Actrices

Die zweite Regiearbeit der Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi ist durch und durch französisch. Mit sich selbst in der Hauptrolle inszeniert sie ein Spiel mit Metaebenen, ein Film im Film bzw. ein Theaterstück im Film, dass das wirkliche Leben der Figuren spiegelt. Ein wenig verzettelt sich der Film zwar in seinen vielen Bedeutungsebenen, doch immer wieder gelingen Bruni-Tedeschi mit ihrem starken Ensemble hellsichtige Momente, die das Thema des Films – die Probleme und Träume der Frau um die vierzig – von verschiedenen Seiten beleuchten.

Webseite: www.actrices-der-film.de

Frankreich 2007
Regie: Valeria Bruni-Tedeschi
Buch: Valeria Bruni-Tedeschi, Noémie Lvovsky, Agnès de Sacy
Darsteller: Valeria Bruni-Tedeschi, Louis Garrel, Noémie Lvovsky, Mathieu Amalric, Valeria Golino, Bernard Nissile
107 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Piffl
Kinostart: 17. April 2007

PRESSESTIMMEN:

Erzählt ziemlich anrührend vom Aufruhr der Gefühle im Leben einer 40-jährigen Schauspielerin… Valeria Bruni-Tedeschi gelingt es, den Figuren selbst in ihren lächerlichen Momenten tragische Größe zu verleihen.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Schon die erste eigene Regiearbeit der italienisch-französischen Schauspielerin (und zukünftigen Schwägerin des französischen Staatspräsidentin) Valeria Bruni-Tedeschi war in hohem Maße autobiographisch. Und auch „Actrices“, der, wie der Titel schon sagt, im Schauspielermilieu angesiedelt ist, benutzt vielfältige Verweise zwischen Bruni-Tedeschi und der von ihr gespielten Rolle. Das Spiel mit Fakt und Fiktion, Rolle und Realität, dass eines der zentralen Merkmale des Films ist, geht also auch über die Fiktion hinaus und bezieht die Wirklichkeit mit ein.

Bruni-Tedeschi spielt die Schauspielerin Marcelinne, die nach Paris zieht, um am Theater in Turgenews „Ein Monat auf dem Lande“ die Hauptrolle zu spielen. Im Stück spielt sie die neurotische Natalia Petrowna, die zwischen verschiedenen Männern, älteren und jüngeren, hin- und hergerissen ist. In der Realität ist Marcelinne ebenfalls eine neurotische Frau, die kurz vor ihrem 40. Geburtstag, ohne Mann dasteht und ihre biologische Uhr immer lauter ticken hört. Diverse Männer, ältere und jüngere, bieten sich als Liebhaber und vor allem Väter an, doch Marcelinne ist viel zu sehr mit sich und ihren Neurosen beschäftigt, um festzustellen, wer der Richtige ist. Mit dem schwulen, ebenfalls latent neurotischem Regisseur Denis (Mathie Amalric) hat sie ein kurzes Techtelmechtel, ihr Exfreund Jean-Paul (Bernard Nissile) – inzwischen Vater von Zwillingen – taucht kurzfristig wieder auf und dann ist da noch der junge Schauspieler Eric (Louis Garrel). Im Stück spielt er den jungen Liebhaber von Natalia und auch in der Realität scheint er es als einziger ernst zu meinen, doch Marcelinne erkennt es nicht. Jenseits dieses Haupterzählstranges (der allerdings alles andere als zwingend abläuft) mäandert der Film viel in loser Szenenfolge zwischen diversen Schauplätzen und Motiven hin und her. Viel Zeit verbringt er mit der Regieassistentin Nathalie (Noémie Lvovsky, die auch am Drehbuch mitarbeitete), ihrer scheiternden Ehe und ihrer Besessenheit mit dem Regisseur. In kurzen Szenen tauchen Marcelinnes verstorbener Vater und Liebhaber auf, schließlich sogar Natalia Petrowna selbst, gespielt von Valeria Golino.

