Tableau Noir – Eine Zwergschule in den Bergen

Jahrelang beobachtete der Schweizer Regisseur Yves Yersin die Schüler einer kleinen, integrativen Schule in den Bergen des Juras und formte aus den Eindrücken „Tableau Noir – Eine Zwergschule in den Bergen“, einen bemerkenswerten Dokumentarfilm, der mit zurückhaltender Beobachtung den Alltag der Schüler und ihres Lehrers schildert.

Webseite: www.dejavu-film.de

Schweiz 2013
Regie: Yves Yersin
Dokumentation
Länge: 117 Minuten
Verleih: dejavu-Film
Kinostart: 16. Oktober 2014

FILMKRITIK:

Seit über 40 Jahren ist der inzwischen 61jährige Gilbert Hirschi Lehrer in der kleinen Schule La Montagne im abgelegenen Derrière-Pertuis. Nur eine Klasse gibt es, in der Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren gemeinsam unterrichtet werden: In klassischen Fächern wie Mathematik, Sprache oder Biologie, aber auch in den Dingen des Lebens. Hirschi macht mit seinen Zöglingen Ausflüge in die Natur, besucht Bauern der Umgebung ebenso wie die lokale Kirche und vermitteln ihnen so einen umfassenden Blick auf eine sich verändernde Welt.
 
Doch über der Schule hängt ein Damoklesschwert: Ein guter Teil der Bewohner der Region verlangt die Schließung der Schule, die zwar seit Jahrzehnten existiert, aber durch niedrige Geburtenraten immer weniger Schüler hat. Und die mit ihren traditionellen Lernmethoden, die völlig auf Computer oder andere Dinge der Moderne verzichtet, wie aus der Welt gefallen wirkt.
 
2008 wurde die Schule dann tatsächlich geschlossen, in den Jahren zuvor hatte Yves Yersin hunderte Stunden Material gefilmt aus denen er in langer Schneidearbeit einen gut zweistündigen Film geformt hat, der als dramaturgisches Konstrukt den Verlauf eines Schuljahres wählt. Eingeteilt ist „Tableau Noir – Eine Zwergschule in den Bergen“ in acht Kapitel, deren Titel mit Kreide auf eine Tafel geschrieben werden: Am Anfang blanc-weiß, am Ende noir-schwarz.
 
Auch wenn Yves Yersin die Schließung der Schule bedauern mag, ein Pamphlet für diese Art der Erziehung ist sein Film nicht. Sein Augenmerk ist ganz auf die Kinder gerichtet, die er mit Funkmikrofonen ausgestattet hat, die große Variabilität ermöglichten. Erstaunlich natürlich agieren die Kinder vor der Kamera und scheinen die Anwesenheit der Filmemacher schon bald als selbstverständlich empfunden zu haben. Sei es beim Lernen, bei gelegentlichen Konflikten, Ausflügen, der aufregenden Wahl des Klassensprechers oder bei einer Schulaufführung: Yersins Kamera ist stets hautnah dabei.
 
Das „Tableau Noir – Eine Zwergschule in den Bergen“ unweigerlich Erinnerungen an den großen Erfolg „Sein und Haben“ weckt, liegt angesichts der ähnlichen Thematik auf der Hand. Hier wie da zeigen die Filmemacher außergewöhnliche Schulen, in denen engagierte Lehrer gegen viele Widerstände eine andere und in den Augen der Regisseure fraglos auch bessere Form des Unterrichtens praktizieren.
 
Trotz seiner dokumentarischen Zurückhaltung macht diese zwar verhohlene, aber doch offensichtliche Haltung auch Yves Yersins Film zu einem Plädoyer für die Art der Schule, wie sie in Derrière-Pertuis praktiziert wird. Einige Wehmut schwingt dadurch stets mit, wenn die Schließung der Schule unabwendbar geworden ist und Gilbert Hirschi jahrzehntelange Arbeit auf einmal nicht mehr erwünscht ist. Doch welche Spuren er hinterlassen hat zeigen nicht nur die weinenden Erwachsenen bei Hirschis Abschied, die vor Jahren selbst in die Schule gegangen sind, deren letzte Schüler nun ihre Kinder sind. Das zeigt vor allem auch Yersins Dokumentation selbst, die nicht zuletzt eine Hommage an einen außergewöhnlichen Lehrer und eine außergewöhnliche Schule ist.
 
Michael Meyns