Tabu – Eine Geschichte von Liebe und Schuld

Es geht um ein melancholisches Krokodil, traurige Frauen in Lissabon und eine tragische Liebesgeschichte im kolonialen Mosambik. Vor allem aber ist „Tabu“ eine Zeitreise in die große Zeit der Stummfilme. Anders als „The Artist“ imitiert der portugiesische Regisseur Miguel Gomes aber keinen Stummfilm, sondern evoziert mit völlig eigenen Mitteln deren Intensität und Melodramatik. Dabei entsteht ein zutiefst melancholisches Filmjuwel, das weit mehr ist als eine Hommage an F.W. Murnaus gleichnamigen Klassiker. Ausgezeichnet bei der Berlinale 2012 mit dem FIPRESCI-Kritikerpreis.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Originaltitel: Tabu
Portugal/Deutschland/Brasilien/Frankreich 2012
Regie: Miguel Gomes
Buch: Miguel Gomes, Mariana Ricardo
Darsteller: Teresa Madruga, Laura Soveral, Ana Moreira, Henrique Espirito Santo
Länge: 111 Minuten
Kinostart: 20. Dezember 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Lissabon: Die alleinstehende Pilar ist gläubig und will Gutes tun. Aufopfernd kümmert sie sich um ihre alte Nachbarin Aurora. Wenn die achtzigjährige Dame mal wieder ihr letztes Geld im Spielkasino verloren hat, holt Pilar sie ab. Außerdem behauptet Aurora, ihre kapverdische Hauhälterin Santa verhexe sie und halte sie in ihrer Wohnung gefangen – alles auf Betreiben ihrer eigenen Tochter, die vor Jahren nach Kanada auswanderte. Im Lauf der Zeit wird Aurora immer schwächer. Sie kommt ins Krankenhaus, wo sie bald im Sterben liegt. Ihren letzten Wuch schreibt sie auf Santas Hand: Sie möchte ein letztes Mal einen Mann namens Gian Luca sehen. Pilar macht ihn in Lissabon ausfindig. Von ihm erfährt sie Auroras tragische Lebensgeschichte, die eng mit seiner eigenen verbunden ist und 50 Jahre in die Vergangenheit und nach Mosambik führt.

Ist das Kino angesichts der Konkurrenz von Internet, Flatscreens und TV-Serien nicht längst dem Untergang geweiht? Immer wieder werden dafür Argumente ins Feld geführt, vor allem gegen die Konkurrenz der erzählerisch so brillanten modernen Serien wirke das Kino altmodisch und blutleer. Man könnte sogar Dramen, die wie „The Artist“ und „Tabu“ mit Wehmut auf die große Zeit des Kinos zurückblicken, für ein weiteres Indiz seines bevorstehenden Untergangs werten. Nun sind diese Diskussionen keineswegs neu, sie datieren schon zurück zur Einführung des Tons, und auch nach dem Siegeszug des Fernsehens in den Fünfzigern schien das Kino am Ende. Eingetreten ist die Prognose nie, und das mit gutem Grund. Zu tief ist es in unserer kulturellen DNA verwurzelt, ist gleichzeitig Illusionsmaschine und ein Ort, an dem jeder Zuschauer unweigerlich mit seinem Verhältnis zur Welt ringt. Es sind die Filme abseits vom tatsächlich oft leeren Blockbuster-Mainstream, die uns noch immer und immer wieder mit ihrer ganz eigenen Sprache herausfordern und die Welt wenn nicht verständlicher, so doch für einen kurzen Moment sinnlich greifbar machen. Ein solch einzigartiger Fim ist „Tabu“. Er erzählt von dem Ort, aus dem er stammt: dem Kino. Und das auf eine Weise, für die es keine andere Sprache als die des Films gibt. Und die nur im dunklen Saal ihre Magie entfaltet.