Wenn sich dann Rolle und Schauspielerin im Kostüm der Rolle gegenüberstehen, hat das Spiel mit den Metaebenen seinen Höhepunkt erreicht. Dass dabei nicht immer die Übersicht gewahrt bleibt, es Bruni-Tedeschi anders als etwa Jacques Rivette in ähnlich angelegten Filmen wie „Die Viererbande“ oder Va Savoir“ nicht gelingt, der Dopplung der Figuren mehr abzugewinnen, als eben genau das: eine Dopplung, ist die größte Schwäche des Films. Man merkt „Actrices“ seine Ambition an auf ungewöhnliche Weise über Frauen um die 40 zu erzählen, in künstlerischen Berufen auch noch, wo mit diesem Alter genau das Loch zwischen jungen, oft auf Attraktivität ausgerichteten Rollen und älteren, Reife verlangenden erreicht ist. Das Ergebnis ist ein oft arg neurotischer, versponnener Film, allerdings voll von schönen, kleinen Momenten, witzigen Dialogen und Szenen und einem unbeschwert aufspielendem Ensemble.

Michael Meyns

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Die 40jährige Marcelline Birovsky ist Schauspielerin. Derzeit probt sie unter ihrem Regisseur Denis ein Turgenjew-Stück. Darin spielt sie die Natalja Petrowna, die den jungen Hauslehrer Alexej Nikolajewitsch liebt. 

Marcelline ist zwar ein Vollblutprofi, was man aus jeder ihrer Spielszenen und Gesten herausspürt. Aber sie ist auch eine Frau, und zwar eine leicht irre und im Tiefsten ihres Herzens unglückliche. In der Liebe hatte sie wenig Glück: Mit Julien, Arthur und den anderen war das nichts. Julien ist schon lange tot, Arthur hat Frau und Zwillinge. Marcelline hätte gerne einen Mann und ein Kind. Gebete zur Jungfrau Maria, Arztbesuche und Hormonpräparate nützen nichts, wenn’s privat nie klappt. 

Zwischen Theaterproben sowie –aufführungen und persönlichen Befindlichkeiten geht das hin und her. Schauspiel und Leben vermischen sich ständig. Parallel verlaufen literarisches Drama und Realität. Beispielsweise wenn wie bei Turgenjew die Petrowna den Alexej begehrt – und Marcelline den Darsteller eben dieses Alexej (ihn aber nicht bekommt). 

Interessant auch die Nebenhandlungen, das Drama um die Regieassistentin zum Beispiel, die nicht ihren Mann liebt, sondern Denis, den Regisseur. Oder die Rolle des alter ego von Marcelline. Auch die Konfrontation zwischen Denis und Marcelline, die in einer halben Vergewaltigung gipfelt. Schließlich die Begegnungen mit den „Verflossenen“. 

Valeria Bruni-Tedeschi ist die Hauptautorin, die Darstellerin der Marcelline und die Regisseurin. Um sie sind das Geschehen und die übrigen Personen gruppiert. Sie spielt sich sowohl als wichtigste Urheberin des Films als auch in der Rolle der Marcelline stark in den Vordergrund. Nicht zu Unrecht allerdings, denn sie agiert wie meistens gut: manchmal exaltiert, manchmal als Unglückliche, manchmal ausdrucksstark, manchmal die Verlegene gebend, manchmal egozentrisch, manchmal bis ins Psychiatrische gehend, manchmal als „Nabel der Welt“ auftretend, manchmal am Boden zerstört. Ist da etwa Autobiographisches dran?

Der nicht unkomplizierte Film ist geschickt geschnitten. Ziemlich originelle Szenen, auch Improvisationen, sind da zu sehen. Sparsame aber der Situation angemessene Musik erklingt. Die „Nebendarsteller“ können Frau Bruni-Tedeschi durchaus das Wasser reichen. Größere Schwächen des Films? Fehlanzeige.

Thomas Engel