Bamford, sondern auf so gut wie alle Kunden. Todd gibt vor, sie zu rasieren, schneidet ihnen aber in Wirklichkeit den Hals durch und – lässt sie von seiner Geschäftspartnerin und Geliebten, der Bäckerin Mrs. Lovett, zu Fleischpasteten verarbeiten.

Irgendwann gelingt es Todd, die von Turpin lange festgehaltene, später abgelegte und sogar ins Irrenhaus abgeschobene Frau zu befreien, den Richter unter einem Vorwand zu sich zu locken und ebenfalls ins Jenseits zu befördern.

Aber dem Bösewicht Sweeney Todd passiert auch eine furchtbare Verwechslung. Wird ihn vielleicht das gleiche Schicksal ereilen wie seine Kunden?

Tim Burton hat hier ein düsteres, grausiges, musicalartiges Stück wirkungsvoll inszeniert. Die zum Teil singenden Johnny Depp und Helena Bonham Carter als das dämonische Paar sowie Alan Rickman (Turpin) und Timothy Spall (Bamford) machen ihre Sache äußerst gut, aber alles spielt sich in einer finsteren, fahlen, monochromen Atmosphäre ab. Außer 20, 30 hübsch arrangierten Bildern wird es niemals hell. Stilistisch und vom Milieu her ist das allerdings künstlerisch konsequent. Es gibt dafür sicherlich Liebhaber, vielleicht sogar viele. Eine Oscar-Nominierung steht bereits.

Thomas Engel