Regisseur Miguel Gomes hat „Tabu“ in drei Teile geteilt: In einer kurzen Exposition, die bereits die Atmosphäre klassischer Stummfilme herbeizaubert, begegnet ein trauernder Großwildjäger einem Krokodil, in dem er seine verstorbene Frau zu erkennen glaubt. Dann führt die Geschichte in das Lissabon der Gegenwart, um schließkich in einer langen Rückblende zurück nach Afrika in die koloniale Vergangenheit Portugals zu schwenken. Die jeweiligen Teile unterscheiden sich in visueller Gestaltung und Erzählhaltung erheblich voneinander: Exposition und Abschluss entstanden auf 16 mm-Material. Es sind keine Dialoge hörbar, die Schauspieler bewegen stumm die Lippen, aber im Gegensatz zu einem echten Stummfilm erzählt ein Erzähler die Geschichte, auch Alltagsgeräusche werden nicht ausgeblendet. Es scheint, als müsse dadurch eine Distanz zwischen Zuschauer und Film entstehen, aber das Gegenteil ist der Fall: die tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergund des bevorstehenden Kolonialkrieges entfaltet einen unglaublichen Sog. Sie arbeitet mit klassischen Versatzstücken, die fast unmerklich ins Exzentrische verschoben werden, ohne aber in Satire abzugleiten. Gomes erschafft eine Reflexion über Erzähltraditionen des Kinos und setzt diese gleichzeitig ungemein effektiv ein.

Im Gegensatz dazu ist die Geschichte von Pilar in 35 mm gedreht, und wenn die Figuren hier auch sprechen, so wandeln sie doch lethargisch, wie traumverloren durch Lissabon. Auch die Gegenwart betrachtet „Tabu“ wie durch einen Zeittunnel aus den Zwanzigern. Man spürt die Patina, die auf den Bildern liegt, aber gleichzeitig wirkt diese Art des Erzählens sehr modern. „Tabu“ ist ein Film, der dem Zwischenreich des Traumes entstammt und von dieser Herkunft erzählt, ohne sie je zu thematisieren. Wer ein Herz für das Kino hat, wird den magischen Ort beglückt verlassen.

Oliver Kaever

Eine zweiteilige Schicksalsgeschichte, die zu Beginn ein wenig im Unklaren lässt, mit der Zeit jedoch mehr und mehr gefangen nimmt.

Lissabon. Pilar ist eine fromme Frau, die auf andere achtet, ihnen Gutes tut. Ihre Nachbarin ist die alte Aurora, die von ihrer kapverdischen Haushälterin Santa gepflegt wird. Pilar schaut bei Aurora immer wieder nach dem Rechten. Die alte beschuldigt nämlich Santa, sie mit Voodoo-Formeln zu verhexen. Denn sie ist zwar äußerlich noch quicklebendig, verspielt zudem im Casino ihr ganzes Geld, geistig jedoch schon etwas hinüber. Als sie stirbt, verlangt sie nach einem gewissen Gian Luca Ventura. Was steckt dahinter?

Jetzt geht der Film 50 Jahre zurück, der zweite Teil beginnt. Die Portugiesen haben noch ihre Kolonien, beherrschen sie, beuten sie aus. Die Besatzer führen ein ziemlich luxuriöses Leben. Die schöne Aurora ist verheiratet. Lange geht das gut. Dann beginnt ihr Leben der Leidenschaft mit Gian Luca. Als es deswegen zu einer harten Auseinandersetzung kommt, endet diese tödlich. Die Schützin ist Aurora, Gian Luca aber nimmt alles auf sich.

Das tragische Ende reißt die beiden auseinander, obwohl sie offenbar nicht weit voneinander entfernt leben. Erst Auroras Tod bringt Gian Luca wieder ins Spiel.

Es ist ein Schwarzweißfilm und über weite Strecken ein Stummfilm, der von einem Voice-over-Kommentar begleitet wird. Geschildert wird vom Äußeren her das „Paradies“ der Kolonialzeit, das für die einheimischen Bewohner von Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik oder Angola wegen vieler Exzesse bestimmt keines War.

Geschildert wird aber vor allem im Innern die gefangen nehmende Liebesgeschichte der beiden, deren Intensität so stark ist, dass sie die Tragik oder gar das Verbrechen nicht scheut.

Ein Film, bei dem man einige Zeit braucht, um den Zugang zu finden, der dann aber menschlich und zum Teil auch politisch-historisch ebenso interessant wie bewegend wird. Insgesamt ein schönes, formal beispielloses portugiesisches Kinostück.

Thomas Engel